BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – KI senkt die Hürde, um Produkte schnell zu bauen: Aus Ideen werden laut Tevfik Aloglu in vielen Fällen in Tagen statt in Monaten lauffähige Prototypen. Der OpenAI-Manager im Applied-AI-Team warnt jedoch davor, dass genau diese Leichtigkeit dazu verleitet, den entscheidenden Schritt zu überspringen. Im Fokus steht für ihn die Nutzerforschung: Erst mit Menschen sprechen, dann bauen. Damit rückt für viele Gründer nicht mehr das Programmieren, sondern das Problemverständnis in den Mittelpunkt.

KI verändert die Gründungsarbeit spürbarer, als es in vielen Startup-Erzählungen klingt: Wer früher Monate in Engineering und Iterationen stecken musste, kann heute häufig innerhalb weniger Tage erste Produktversionen erstellen. Tevfik Aloglu, der im Applied-AI-Team von OpenAI arbeitet, beschreibt diesen Wandel als Verschiebung der Rollen im Gründungsprozess. Pläne und Business-Modelle entstehen zunehmend parallel zu dem, was früher ausschließlich technische Teams leisten konnten. Gerade deshalb wird das „Bauen“ als Kompetenz zum Engpass-Thema für immer mehr Gründer – nicht, weil KI schlechtere Software liefert, sondern weil sie zu schnell zu funktionierenden Prototypen führt.
Die Perspektive dahinter wird im Kontext eines zehnwöchigen Startup-Fellowships besonders deutlich, bei dem acht ausgewählte Fellows in Berlin mit KI Consumer-Startups entwickeln sollen, von der Idee bis zum ersten Produkt. Während des Programms arbeiten die Teams gemeinsam im Axel-Springer-Hochhaus und erhalten Mentoring, Technologie- und Know-how-Unterstützung durch Partner wie OpenAI, Vercel, Dash0 und DHL. Interessant ist hier weniger die Event-Dynamik, sondern die beobachtbare Ablauflogik: Wenn viele Gründer ohne klassischen technischen Hintergrund innerhalb kurzer Zeit zu Ergebnissen kommen, muss das Prozessdesign automatisch stärker auf Experimentieren, Feedback-Schleifen und Anpassung einzahlen. Genau an dieser Stelle setzt Aloglus Hauptwarnung an.
„Der größte Fehler“ liege aus seiner Sicht nicht in der Wahl falscher Technologien, sondern in der Reihenfolge der Arbeit: Produkte zu bauen sei heute so einfach geworden, dass viele den Schritt der Nutzerforschung überspringen. Früher war Entwicklung teuer und aufwendig, wodurch man zwangsläufig zahlreiche Nutzerinterviews führte. Dieser Zwang ist mit KI teilweise verschwunden – und damit verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit für Fehlentscheidungen. Wer zu früh Code und Oberflächen optimiert, ohne die tatsächlichen Probleme der Zielgruppe zu verstehen, produziert schnell eine „richtige“ Lösung für das falsche Problem. Aloglu plädiert daher für ein klares Muster: Erst mit Menschen sprechen, dann entwickeln; und zwar nicht als Formular, sondern als Hypothesenprüfung.
Dass diese Gewichtung auch strategisch wichtig ist, zeigt seine Einschätzung zu Teamgrößen und Wachstumsmodellen. In den vergangenen drei Jahren habe er laut eigenen Aussagen seine Haltung verändert: Statt möglichst schnell viele Mitarbeiter einzustellen, könnten Solopreneure und kleine Teams mit KI inzwischen hervorragende Produkte entwickeln. Das bedeutet nicht automatisch, dass große Teams obsolet sind, aber die Planbarkeit verschiebt sich: Eine Idee kann schneller in eine testbare Form übersetzt werden, wodurch Zeit bis zur ersten Lernkurve kürzer wird. Für B2B-Lösungen nennt er dabei Produktivitätsansätze als naheliegendes Einsatzfeld, während er B2C-Szenarien wie Companion-Apps als eigene Chance beschreibt, insbesondere wenn sie Alltag und Unterstützung bei Einschränkungen adressieren.
Technisch betrachtet rückt damit auch die Frage in den Vordergrund, wie KI in den Entwicklungsalltag eingebunden wird. Aloglu empfiehlt, Codex nicht „ab und zu“ zu nutzen, sondern täglich im Arbeitsprozess. In der Praxis heißt das: Projekte sauber strukturieren, relevante Tools verbinden und dem System möglichst viel Kontext zu Ziel, Anforderungen und bereits vorhandenen Artefakten geben. Diese Herangehensweise reduziert Reibung, weil das Modell stärker auf den gewünschten Arbeitsrahmen statt nur auf einzelne Prompts reagiert. Zudem steigt die Qualität der Zusammenarbeit, wenn Entwicklerinnen und Entwickler über mehrere Iterationen hinweg eine gemeinsame Wissensbasis im Projekt aufbauen, anstatt jede Änderung als isolierte Anfrage zu formulieren.
Auch die Marktseite lässt sich aus seinen Beispielen ableiten. Er nennt Apps zum Mitschreiben von Meetings oder Notizen als Idee, bei der die Konkurrenz zwar stark ist, die Marktlogik aber bereits fest etabliert wurde; dadurch werde es extrem schwierig, noch relevante Reichweite aufzubauen. Gleichzeitig zeigt sein Rat für konkrete Gründungsentscheidungen, wie KI die Eintrittshürde senkt, ohne die Wettbewerbslage automatisch zu entschärfen: Man kann in kurzer Zeit ein komplettes Produkt end-to-end bauen, aber die Differenzierung entscheidet sich weiterhin an Hypothesen, Nutzerproblemen und an der Fähigkeit, Feedback zu verarbeiten. Für Gründerinnen und Gründer, die bei Codex starten, lautet die operative Konsequenz: Hypothese entwickeln, mit potenziellen Nutzern testen, iterieren, bei Bedarf pviotieren und nach größeren Problemen suchen, die sich wirklich lohnen.
Im Endeffekt verschiebt sich der Schwerpunkt der „KI-Gründung“ von der Frage, ob man Software bauen kann, hin zur Frage, ob man das richtige Produkt baut. Aloglu fasst diesen Gedanken in der Empfehlung zusammen, sich auf das Problem zu konzentrieren: Entscheidend sei nicht mehr, wie schnell man programmiert, sondern wie gut man versteht, was Menschen brauchen. Das passt auch zu seiner Beschreibung, welche KI-Entwicklung viele unterschätzen: Sprache. Der Gedanke dahinter ist, dass Sprechen eine natürliche Kommunikationsform ist und sich deshalb besonders intuitiv als Bedien- und Interaktionsschicht nutzen lässt. Für die nächsten Monate bedeutet das: Der Wettbewerb um Startups wird nicht nur im Code geführt, sondern im Testen, im Zuhören und im Auswählen der richtigen Nutzerfragen.
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