LONDON (IT BOLTWISE) – Konto-Übernahmen nehmen spürbar zu, weil Angreifer weniger auf klassische TANs als auf Social Engineering setzen. Visa startet in Indien und Europa eine Passkey-Offensive mit dem Visa Payment Passkey (VPP) und verknüpft die Autorisierung künftig mit biometrischen Daten oder PINs. Parallel laufen Praxisversuche mit KI-Agenten-Zahlungen, die Transaktionen abwickeln und Nutzer anschließend per Passkey freigeben. Für Banken und Zahlungsdienstleister wird damit Authentifizierung zur strategischen Sicherheitsarchitektur statt zum reinen Checkout-Detail.

Passkeys & KI: Visa treibt Account-Security im Finanzsektor voran
Passkeys & KI: Visa treibt Account-Security im Finanzsektor voran (Foto: IT BOLTWISE)
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Account-Übernahmen entwickeln sich in vielen Märkten zu einem der kostspieligsten Betrugsszenarien im Zahlungsverkehr. Im vorliegenden Überblick wird von einem Anstieg um 141 Prozent bei Übernahmefällen berichtet, während die traditionelle SMS-TAN besonders angreifbar bleibt. Der Kern des Problems liegt weniger in einzelnen Protokollen als in der Angriffslogik: Angreifer nutzen Interaktionen mit Kundinnen und Kunden, um Codes abzugreifen oder Vertrauen zu missbrauchen. Genau deshalb beschleunigen Finanzinstitute den Umstieg auf sicherere Authentifizierungsverfahren wie FIDO-Passkeys, die kryptografische Schlüssel statt einmaliger SMS-Codes in den Mittelpunkt stellen.

Technisch bedeutet die Passkey-Strategie, dass die Anmeldung und Autorisierung auf einem Public-Key-Verfahren beruht, das in der Praxis oft über Geräte-Sicherheitsfunktionen (z. B. Secure Enclave bzw. TPM-ähnliche Komponenten) verankert wird. Nutzerinnen und Nutzer bestätigen Vorgänge dann per Gesichtserkennung, Fingerabdruck oder PIN, wobei der Server den Besitz des zugehörigen privaten Schlüssels verifizieren kann. Visa adressiert genau diesen Wechsel mit dem Visa Payment Passkey (VPP): Kreditkarteninhaber sollen Transaktionen nicht mehr über SMS-TAN freigeben, sondern über Passkeys, die Angriffen wie Code-Abfangung und Social Engineering die Grundlage entziehen.

Visa setzt dabei nicht auf einen Einzelversuch, sondern auf ein Partnernetz, das von Zahlungsdienstleistern bis zu Händlern reicht. Für Indien nennt der Bericht den Marktstart des VPP gemeinsam mit der IDFC FIRST Bank sowie eine breite Anschlussfähigkeit über weitere Anbieter wie Razorpay, Juspay und Pine Labs. Der Zeitpunkt wird zusätzlich historisch eingeordnet: Die indische Zentralbank hatte bereits im September 2025 einen Rahmen für alternative Authentifizierungsverfahren geschaffen. Vergleichbare Entwicklungen sind in Europa zu beobachten, wo Authentifizierung und Risikoabgleich zunehmend als Einheit betrachtet werden. Ein weiterer Impuls kommt durch die verknüpfte Nutzung von KI-Agenten in Europa, die in Testumgebungen Transaktionen vorbereiten und danach die Passkey-Autorisierung auslösen.

Die Marktseite zeigt, wie eng Betrugsbekämpfung und Produkt-Roadmaps inzwischen verzahnt sind. In Singapur berichten BioCatch-Umfragen unter Bankvorständen von wachsenden Betrugsversuchen und steigenden Verlusten, wobei Social Engineering sowie autorisierte Push-Zahlungsbetrügereien (APP) als größte Risiken gelten. Interessant ist die Reaktion: Bereits 36 Prozent der Banken setzen auf Verhaltensbiometrie, also Modelle, die Nutzungsmuster statt statischer Zugangsdaten analysieren. Von den übrigen Instituten planen laut Bericht 75 Prozent die Einführung. Damit entsteht ein zweischichtiger Ansatz: Passkeys reduzieren die Angriffsoberfläche bei der kryptografischen Autorisierung, während Verhaltensbiometrie Auffälligkeiten in der Interaktion signalisiert.

Auch die regulatorische und operative Dimension wird in der Praxis schnell relevant. Das Programm in Großbritannien zur nationalen Betrugsbekämpfung (250 Millionen Pfund für 2026 bis 2029) zielt zwar auf Koordination und Reaktion ab, stößt aber laut Branchenexperten auf Kritik, weil Erstattungsmechanismen bei APP-Betrug oft zu spät greifen. Gefordert wird „vorgelagerte Reibung“: Maßnahmen, die Betrug bereits auf sozialen Plattformen stoppen oder zumindest die Wahrscheinlichkeit drastisch senken, dass gefälschte Zahlanforderungen überhaupt in das Bankensystem gelangen. Für Datenschutzverantwortliche bedeutet das gleichzeitig: Verhaltenssignale und biometrische/lernende Komponenten müssen so designt werden, dass sie zweckgebunden, nachvollziehbar und vor allem robust gegen Fehlalarme bleiben.

Der historische Blick zeigt, warum die Branche nun konsequent auf neue Authentifizierungsanker umschaltet. TAN-Mechanismen waren über Jahre ein pragmatischer Standard, weil sie bei gutem Geräte- und Kommunikationszustand eine Hürde darstellten. Moderne Angriffe umgehen diese Hürde jedoch mit besseren Social-Engineering-Abläufen und durch Übernahme von Konten, bevor eine „TAN-Bestätigung“ wirkt. Der Bericht verweist auf Fälle in Nordamerika: Ein TD-Bank-Kunde soll durch nicht autorisierte Überweisungen einen Verlust von 15.000 Dollar erlitten haben, während die Bank die Bestätigung über TAN anführte. Genau solche Widersprüche lassen Zweifel wachsen, ob TAN-basierte Ermittlungen allein zuverlässig genug sind, um Betrugsfälle sauber von Nutzerfehlern oder Systemfehlern abzugrenzen.

Parallel liefert die Marktdynamik zusätzliche Argumente für eine Sicherheitsverschiebung nach vorn. Laut den genannten Zahlen stieg der Konto-Übernahme-Betrug zwischen 2021 und 2025 um 141 Prozent, und die volkswirtschaftliche Belastung bleibt hoch: Branchenstudien beziffern die Gesamtkosten je betrügerisch verursachter Rückbuchung auf etwa 3,75 bis 4,61 Dollar. Visa und andere Player positionieren sich damit gegen die Folgekette aus Autorisierungsausfall, Rückabwicklung, Kundenbetreuung und potenziell neuen finanziellen Risiken. In einem Branchenkommentar wird zudem betont, dass KI-gestützte Sicherheitsarchitekturen nicht als „Upgrade“ verstanden werden sollten, sondern als kontinuierlicher Prozess: Modelle müssen mit neuen Angriffsmustern aktualisiert werden, statt nur eine starre Regelbasis zu ersetzen.

Der Ausblick verbindet Technologie, Markt und Compliance zu einer klaren nächsten Etappe. Visa testet in Europa ein KI-agentisches Zahlungssystem, an dem laut Bericht über 30 Institute teilnehmen, darunter Cornèrcard, Swisscard und Viseca. Die technische Idee ist dabei nicht nur „automatisieren“, sondern die Autorisierung kontrolliert zu halten: KI-unterstützte Abwicklung und anschließende Passkey-Freigabe sollen eine nachvollziehbare Nutzerbestätigung sichern. Gleichzeitig wächst der Kontext durch tokenisierte Zahlungen: Für die CEMEA-Region wird ein Anteil von 70 Prozent für tokenisierte Zahlungen im Jahr 2026 genannt (gegenüber 26 Prozent in 2023). Bis 2028 erwarten Marktforscher, dass 20 Prozent der Großunternehmen „Cyber-Fraud-Fusion-Teams“ aufbauen, um Sicherheits- und Betrugsprävention enger zu verzahnen – eine Chance für Entwicklerteams, Identity-, Risiko- und Betrugsmodelle stärker in gemeinsame Plattformen zu integrieren. Für den Finanzsektor folgt daraus: Passkeys müssen nicht nur implementiert, sondern auch in Governance, Datenflüssen und Monitoring so verankert werden, dass sowohl Sicherheitsziele als auch Datenschutzanforderungen erfüllt sind.


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