LONDON (IT BOLTWISE) – Sachsen-Anhalt muss bis 2035 rund 24.000 Vollzeitstellen in der Pflegebranche neu besetzen oder zusätzlich schaffen, während viele Auszubildende ihre Qualifikation vorzeitig abbrechen. Das Landesprogramm zur Assistierten Ausbildung setzt deshalb auf Begleitung über mehrere Bausteine – von Netzwerkstellen bis zu Bildung und Beratung. Ziel ist, Abbrüche in den ersten Ausbildungsphasen zu verhindern und Fachkräfte langfristig im Gesundheitssystem zu halten. Ergänzend rücken akademische Wege sowie eine bessere Praxisanleitung im Stationsalltag in den Fokus.

Der demografische Wandel verschärft im deutschen Pflegesektor die Lage spürbar: Mehr Bedarf trifft auf eine Ausbildungspraxis, die nicht selten nicht bis zum Abschluss durchzieht. Aus der Perspektive der Personalplanung wirkt das wie ein doppelter Engpass, weil der Nachwuchs bereits während der Qualifizierung verloren geht. Die Folge ist ein Wettlauf um Auszubildende und später um fertig qualifizierte Fachkräfte – besonders dort, wo Ausbildungsplätze ohnehin unter Druck stehen.
Für Sachsen-Anhalt nennt Sozialministerin Petra Grimm-Benne einen konkreten Zielwert: Bis 2035 sollen rund 24.000 Vollzeitstellen in der Pflegebranche neu besetzt oder zusätzlich geschaffen werden. Damit wird klar, dass es nicht allein um das Eröffnen von Ausbildungsstellen geht, sondern um die Bindung über die gesamte Dauer. Genau an diesem Punkt setzen Assistierte Ausbildung und Praxisbegleitung an: Wenn Einrichtungen es nicht schaffen, Auszubildende konsequent durch die herausfordernden Phasen zu führen, steigen Abbruchquoten – und damit sinkt das reale Ausbildungsoutput-Potenzial. Das Problem wird in mehreren Regionen immer wieder als mangelnde, durchgängige Unterstützung im Alltag beschrieben, statt als einmalige Hilfestellung.
Im Landesprogramm zur Assistierten Ausbildung für die Pflegehilfe wird die Begleitung ausdrücklich in zwei Säulen gedacht: eine Netzwerkstelle Pflegehilfe beim DRK Sachsen-Anhalt sowie die BBI – Bildungs- und Beratungsinstitut GmbH. Technisch betrachtet bedeutet das organisatorisch vor allem, dass Beratung, Lernunterstützung und sozialpädagogische Stabilisierung nicht erst am Ende einer Prüfungskrise beginnen. Seit 2021 wurden im Rahmen des Programms bereits mehr als 2.100 Auszubildende gefördert – darunter über Stützunterricht, Prüfungsvorbereitung, sozialpädagogische Unterstützung und auch Sprachförderung. Gerade diese Mischung zielt auf typische Abbruchtreiber: fachliche Unsicherheiten, Überforderung in Prüfungsphasen und Kommunikationsbarrieren im Stationsalltag.
Parallel dazu verschiebt sich die Bildungslandschaft Richtung höherer Qualifikationsstufen. Akademische Bildungswege sollen den Pflegeberuf attraktiver machen, weil sie Perspektiven über die klassische Berufsausbildung hinaus eröffnen und zusätzliche Kompetenzen bündeln. Besonders wirksam ist das, wenn der Übergang nicht als „Bruch“ ins Studium verstanden wird, sondern als Entwicklungspfad für erfahrene Fachkräfte. Entscheidend bleibt aber die frühe Phase im Betrieb: Wer neue Teammitglieder in den ersten Monaten nur punktuell einarbeitet, riskiert Frustration und zieht sich Konflikte unnötig in die Zeit, in der noch Ausbildungs- und Bindungsentscheidungen getroffen werden. Darum rücken Konzepte für strukturiertes Onboarding und für eine qualifizierte Praxisanleitung in den Fokus.
Auf politischer Ebene werden Qualifikationswege zudem formeller abgesichert: Ein parlamentarischer Antrag von SPD und Grünen in Niedersachsen zielt auf ein landesweit einheitliches Verfahren zur Feststellung von Kompetenzen sowie auf eine qualifizierte Praxisanleitung – auch im Kontext verkürzter Ausbildungen in der Pflegefachassistenz. Die Richtung ist dabei klar: Kompetenzfeststellung soll nicht nur „irgendwie dokumentiert“ werden, sondern nachvollziehbar und mit verbindlicher Praxisbegleitung verknüpft sein. Auch über die Ausbildung hinaus gilt, dass Pflegeprofessionen dauerhaft an der Ausgestaltung beteiligt sein sollen, damit neue Kompetenzmodelle in der Realität der Stationen verankert bleiben und nicht nur auf dem Papier funktionieren.
Dass bessere Begleitung im Stationsalltag wirklich wirkt, zeigen konkrete Modellansätze aus der Praxis: Auf Konferenzen für Praxisanleiter: innen wurden Konzepte prämiert, die den Ausbildungserfolg über verlässliche Anleitung und passende Ausbildungsstrukturen unterstützen. Ein Beispiel ist ein am Marienhospital Stuttgart entwickeltes Modell für einen flexiblen Ausbildungsbereich, das mit 21 Auszubildenden über sieben Wochen auf vier Stationen erprobt wurde. Weitere Modelle setzen auf Onboarding-Plattformen, um Belastungen und Praxisängste von Berufsanfängerinnen und -anfängern in anspruchsvollen Bereichen wie Notaufnahmen zu reduzieren. So entsteht am Ende ein systemischer Effekt: weniger Fluktuation in der Anfangsphase, stabilere Lerngruppen und ein höherer Anteil an Abschlüssen – genau das, was Sachsen-Anhalt für die Zielmarke von 24.000 Vollzeitstellen bis 2035 braucht.
Für Träger, Krankenhäuser und Ausbildungseinrichtungen bedeutet das: Personalgewinnung bleibt nur dann nachhaltig, wenn Ausbildung als fortlaufender Prozess organisiert wird – mit Lernunterstützung, stabiler Praxisanleitung und realistischen, planbaren Übergängen in weitere Qualifikationsstufen. Entscheidend ist dabei, die Maßnahmen nicht als einzelne Projekte zu behandeln, sondern als wiederholbares Betriebsmodell. Wer heute in strukturierte Begleitung investiert, verbessert nicht nur die Abschlussquoten, sondern reduziert auch den Rekrutierungsdruck später – und macht das System resilienter gegenüber demografisch bedingten Schwankungen.
Für die nächsten Jahre dürfte damit die Wettbewerbsachse zwischen Einrichtungen noch stärker vom „Wie“ der Ausbildung geprägt sein: von der Qualität der Praxisanleitung über die Passung der Lernunterstützung bis zur formalen Anerkennung von Kompetenzen. Gerade in Regionen mit hoher Personalnot wird sich zeigen, welche Konzepte nicht nur Startphasen verbessern, sondern bis zum Abschluss tragen. Damit wandert die Diskussion von reinen Stellendebatten hin zu konkreter Ausbildungsarchitektur – inklusive der Frage, wie Teams, Stationen und Lernorte enger zusammenspielen.
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