DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt warnt wegen anhaltenden Niedrigwassers vor einer faktischen Zweiteilung des Rheins für die wirtschaftliche Nutzung. Für den Pegel Kaub werde im Laufe der Woche erstmals nur noch ein einstelliger Wert prognostiziert. Damit werde die gewerbliche Schifffahrt in der Region nicht mehr in der Lage sein, Gütertransport durchzuführen. Der Verband fordert zudem verschobene Baustellen sowie den verstärkten Einsatz von Straße und Schiene.

Das Niedrigwasser am Rhein entwickelt sich aus Sicht der Binnenschifffahrt zunehmend vom saisonalen Problem zum operativen Engpass. In der aktuellen Lage droht laut dem Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) eine faktische Zweiteilung der Wasserstraße, weil die Pegel weiter sinken und ausbleibende Niederschläge nicht schnell genug für Entspannung sorgen. BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen bringt das Problem dabei auf den Punkt: Die Pegelentwicklung verheiße nichts Gutes. Für Unternehmen heißt das vor allem: Planbarkeit leidet, weil die Fahrbarkeit einer der zentralen europäischen Verkehrsadern bei bestimmten Tiefständen nicht mehr zuverlässig gegeben ist.
Besonders kritisch sei nach BDB-Angaben der Pegel Kaub: Dort werde im Laufe der Woche erstmals ein nur noch einstelliger Wert prognostiziert. Dieser Schwellenbereich ist in der Binnenschifffahrt mehr als eine Messgröße, weil er direkt in die nutzbaren Tiefgangsgrenzen und damit in die Beladungsmöglichkeiten hineinwirkt. Wenn Schiffe bei niedrigen Wasserständen nicht mehr die wirtschaftlich sinnvollen Ladungsgewichte erreichen, sinkt der Output pro Fahrt; im Extremfall können Fahrten im gewerblichen Betrieb dann nicht mehr durchgeführt werden. Für die Tagesausflugs- und Kreuzfahrtschifffahrt kommt eine zusätzliche Dimension hinzu, weil Fahrzeiten und Routen nicht beliebig angepasst werden können und der Betrieb bei unzureichenden Wasserverhältnissen schnell wirtschaftlich unattraktiv wird.
Technisch betrachtet bedeutet die befürchtete Zweiteilung: Der Rhein wäre nicht mehr durchgehend befahrbar, sondern in Regionen mit unterschiedlicher Verfügbarkeit aufgeteilt. Schwanen beschreibt das Modell als fortbestehende Schiffahrt zwischen den ARA-Häfen (Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen) und Nordrhein-Westfalen bis etwa Köln, wobei der Transport über den Rhein und das westdeutsche Kanalgebiet erfolgen soll. Südlich davon läuft der Schiffsverkehr nach dieser Einordnung weiter über Nebenflüsse wie Neckar, Mosel und Main sowie über den Main-Donau-Kanal. Für Logistikverantwortliche ist genau diese Aufteilung entscheidend, weil sie Umwege, Umplanungen und in der Folge auch Engpässe in Umschlagspunkten auslösen kann, etwa dort, wo Güter von Schiff auf Lkw oder Bahn wechseln.
Vor diesem Hintergrund setzt der BDB vor allem auf Krisenkoordinierung mit der Verkehrspolitik. Der Geschäftsführer begrüßt die weiteren geplanten Krisensitzungen mit dem Bundesverkehrsministerium und benennt auch die Koordination: Claudia Stutz, Staatssekretärin im Haus, soll dabei die Abstimmung vorantreiben. Der Verband sieht darin den richtigen Ansatz, weil in einer solchen Situation nicht nur „auf bessere Wetterdaten“ gewartet werden kann. Stattdessen müsse der verstärkte Einsatz von Straße und Schiene vorbereitet und organisiert werden, um Teile der Lücken aus der eingeschränkten Wasserstraßenlogistik abzufangen.
Daneben zielt der BDB auf Maßnahmen im Infrastrukturmanagement. Schwanen spricht sich außerdem für eine Aufschiebung von Baustellen an Wasserstraßen aus, weil jede zusätzliche Einschränkung die ohnehin knappe Fahrbarkeit weiter verschärfen kann. Bereits für den folgenden Mittwoch nennt er ein Vorgehen, bei dem anstehende Bauarbeiten bei Straße, Schiene und Wasserstraße auf den Prüfstand kommen sollen. Die Leitlinie lautet dabei: Einschränkungen der Infrastruktur durch verschiebbare Baustellen sollen in dieser Krisensituation vermieden werden. Ein konkretes Beispiel nennt der Verband ebenfalls: Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt „Westdeutsche Kanäle“ verschiebe auf dringende Bitte hin die für Ende August vorgesehene siebenwöchige Vollsperrung der Schleuse Wanne-Eickel am Rhein-Herne-Kanal. Damit bleibe eine Ausweichroute über den Kanal erhalten, die in der Phase niedriger Rhein-Pegel für Umleitungen und Alternativverkehre besonders wertvoll ist.
Für die Wirtschaft insgesamt verschiebt sich damit die Priorität im Güterverkehr spürbar. Binnenschifffahrt ist zwar in vielen Relationen besonders effizient, aber sie hängt bei Niedrigwasser stärker als andere Verkehrsträger von naturräumlichen Bedingungen ab. Unternehmen, die regelmäßig über Rhein und Nebenflüsse disponieren, müssen daher kurzfristig mehr Puffer einplanen und sich auf einen möglichen Wechsel in der Transportstrategie einstellen. Mittelfristig zeigt die Diskussion auch, wie wichtig ein belastbarer Krisenfahrplan ist: Je klarer die Abstimmung zwischen Wasserstraßenverwaltung, Verkehrspolitik und Logistikakteuren funktioniert, desto weniger teuer werden Umplanungen, und desto schneller lassen sich alternative Korridore im Zusammenspiel mit Straße und Schiene nutzen.
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