LONDON (IT BOLTWISE) – Drei unabhängige Forschungsstränge zeigen, dass Passkeys nicht nur an der Kryptografie scheitern, sondern an der Umgebung darum herum. In einem Fall nutzt ein Angreifer bereits gespeicherte Windows-Authentikationssignaturen aus dem Event-Logging-Umfeld, um privilegierte Konten über phishing-resistente MFA zu imitieren. Ein zweiter Ansatz zielt auf Googles synchronisierte Passkeys in Chrome ab und beschreibt Wege, die privaten Schlüssel ausgenutzter Synch-Daten wiederherzustellen. Der dritte Befund betrifft Windows Hello for Business: Malware im laufenden Sitz kann Hardware-gebundene Schlüssel verwenden, ohne dass ein neuer PIN- oder Biometrie-Check stattfindet.

Passkeys sollen wiederverwendbare Passwörter ersetzen und damit das klassische Phishing-Problem eindämmen. Genau hier setzen die aktuellen Ergebnisse an: Die Teams berichten über Wege, die passkey-typischen Schutzannahmen zu unterlaufen, ohne die eigentliche Kryptografie von FIDO2/WebAuthn zu brechen. Stattdessen wird mit bereits generierten, signierten Authentisierungsartefakten gearbeitet, die in Windows-Schnittstellen, Browser-Implementierungen oder in der Cloud-Validierung eine Rolle spielen. Damit rückt eine unbequeme Sicherheitsdimension in den Fokus: Auch wenn eine Authentifizierung kryptografisch korrekt ist, können Fehler in Protokoll-Umgebung, Statusbindung und Validierungslogik ausreichen, um am Ende dennoch als jemand anderes durchzukommen.
Der erste Strang adressiert eine Kette rund um Windows und Microsoft Entra ID. SpecterOps beschreibt einen Ablauf, bei dem signierte Authentisierungsmaterialien wiederverwendet werden, die Windows in einem bestimmten Logging-Kontext verfügbar gemacht haben soll. Entscheidend ist dabei nicht das Auslesen eines privaten Schlüssels aus dem Authenticator, sondern das Wiederverwenden einer Signatur, die Windows bereits erzeugt und gespeichert hatte. Diese Signatur soll anschließend über den cloudseitigen Pfad in einer Weise akzeptiert worden sein, die im Ergebnis das Überschreiten von Richtlinien ermöglicht, die eigentlich phishing-resistente Multi-Faktor-Absicherung verlangen. Als technische Einstiegsstelle wird dabei CVE-2026-34348 genannt, eine Information-Disclosure-Schwachstelle im Windows Event Logging Service mit einem angegebenen Vendor-CVSS-Score von 6,5; betroffen sind laut Datenausgabe unter anderem Windows 10, Windows 11 und Windows Server. Für die Praxis heißt das: Das “Sicherheitsmodell Passkey” hängt hier sichtbar am Zusammenspiel von Endpoint-Telemetrie, Schlüssel- und Signaturzuständen sowie der Entra-seitigen Akzeptanzlogik.
Parallel dazu liefert Unit 42 einen zweiten, browserzentrierten Angriffsweg auf synchronisierte Passkeys in Chrome unter Windows. Die Teams ordnen ihre Demonstration ausdrücklich in ein Szenario ein, in dem Malware bereits auf dem Endpunkt läuft und dadurch Zugriff auf benötigte Client-Mechanismen erhält, ohne dass zwingend Admin-Rechte zur Eskalation erforderlich sind. Im Kern geht es um den Weg, wie Chrome seine devicebezogene Identität und Synch-Daten behandelt: Ein Teil des Angriffs soll Signaturen so beschaffen, dass der WebAuthn-/Credential-Pfad wie von einem legitimen Google Password Manager-Client bedient werden kann – inklusive Varianten, die nach Nutzerinteraktion oder “User Verification”-Flags differenzieren. Der gravierendste Teil trägt den Namen Golden Pass-ta-key: Dabei wird auf einen “Security Domain Secret” verwiesen, ein 32-Byte-Masterkey, der synchronisierte Passkeys schützen soll. Unit 42 gibt an, dass dieser Secret nach Meldung zunächst aus Loggingausgaben entfernt, aber zeitweise noch in Chrome-Prozessspeicher während der erneuten Registrierung präsent sei. Zudem wird betont, dass die aktuelle Implementierung keine Möglichkeit zur Rotation oder zum Revokieren dieses Secrets bereitstellt, was die Persistenz eines einmal erfolgreich kompromittierten Zustands erhöht.
Der dritte Ansatz, den Dirk-jan Mollema beschreibt, verschiebt den Schwerpunkt von Browserdaten hin zu Windows Hello for Business. Auf vielen Geräten ist der Schlüssel hinter Hello for Business über das Trusted Platform Module abgesichert und lässt sich nicht einfach exportieren. Die Forschungsmethode setzt daher nicht auf Extraktion, sondern auf legitime Nutzung innerhalb eines bereits laufenden, kompromittierten Benutzersitzes: Ein Prozess im Kontext der Session könne die kryptografischen Schnittstellen aufrufen, um den nicht exportierbaren Hello-for-Business-Schlüssel zu verwenden, ohne dass erneut ein PIN- oder Biometrie-Check ausgelöst werden muss. Anschließend wird dieser Schlüssel als FIDO2-Credential eingesetzt, um bei Microsoft Entra ID eine WebAuthn-Assertion zu erzeugen. Mollema nennt dabei Details zur Validierungsdauer einer Entra-WebAuthn-Challenge von fünf Minuten und zur nicht vorhandenen strikten Bindung an Session, Nutzer oder Tenant; dadurch soll ein Challenge-Request auf dem System des Angreifers initiiert, auf dem Opfersystem signiert und zurückgereicht werden können. Zusätzlich wird ein Token-Verhalten erwähnt, das einen fehlenden Gerätebezeichner umfassen kann, womit sich Wege in Richtung Geräte-Registrierung und zusätzliche Persistenz ergeben.
Wichtig ist an dieser Stelle die Abgrenzung: Die drei Befunde sind verwandt, aber nicht identisch, und genau deshalb sollten Unternehmen sie auch unterschiedlich einordnen. SpecterOps zeigt die Gefahr wiederverwendbarer signierter Assertions, die in einem cloudseitigen Ablauf akzeptiert werden. Unit 42 adressiert dagegen manipulierte Client-Trusts, User-Verification-Behandlung, Recovery-Pfade und den Schutz synchronisierter Schlüssel. Mollema demonstriert schließlich, wie Software in einer laufenden Windows-Session “frische” Authentisierungsmaterial erzeugen kann, obwohl der Hardware-gebundene Schlüssel selbst nicht exportierbar ist. Das Muster ist damit klar: Passkeys schließen nach Endpoint-Kompromittierung nicht automatisch alle Angriffsflächen. Sie können sogar dazu führen, dass der Angreifer eher Wiederverwendung, Synchronisationszustände oder Session-Kontext ausnutzt, statt kryptografische Grundannahmen zu brechen. Für die Verteidigung folgt daraus eine organisatorisch wie technisch anspruchsvolle Priorisierung.
Als unmittelbarer technischer Hebel wird für Windows die Installation der für CVE-2026-34348 vorgesehenen Sicherheitsupdates genannt, während Dienste, die WebAuthn-Assertions annehmen, die von ihnen angeforderten User-Verification-Anforderungen konsequent erzwingen sollen. Auf Endpoint-Seite rückt außerdem ins Bewusstsein, dass Passkey-nahe Stores, Recovery-Workflows und Browser-Speicherbereiche als credential-sensitiv behandelt werden müssen. Dazu zählt etwa das Monitoring auf ungewöhnliche Windows Hello for Business-Authentisierungen ohne Gerätekennung sowie unerwartete Geräte-Registrierungen in Entra-Umgebungen. Microsoft selbst empfiehlt neben dem Least-Privilege-Zugang und dem konsequenten Einsatz phishing-resistenter Verfahren auch die Ausrichtung auf Zero Trust, um die Auswirkungen eines kompromittierten Endpoints insgesamt zu begrenzen. Ergänzend verweist die Beschreibung auf eine neue Migrationsschiene: Ab dem 1. September 2026 sollen Entra-ID-Nutzer, die bisher SMS oder Voice für die Authentifizierung nutzen, automatisch für Passkeys aktiviert und zur Registrierung “nudged” werden; die geplante Retirement der Microsoft-eigenen SMS- und Voice-Zustellung soll am 1. Februar 2027 erfolgen. Das adressiert zwar den Phishing-Aspekt, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, die Validierungs- und Bindungslogik in der gesamten Kette sauber umzusetzen.
Für Entscheider und Security-Teams bedeutet das insgesamt: Passkeys sind in der Bedrohungslandschaft kein Freifahrtschein, sondern ein Architekturversprechen, das nur so gut hält wie die Randbedingungen der Implementierung. Genau deshalb sollte man die bisherigen Maßnahmen nicht nur als “Update erledigt” abhaken, sondern die konkreten Datenflüsse prüfen: Welche Signaturen werden erzeugt, wo werden sie zwischengespeichert, wie lange gelten Challenges, und wie strikt ist die Bindung an Session, Nutzer und Tenant? Die Meldungen machen deutlich, dass Fehler in Logging-, Sync- und Client-Memory-Mechanismen sowie inkonsistente Verifikations-Bindungen ausreichen können, um Authentifizierungsergebnisse in die falsche Richtung zu drehen. Gleichzeitig liefern die Forschungsergebnisse auch einen Handlungsbauplan: Angriffsflächen verlagern sich Richtung Endpoint-Kompromittierung und Validierungssemantik – und damit Richtung Detection, härterer Isolation sowie belastbarer Session- und Policy-Bindung.
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