BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Experten warnen vor KI-gestützten Phishing- und Ransomware-Wellen, die besonders schnell und schwer zu stoppen sind. Gleichzeitig verschiebt NIS2 die Sicherheitsverantwortung in Richtung Geschäftsführung und macht Lücken direkt haftungsrelevant. Neue Risikoprofile durch KI-gestützte Betrugsmethoden und Datendiebstahl erhöhen den Druck auf ein integriertes Sicherheitsmanagement. Unternehmen müssen jetzt technische Kontrollen, Governance und Compliance enger verzahnen, statt Sicherheit als isolierte IT-Aufgabe zu betrachten.

Die Debatte um Künstliche Intelligenz in der Cyberabwehr kippt in vielen Unternehmen gerade von „Werkzeug“ zu „Wettlauf“. Bei der „State of Security“-Konferenz in Berlin wurde deutlich, dass KI-gestützte Angriffe Phishing und Ransomware nicht nur verbessern, sondern vor allem beschleunigen. Parallel verschärft die EU mit NIS2 die Spielregeln: Sicherheitsmanagement wird nach der Richtlinie Ende 2025 faktisch zur Chefsache, weil Sicherheitslücken nicht mehr nur als technisches Versäumnis gelten. Für Führungsebenen entsteht damit eine neue Logik aus Risiko, Nachweisbarkeit und Verantwortung, die sich in Audits und Haftungsfragen direkt niederschlägt.
Im Zentrum der Diskussion stand der Umbruch vom separaten Security-Baukasten hin zu einem integrierten Schutzansatz. Experten argumentieren, dass isolierte Tools zwar wichtig sind, aber die neuen Angriffswege oft über die Verbindungen zwischen Identitäten, Datenflüssen und Prozessautomatisierung entstehen. Genau hier setzen technische und organisatorische Anforderungen an: Wer KI oder Automatisierung einführt, muss auch deren Sicherheitsarchitektur vorab modellieren, etwa hinsichtlich Zugriffsrechten, Protokollierung und Incident-Response. Der Tenor: „Sicherheit zuerst“ ist kein Compliance-Slogan, sondern die Voraussetzung, um Angriffspfade frühzeitig zu schließen.
Die Marktdaten liefern einen harten Treiber für diese Haltung. In einer vielzitierten Studie zu Wirtschaftskriminalität aus dem Frühjahr 2025 bewerten 71 Prozent der befragten Unternehmen das Risiko durch KI-basierte Betrugsmaschen als erheblich. Ebenso nennen 73 Prozent Datendiebstahl als hohes oder sehr hohes Risiko. Zusätzlich verschiebt sich die Einstiegslogik: Vishing, also Sprach-Phishing, gilt mittlerweile als zweithäufigster Einstieg in Angriffe und ist in der Erhebung mit 11 Prozent aller Infektionen verknüpft. Besonders bedenklich erscheint dabei, dass die Weitergabe von Zugriffsrechten zwischen Angreifergruppen in Extremfällen extrem schnell erfolgen kann.
Technisch zeigt sich der Trend in mehreren Ebenen. KI kann Social Engineering skalieren, indem sie Sprachmuster, Textvorlagen und Zielkontexte dynamisch anpasst. Gleichzeitig wird der klassische „Initial Access“ häufig nur noch als Vorstufe genutzt, um in kürzerer Zeit in privilegierte Bereiche zu gelangen. Für die Verteidigerseite bedeutet das: Modelle zur Erkennung müssen nicht nur Muster erkennen, sondern auch Kontextänderungen und ungewöhnliche Zugriffsketten. Ein historischer Vergleich hilft: Vor Jahren lag der Schwerpunkt stärker auf Signature-basierter Erkennung; heute dominieren verhaltens- und kontextbasierte Ansätze, weil Angreifer schneller iterieren und die Angriffslogik selbst anpassen können.
Auch die internationalen Gegenmaßnahmen unterstreichen den Ernst. In den USA wurde eine freiwillige Anordnung bekannt, nach der KI-Entwickler ihre Modelle bis zu einem Monat vor Veröffentlichung durch eine Cybersicherheitsbehörde testen lassen sollen. Branchenvertreter wie Anthropic, OpenAI und Google unterstützen die Initiative – ein Hinweis darauf, dass die Verantwortung entlang der Lieferkette künftig stärker in Test- und Nachweisprozesse überführt wird. Diese Entwicklung wirkt wie ein frühes „Pre-Compliance“-Signal für Unternehmen, die KI-Modelle nutzen oder beschaffen: Wer Ausfall- und Missbrauchsszenarien nicht prüfbar dokumentiert, schafft später Angriffsfläche und Haftungsrisiko zugleich.
Während die Behördenseite mit Probeläufen Druck aufbaut, reagiert auch die Privatwirtschaft mit industriellen Programmen. Anthropic öffnet sein „Project Glasswing“ für weitere Organisationen in mehreren Ländern, mit dem Ziel, Schwachstellen mithilfe von KI-gestützten Verfahren vor dem Missbrauch durch Angreifer zu identifizieren und zu schließen. Genau hier treffen sich Wettbewerbsstrategie und Sicherheitstechnik: Modelle, die potenziell missbraucht werden könnten, werden zunehmend als Bestandteil eines kontrollierten Sicherheitsprozesses gedacht. Gleichzeitig steigt der Bedarf an klaren Verantwortlichkeiten zwischen Modellanbietern, Integratoren und Betreibern – denn NIS2 stellt am Ende die Organisation in den Vordergrund.
Der Markt sieht die Beschleunigung bereits in den Zahlen. Palo Alto Networks meldete für das dritte Quartal 2024 einen Umsatz von 3,00 Milliarden Euro, was einem Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der CEO Nikesh Arora macht das Wachstum direkt mit KI-getriebener Beschleunigung von Angriffen in Verbindung, die Abwehr und Erkennung stärker „in Echtzeit“ rücken. Allerdings bleibt auch der wirtschaftliche Druck sichtbar: Der Konzern verzeichnete im Quartal einen Verlust von 177 Millionen Euro und hob dennoch die Jahresprognose auf über 11,4 Milliarden Euro an. Das zeigt: Security ist nicht nur ein politisches Thema, sondern ein dynamischer Engineering- und Budgetzyklus.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein konkreter Handlungsrahmen, der über Technik hinausgeht. Der wichtigste Schritt ist die Verknüpfung von KI-gestützter Nutzung mit Risikomanagement: Rollen und Eskalationswege müssen so definiert sein, dass Sicherheitsmaßnahmen im Betrieb nachweisbar funktionieren. Unternehmen sollten außerdem sicherstellen, dass die NIS2-Pflichten in die interne Governance integriert sind, etwa durch regelmäßige Risikobewertungen, klare Verantwortlichkeiten und überprüfbare Kontrollen. Ergänzend gewinnt die EU AI-Verordnung an Bedeutung, weil die Übergänge zwischen Innovation, Modellnutzung und Sicherheitsnachweisen immer enger getaktet werden. Wer jetzt nur „Tooling“ nachzieht, riskiert bei Vorfällen eine Haftungsdebatte, die sich nicht mit Absichtserklärungen entkräften lässt.
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