WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Regierung hat acht Tech-Unternehmen von der Beantragung grüner Karten via PERM ausgenommen. Vizepräsident JD Vance macht daraus eine Personalfrage und behauptet, Microsoft habe 2025 entlassene Beschäftigte durch H-1B-Zuwanderer ersetzt. Die veröffentlichten H-1B-Approval-Daten zeigen zugleich, wie stark mehrere Konzerne auf diese befristeten Visa setzen. Offengeblieben bleibt dabei, welche Teile der H-1B-Zugänge tatsächlich Neueinstellungen waren und wie sich die Umstellung im Einzelfall zeitlich zu den Entlassungen verhält.

Die Personaldebatte um ausländische Arbeitskräfte bekommt in den USA eine neue Eskalationsstufe: Nach Angaben der US-Behörden wurde das PERM-Programm des Arbeitsministeriums vorerst für acht Unternehmen ausgesetzt, die grüne Karten über den permanenten Zuwanderungsweg beantragen. PERM betrifft dabei die Daueraufenthaltsgenehmigung, nicht die H-1B-Visa selbst. Genau deshalb richten sich viele Blicke auf die H-1B-Zulassungsdaten: Sie liefern einen messbaren Indikator dafür, wie stark einzelne Arbeitgeber auf befristete Beschäftigung außerhalb des lokalen Arbeitsmarkts setzen.
Vizepräsident JD Vance stellte Microsoft dabei in den Mittelpunkt. In seiner Argumentation verknüpfte er die jüngsten Entlassungen des Konzerns mit der Visa-Nutzung: „If you do the math, for every worker that Microsoft laid off, they replaced that worker with one and a half foreign indentured servants. … Microsoft is a great American company, and we have a great relationship with them.“ Die Kernaussage lautet: Microsoft habe die Zahl der entlassenen Beschäftigten durch H-1B-Arbeitskräfte ersetzt. Juristisch und politisch ist das brisant, weil die Visa-Zahlen zwar einen Zusammenhang nahelegen können, aber nicht automatisch beweisen, dass exakt dieselben Jobs oder Personen ersetzt wurden.
Technisch betrachtet kommt hier hinzu, dass H-1B kein dauerhafter Status ist, sondern ein befristetes Arbeitsvisum. Entscheidend wird deshalb, wie viele H-1B-Arrangements neu beim Unternehmen entstehen und wie viele sich auf bereits beschäftigte Personen beziehen. Laut Daten aus dem H-1B Employer Data Hub von USCIS waren Amazon und Meta die größten Sponsoren von H-1B-Visa, während diese beiden Unternehmen von der PERM-Aussetzung nicht betroffen waren. Für das Geschäftsjahr 2025 weist der Datensatz für Amazon 19.178 H-1B approvals aus und für Meta 6.294; Microsoft folgt mit 6.258 als drittgrößtem Sponsor. Dass Microsoft dicht an Meta und deutlich hinter Amazon liegt, widerspricht zwar der Vorstellung, das Problem ließe sich auf „wenige Ausreißer“ reduzieren, untermauert aber gleichzeitig: Der Konzern ist einer der systematisch sichtbaren Hauptakteure im H-1B-Ökosystem.
Auch die zeitliche Logik der Größenordnung wird in der Berichterstattung aufgegriffen. Vance betont die Größenordnung der Entlassungen (6.000) und verknüpft sie mit H-1B-Approvals. Gleichzeitig wird aber im Material selbst klar gemacht, dass die Zahlen „in beide Richtungen“ wirken: Microsoft habe zwar im vergangenen Jahr mehr als 6.000 H-1B-Approvals erhalten, doch zwei von drei dieser Visa gingen an Personen, die bereits für das Unternehmen arbeiteten. Das ist eine zentrale technische Zäsur für die Interpretation. Wer H-1B-Approvals bei bereits beschäftigten Personen „verlängert“ oder umsetzt, erhöht damit nicht zwingend die Zahl der neuen Arbeitskräfte. Im Gegenteil: Ein Teil der Visa-Dynamik kann interne Kontinuität abbilden, ohne dass die Entlassungsfrage eins zu eins als Stellenersatz beantwortet wird.
Die Maßnahmen greifen über die Tech-Branche hinaus, zumindest in der politischen Stoßrichtung. Bei derselben Pressekonstellation kündigte der Inspekteur des Arbeitsministeriums, Anthony D’Esposito, eine Untersuchung zu mutmaßlichem J-1-Visabetrug im Zusammenhang mit neun großen US-Universitäten an. Das ist im Kontext von Work-Visas insofern relevant, als Befürworter der strengeren Linie seit Jahren argumentieren, solche Programme könnten Arbeitgebern Anreize geben, Arbeitskräfte aus dem Ausland statt vor Ort einzustellen. Wenn die Ermittlungen tatsächlich zur Klärung von Missbrauchsmustern führen, dürfte das die Diskussion um Visas nicht nur in der Technologie, sondern auch im akademischen Umfeld weiter anheizen.
Für die Einordnung lohnt außerdem ein Blick auf die Rangliste der betroffenen Unternehmen. Die acht suspendierten Firmen gehören dem Datensatz zufolge zu den Top-Sponsoren unter den Top-50-H-1B-Job-Sponsoren. Dabei handelt es sich überwiegend um IT-Dienstleister und Beratungsunternehmen; Adobe wird in der Quelle als kleinster der Suspendierten genannt, auf Rang 45. Am stärksten fällt aber auf, dass der „größte Sponsor“ nicht automatisch suspendiert wird: Amazon erhielt 19.178 H-1B-Approvals im Fiskaljahr 2025 und Meta 6.294, und beide Unternehmen blieben von der PERM-Aussetzung unberührt. Für Unternehmen in der Praxis bedeutet das: Die Frage „Wer nutzt H-1B wie stark?“ lässt sich nicht ohne Weiteres mit „Wer bekommt PERM-Sperren?“ gleichsetzen. Zwischen Visa-Nutzung, Zulassungsdaten, behördlicher Bewertung und den genauen Kriterien der Suspendierung können deutliche Unterschiede bestehen.
Strategisch ergibt sich daraus eine klare Konsequenz für HR- und Compliance-Teams großer Arbeitgeber: Sie müssen künftig stärker als bisher in mehrere Datenebenen gleichzeitig schauen. Nicht nur, wie viele H-1B-Approvals ein Unternehmen bekommt, sondern auch, wie sich der Anteil auf bestehende Mitarbeitende vs. neue Zugänge verteilt, und wie sich diese Profile über Zeit verschieben. Der politische Druck verschiebt außerdem den Fokus von reiner Kapazitätsplanung hin zu Erklärbarkeit: Welche Skills wurden intern gehalten, welche Lücken entstehen nach Restrukturierungen, und wie wird belegt, dass der Einsatz befristeter Visa nicht als Umgehungsstrategie verstanden werden kann. Welche Schlüsse daraus gezogen werden, entscheidet sich im weiteren Verlauf daran, ob die angekündigten Prüfungen und Untersuchungen konkrete Muster offenlegen und wie Behörden die Datenlage gegenüber den betroffenen Unternehmen bewerten.
Damit ist die Debatte weniger ein reines Schlagwort-Problem, sondern ein datengetriebenes Deutungsproblem: H-1B-Approval-Zahlen können Ersatzbehauptungen stützen, sie können aber genauso gut interne Continuity-Mechanismen abbilden. Für den Markt heißt das: Die Sichtbarkeit von Migrations- und Visa-Kennzahlen wird in den nächsten Quartalen voraussichtlich weiter steigen, weil die politische Frage direkt auf die Unternehmenszahlen trifft. Wer in diesem Umfeld überzeugend argumentieren will, braucht daher nicht nur Employer-Data-Zugriff, sondern belastbare Ableitungen aus dem Zusammenspiel von Entlassungs- und Einstellungsdynamik.
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