BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Lokaljournalismus-Kongress 2026 in Berlin haben Medienmacher betont, dass ohne öffentliche Förderung viele lokale Angebote kaum finanzierbar wären. Der Thüringer Verleger Maik Schulz stellte dabei heraus, dass Programme der Thüringer Landesmedienanstalt die Ausbildung von Volontären absichern. Gleichzeitig warnte eine Chefredakteurin vor zu starker Abhängigkeit von Fördermitteln. Als Gegenbeispiel verwies sie auf ein Abo-Modell mit teils zahlenden Leserinnen und Lesern, das aber dennoch an wirtschaftliche Grenzen stößt.

Ohne einen zweiten Geldstrom aus öffentlichen Töpfen wird Lokaljournalismus in vielen Regionen schnell zum Kostendruck-Problem: Beim Lokaljournalismus-Kongress 2026 in Berlin argumentierten Medienmacher, dass zahlreiche Angebote ohne Förderung nach Einschätzung der Branche kaum noch zu finanzieren wären. Thüringens Verleger und Lokal-TV-Anbieter Maik Schulz knüpfte die Aussage an eine sehr konkrete Praxisfrage: Ohne das Programm der Thüringer Landesmedienanstalt wäre aus seiner Sicht die Ausbildung von Volontären kaum noch möglich. Damit geht es nicht nur um einzelne Sendungen, sondern um die personelle Pipeline, die redaktionelle Kontinuität überhaupt erst ermöglicht.
Technisch betrachtet wirkt Förderung in der Medienproduktion wie ein stabilisierender Puffer in einem Bereich, der strukturell eher geringe Skaleneffekte hat. Lokalredaktionen können Themen nicht in großen Stückzahlen „durchproduzieren“, weil Relevanz stark orts- und zeitgebunden ist. Wenn Förderung Sendern „Zeit zum Luftholen“ verschafft, verschiebt sich der Fokus von reiner Überlebensfinanzierung hin zu Redaktionsarbeit: politische Berichterstattung kann entstehen, ohne dass jede einzelne Veröffentlichung sofort gegen die Kassenlage gegengeprüft werden muss. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie diese Zeit in ein tragfähiges Geschäftsmodell übersetzt wird.
Besonders plastisch wurde das Thema an regionalen Förderbeträgen, die im Kongressumfeld genannt wurden. Für Mecklenburg-Vorpommern stellte das Land sowohl für 2024 als auch für 2025 jeweils 300.000 Euro bereit. Der Direktor der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern, Bert Lingnau, machte dabei die Verteilmechanik transparent: Zuletzt hätten sich sieben Veranstalter die Förderung geteilt, rechnerisch also rund 40.000 Euro pro Veranstalter. Für 2026 und 2027 seien erneut jeweils 300.000 Euro eingeplant; zudem wolle die Medienanstalt versuchen, die Summe künftig anzuheben.
Gerade diese Zahlen zeigen aber auch, warum die wirtschaftliche Architektur bei Lokalprojekten so fragil ist. Die stellvertretende Chefredakteurin der „Tagesspiegel“ genannten Redaktion, Anke Myrrhe, warnte vor einer zu großen Abhängigkeit von Fördermitteln. Förderung könne „punktuell immer ein Baustein sein“, doch grundsätzlich müssten Medien Angebote schaffen, für die Menschen bereit sind, zu bezahlen. Dass Abo-Modelle funktionieren können, führte sie am Beispiel des Berliner „Checkpoint“-Newsletters aus: Er habe rund 200.000 Abonnentinnen und Abonnenten, etwa ein Drittel zahle dafür. Dennoch stoße auch dieser Ansatz im Lokaljournalismus an Grenzen, weil etwa die organisatorische Ausstattung in den Berliner Bezirken laut Bericht auf jeweils eine zuständige Person begrenzt sei und damit eine wirklich tiefgehende tägliche Berichterstattung aus jedem Bezirk wirtschaftlich kaum darstellbar werde.
Damit entsteht ein Spannungsfeld, das sich auch für KI-gestützte Workflows in Redaktionen übertragen lässt, ohne die Grundfrage zu ersetzen. KI kann beispielsweise Recherchevorbereitung, Zusammenfassungen oder Themenclustering unterstützen und damit die Produktivität einzelner Journalistinnen und Journalisten erhöhen. Entscheidend bleibt aber, ob zusätzliche Ausgabequalität auch in ein nachhaltiges Erlösmodell übersetzt wird, etwa über Abos, Corporate Memberships oder lokal gebündelte Vertriebserlöse. Förderung kann in diesem Szenario eher die Startphase stabilisieren und die Entwicklung neuer Formate ermöglichen, während die langfristige Finanzierung über Zahlungsbereitschaft oder wiederkehrende Einnahmequellen laufen muss.
Für die Medienpolitik und die beteiligten Landesmedienanstalten ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Förderinstrumente sollten nicht als dauerhafte „Ertragsersatz“-Maschine funktionieren, sondern als Anschub für redaktionelle Strukturen, die anschließend selbst tragfähiger werden. In diesem Kontext wurde auch erwähnt, dass zum Kongress mehrere Landesmedienanstalten eingeladen hatten, darunter Berlin-Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hamburg/Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Wenn öffentliche Mittel auf mehrere Veranstalter aufgeteilt werden, steigt zudem die Notwendigkeit, Wirkung messbar zu machen – zum Beispiel über Ausbildungskapazitäten, Reichweite lokaler Themen und die Fähigkeit, mittelfristig zahlungsbasierte Geschäftsmodelle aufzubauen.
Unterm Strich zeigt der Kongress in Berlin ein Bild, das sich mit Blick auf die nächsten Jahre wahrscheinlich nicht allein durch mehr Budget lösen lässt: Öffentliche Förderung ist nach Einschätzung der Beteiligten ein elementarer Stabilisator, gerade um Nachwuchs und politische Berichterstattung zu sichern. Gleichzeitig bleibt das größte Risiko die falsche Erwartungshaltung, Förderung könne die Marktrealität ersetzen. Wer Lokaljournalismus dauerhaft sichern will, muss daher sowohl die Finanzierung über öffentliche Programme klug dimensionieren als auch die Erlösseite so weiterentwickeln, dass Redaktionen nicht im Jahresrhythmus von Förderentscheidungen abhängig bleiben.
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