LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung von 614 US-Startups zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Venture-Finanzierung und dem Risiko späterer Betrugsvorwürfe. Nach einem IPO sind VC-gestützte Firmen laut NBER-Arbeitspapier 54% häufiger mit Fraud-Litigation konfrontiert. Besonders stark wirkt die Kontrolle des Boards durch Gründer: Die Studie nennt 88% höhere Wahrscheinlichkeit. Gleichzeitig bleibt die Marktdisziplin erstaunlich schwach, weil betroffene Gründer weiter neue Startups aufbauen und Geld einsammeln.

NBER-Studie: Venture-Backed Startups sind 54% häufiger von Fraud-Klagen betroffen
NBER-Studie: Venture-Backed Startups sind 54% häufiger von Fraud-Klagen betroffen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um Startup-Betrug bekommt mit dem NBER-Arbeitspapier „Venture Fraud“ eine zusätzliche Schärfe: Es geht nicht mehr nur um Einzelfälle oder um den Eindruck, dass „irgendwo“ bei Wachstumsstorys etwas schiefläuft. Die Autoren Alexander Dyck, Yifan Freda Fang, Camille Hebert und Ting Xu (University of Toronto, Rotman School of Management) untersuchten 614 in den USA venture-gestützte Unternehmen, die seit 2000 gegründet wurden und die entweder in Betrugsfällen verwickelt waren oder zumindest glaubwürdige Betrugsvorwürfe im Raum standen. Das NBER führt das Papier als Working Paper 34868. Für Entscheider ist vor allem die zeitliche Zuordnung relevant: In den Jahren nach einem IPO waren VC-gestützte Firmen laut Studie 54% häufiger Ziel von Fraud-Litigation als vergleichbare Unternehmen ohne VC-Unterstützung.

Was den Datensatz von „normalen“ Startup-Schicksalen abgrenzt, beschreibt der Rotman-Überblick relativ deutlich: Die Fälle umfassen Aktivitäten von SEC und DOJ, Anteilseignerklagen, securities class actions sowie als glaubwürdig eingeordnete Medienvorwürfe. Zentral ist dabei die Art der behaupteten Falschdarstellungen. Es geht um vermeintlich irreführende Angaben zu Finanzkennzahlen, zu Technologie, zu Kunden oder zur Verwendung von Investorengeldern. Damit rückt ein technisches und operatives Muster in den Fokus, das in frühen Phasen oft als „Wachstumserzählung“ verkauft wird: Wo Kennzahlen noch nicht belastbar sind, entsteht ein Risiko, dass sie später nachträglich als zu positiv dargestellt werden. Die Studie beschreibt außerdem, dass Betrug nicht als Zufall über alle Stadien verteilt ist, sondern sich an bekannten Drehpunkten verdichtet.

Ein solcher Drehpunkt ist der „hot round“, also eine frühe Finanzierungsrunde in einer Phase, in der Bewertungen stark steigen und Markterwartungen unter Zeitdruck in Decks übersetzt werden. Laut den Autoren sind Startups, die in solchen Bewertungsbooms früh Geld einsammelten, später häufiger Ziel von Fraud-Ladungen. Die Logik dahinter ist weniger mysteriös, als sie klingt: Ein hoher Einstiegskurs wird zur impliziten Verbindlichkeit. Die nächste Investorenrunde muss diese Zahl plausibilisieren – oft mit neuen Kennzahlen, die noch nicht lange genug erhoben oder zu belastbar interpretiert sind. Unter Druck kann dabei aus „kurzfristig optimistisch“ sehr schnell „systematisch zu weit weg vom realen Bild“ werden. Hinzu kommt ein Governance-Faktor, der in der Studie sogar noch stärker ausfällt.

Boards sind in der VC-Welt häufig dafür gebaut, die nächste Runde abzusichern – weniger dafür, fortlaufend zu überwachen, was nach dem Geld tatsächlich passiert. Besonders deutlich macht das Papier den Effekt der Board-Kontrolle: Startups mit Gründer-gesteuerten Boards seien 88% eher zu Betrug verurteilt bzw. hätten eine höhere Wahrscheinlichkeit für Betrugsdelikte als Firmen mit VC-kontrollierten oder gemeinsam kontrollierten Boards. Der Rotman-Write-up nennt „founder-friendly contracts“ und komplizierte Cap Tables als stärkere Prädiktoren als die Gründerpersönlichkeit selbst. Für die Praxis heißt das: Nicht das Charisma entscheidet, sondern die Vertrags- und Informationsarchitektur. Wer allein bestimmt, welche Daten an wen gehen, kann Widerspruch verzögern – und Widerspruch ist in solchen Fällen oft der Moment, in dem sich eine unplausible Story noch korrigieren lässt, bevor sie für Folgeinvestoren zu „Realität“ wird.

Der Marktteil, der für Investoren besonders unbequem ist, folgt danach. Die Forscher berichten, dass betrügerische Gründer in etwa im gleichen Tempo neue VC-gestützte Startups starten und Finanzierung erhalten wie Gründer ohne Betrugs-Vorgeschichte. Das ist als schwache Marktdisziplin zu lesen: Selbst wenn ein Vertrauensbruch bekannt wird, scheint das private Kapital nicht ausreichend konsequent zu reagieren, um Risiken strukturell zu bepreisen. Ein Teil des Problems entsteht durch Geschwindigkeit. Ein Board, das primär „zur Runde“ gebaut wird, hat oft nicht automatisch die Daueraufgabe im Blick, die zu einer belastbaren Kontrolle gehört. In der Theorie wird Oversight dann zwar „geteilt“ – in der Praxis fehlt aber häufig genau die klare Stelle, an der Informationen aktiv angezweifelt werden können.

Die Folgen reichen über den Cap Table hinaus. Die Studie argumentiert implizit, dass Venture-Fraud nicht an der Finanzierungsrunde endet: Mitarbeiter verlieren Jobs, spätere Investoren kaufen Zahlen, die sich später als falsch herausstellen, Kunden verlassen sich auf nicht gedeckte Behauptungen, und öffentliche Aktionäre erben schließlich ein Problem, das zuerst privat „durchgewunken“ wurde. Als aktueller Hintergrund nennt die Quelle mehrere Straf- und Ermittlungsfälle. Charlie Javice wurde im März 2025 im Zusammenhang mit der $175 million Kauftransaktion von JPMorgan Chase im Rahmen des Deals um „Frank“ verurteilt; den Angaben zufolge soll die Kundenzahlbasis aufgebläht worden sein. Zudem soll der Justice Department zufolge Gokce Guven im Mai 2026 in einem Fall um securities fraud, verbunden mit Falschdarstellungen zu Revenue und Brand-Partnern, schuldig gesprochen worden sein – bei einer Größenordnung von knapp $7 Millionen, die beim Fundraising geflossen sein sollen. Für GameOn wiederum wurden im Januar 2025 Alexander Beckman und Valerie Lau Beckman nach Angaben der Bundesstaatsanwaltschaft in einem angeblichen Schema angeklagt, das mehr als $60 Millionen von Investoren umfasst haben soll; das Verfahren ist damit noch kein rechtskräftig abgeschlossenes Ergebnis.

Für heutige Hot-Rounds lassen sich aus dem Papier praktische Leitplanken ableiten, ohne in Misstrauen zu verfallen. Don’t treat board seats und information rights als reine Etiketten, lautet die indirekte Kernaussage: Jede Form von Kontrolle erhöht zwar die interne Reibung, aber sie kann auch die Beweislaststruktur verbessern, wenn Kennzahlen später belegt oder widerlegt werden müssen. Für Gründer heißt das, dass „Deck-Diskussionen“ alleine weniger schützen; für Investoren heißt es, dass die Due Diligence nicht beim Unterschriftstext endet, sondern in den laufenden Datenzugriff hineinreicht. Dass das Papier 2026 einen John L. Weinberg/IRRCi Research Paper Award am University of Delaware Weinberg Center und am ECGI Corporate Governance Symposium erhalten hat, zeigt vor allem, dass Governance- und Kontrollmechanismen inzwischen als unmittelbarer Hebel für Risikoreduktion diskutiert werden – nicht nur als Compliance-Floskel.

Damit verschiebt sich die Frage von „Ist das Team vertrauenswürdig?“ hin zu „Wie verhindert das Setup, dass eine zu optimistische Kennzahl zur gemeinsamen Annahme wird?“. Wer weiter nur auf die nächste Finanzierungsrunde optimiert, zahlt am Ende oft in Zeit, Kapital und Reputation – und das Problem lässt sich dann kaum noch durch einzelne Nachverhandlungen lösen. Die NBER-Studie liefert dafür Zahlen, die man nicht wegwischen kann: 54% mehr Litigation nach IPO bei VC-Unterstützung und 88% stärkeres Risiko bei Gründer-Board-Kontrolle sind starke Signale dafür, dass Strukturentscheidungen im Venture tatsächlich messbare Effekte haben.


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