BONN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesnetzagentur hat die ersten Zuschläge für neue Gaskraftwerke als Backup gegen Dunkelflauten vergeben. In der ersten Ausschreibungsrunde gingen elf Projekte mit insgesamt 5,16 Gigawatt Stromerzeugungskapazität vor allem an RWE und LEAG. Die Anlagen sollen zunächst mit Erdgas laufen und spätestens ab 2045 auf wasserstoffbasierten Betrieb umgestellt werden. Weitere Ausschreibungen folgen, während Umweltschützer den Wettbewerb kritisch bewerten.

Wenn Wind und Sonne über längere Zeit schwächer ausfallen, wird in Deutschland vor allem eine Frage laut: Wie stellt das Stromsystem dann die Versorgung sicher, ohne dauerhaft auf klimaschädliche Grundlastkraftwerke angewiesen zu sein? Genau an dieser Schnittstelle setzt die Bundesnetzagentur mit einer neuen Ausschreibung für sogenannte Erzeugungskapazität an. Hintergrund ist der geplante schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038. Die nun benannten Projekte sollen als Reservekapazität dienen, auch wenn sie im Jahresverlauf vermutlich nur wenige Stunden tatsächlich Strom erzeugen.
Technisch handelt es sich bei den ersten Zuschlägen überwiegend um Gaskraftwerke, die zunächst Erdgas verbrennen. Das ist kein Zufallsdetail, sondern eine Brücke: Die Anlagen sollen kurzfristig Lastspitzen abdecken und vor allem in Situationen einspringen, in denen Erneuerbare zu wenig liefern. Spätestens ab 2045 ist dann der Umstieg auf mit Wasserstoff betriebenen Betrieb vorgesehen. Dieser Ansatz ist allerdings mehr als eine reine Brennstoffumschaltung: Er beeinflusst spätere Anforderungen an die Wasserstoffbereitstellung, die Umrüstung zentraler Komponenten sowie den Gesamtbetrieb in einem Energiesystem, das zunehmend von wetterabhängiger Einspeisung geprägt ist.
In der ersten Bieterrunde wurden 41 Gebote abgegeben, am Ende erhielten elf Projekte einen Zuschlag. Die regionale Verteilung zeigt dabei, wo die Netz- und Systembetreiber bereits heute Kapazitätslücken erwarten: Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg sind die Zielländer. Konkrete Standorte umfassen unter anderem Jänschwalde in Brandenburg, Voerde, Weisweiler und Werne in Nordrhein-Westfalen, Boxberg in Sachsen sowie Leipheim in Bayern und einen Standort in Baden-Württemberg, der über Stadtwerke Karlsruhe abgebildet wird. Insgesamt summieren sich die Projekte auf 5.160 Megawatt, also 5,16 Gigawatt an Stromerzeugungskapazität.
Finanziell ist das Modell auf Verfügbarkeit ausgerichtet: Die Betreiber sollen 15 Jahre lang Geld für die Bereitstellung der Erzeugungskapazität erhalten, auch dann, wenn die Anlagen nur selten laufen. Der durchschnittliche Betrag liegt bei rund 155.300 Euro je Megawattstunde. Daraus ergeben sich für die elf Kraftwerke jährliche Kosten von gut 800 Millionen Euro. Diese Kosten sollen über eine neue Umlage von allen Stromverbrauchern getragen werden; wie stark der Strompreis tatsächlich steigt, hängt jedoch von weiteren Ausschreibungen ab. Dort wird sich zeigen, ob sich der Wettbewerb über weitere Technologien und Standorte verteilt oder ob ähnliche Muster wie bei der ersten Runde bestehen bleiben.
Dass die Zuschläge fast ausschließlich an RWE und LEAG gingen, ist für den Markt ein wichtiges Signal. LEAG erhielt sieben Zuschläge, unter anderem über Projekte in Jänschwalde und Boxberg sowie über die Leag-Tochtergesellschaft für den Standort Leipheim. RWE bekam Zuschläge in Nordrhein-Westfalen, verteilt auf drei Standorte, während zusätzlich Stadtwerke Karlsruhe einen Zuschlag erhielten. Laut den Angaben im Umfeld der Planungen will RWE bereits frühe Schritte wie die Beauftragung von Konsortien für die Genehmigungsplanung sowie gesicherte Fertigungskapazitäten für Kernkomponenten starten; für den Bau der ersten Anlage soll es in wenigen Wochen losgehen. LEAG wiederum plant, die neuen Anlagen in vorhandene Kraftwerksinfrastruktur einzubetten und sie perspektivisch auf den Wasserstoffeinsatz auszurichten.
Politisch wird die Ausschreibung als Erfolg vermarktet, weil sie laut Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Investitionsbereitschaft bei gleichzeitig kontrollierten Preisen sichtbar gemacht habe. Sie verwies darauf, dass die durchschnittlichen Zuschläge deutlich unter dem Höchstpreis von 244.000 Euro gelegen hätten. Auch Netzagenturpräsident Klaus Müller betonte, die regionale Verteilung erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines sicheren Netzbetriebs, während die nächste Ausschreibungsrunde bereits vorbereitet werde. Die nächste Frist für Gebote ist der 29. Dezember; bis dahin können Unternehmen ihre Angebote und Planungsrisiken neu kalkulieren.
Gleichzeitig wächst der Widerstand aus der Umwelt- und Klimaschutzperspektive. Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte, dass Stromkundinnen und -kunden für neue fossile Kraftwerke zahlen würden, während Batteriespeicher in der ersten Runde leer ausgegangen seien. In der Argumentation wird zudem der Vorwurf deutlich, dass der Wettbewerb zwischen Technologien nicht so fair verlaufen sei, wie es der Mechanismus eigentlich nahelegt. Diese Kritik trifft einen wunden Punkt: Kapazitätsmärkte sind darauf ausgelegt, Versorgungssicherheit zu gewährleisten, aber sie erzeugen zugleich Anreize, die späteren Klimaziele über Umrüstungen und Kraftstoffwechsel nachzulagern. Damit entscheidet sich in den kommenden Ausschreibungen nicht nur, welche Projekte gebaut werden, sondern auch, wie stark der Umbau hin zu einem Wasserstoff- und Speicher-gestützten System bereits heute in der Wirtschaftlichkeit abgebildet wird.
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