MUCH (KLEVERHOF) / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung von 29 Studien zeigt, dass viele pflegende Angehörige zwar Unterstützung wünschen, bestehende Beratungs- und Hilfsangebote aber deutlich seltener nutzen. Besonders bei Telefonhotlines klafft die Lücke: 40 Prozent zeigen Interesse, angewendet werden die Formate jedoch nur von 10 Prozent. In Deutschland werden zugleich Millionen Menschen im häuslichen Umfeld versorgt, während politische Reformpläne für mehr Struktur und neue Budgets ab 2027 sorgen sollen. Der Mix aus Versorgungspraxis, Bildungs- und Beratungsangeboten entscheidet damit, ob Betroffene schneller Entlastung bekommen.

Wer Angehörige pflegt, bewegt sich im Alltag oft zwischen Fürsorge, Informationssuche und Erschöpfung – und genau hier setzt die neue Forschung an. Eine umfassende Auswertung von 29 Studien, die die Universität Sydney über einen Zeitraum von 20 Jahren zusammengeführt hat, ordnet das Verhalten pflegender Angehöriger gegenüber Hilfs- und Informationsangeboten ein. Die Analyse in der Fachzeitschrift „Psychology & Health“ unter der Erstautorin Hannah Isaac bündelt Daten von mehr als 81.000 pflegenden Angehörigen aus Europa, den USA, Kanada und Australien. Der zentrale Befund: zwischen dem Wunsch nach Beratung und der tatsächlichen Inanspruchnahme liegt eine deutliche Lücke.
Nach den Angaben der Studie wünscht sich zwar jede dritte pflegende Person eine fachliche Beratung, aber weniger als jede sechste nimmt ein entsprechendes Angebot in Anspruch. Bei niedrigschwelligen Formaten wird der Unterschied noch greifbarer. Telefonhotlines wecken demnach Interesse bei 40 Prozent der Befragten, genutzt werden sie aber nur von 10 Prozent. Das Muster ist technisch und organisatorisch zugleich erklärbar: Beratung wird zwar als sinnvoll erlebt, aber der Weg dorthin scheitert häufig an praktischen Hürden wie Zeitfenstern, Verständlichkeit der Angebote, Erreichbarkeit oder auch daran, dass sich Belastung und Entscheidungsdruck im häuslichen Setting gegenseitig verstärken.
Die Tragweite zeigt sich auch in Deutschland an der Zahl der Menschen, die im eigenen Zuhause betreut werden. 2023 wurden hierzulande rund 4,9 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt; bundesweit übernehmen etwa 7,1 Millionen pflegende Angehörige diese Aufgaben. Regionale Daten untermauern den Druck: Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es rund 45.000 Pflegebedürftige, davon werden 89 Prozent von Angehörigen versorgt. 66 Prozent der Betroffenen kommen dabei ohne professionellen Pflegedienst aus – ein Umfeld, in dem Hilfsangebote besonders gut auffindbar und ohne zusätzliche administrative Last verfügbar sein müssen.
Vor Ort reagiert die Zivilgesellschaft auf diese Realität mit dem Ausbau sogenannter niedrigschwelliger Angebote. Der Caritasverband Rhein-Sieg richtet dafür ein neues Pflegeberatungsbüro in Much (Kleverhof) ein. Parallel kritisiert der Verband jedoch gesundheitspolitische Vorhaben zum Pflege-Neuausrichtungs- und Optimierungsgesetz (PNOG). In den Argumenten heißt es, dass eine Auslagerung der Pflegeberatung an Kostenträger drohen könnte und Tarifpflichten für Pflegebeschäftigte ausgesetzt werden könnten; damit würde die Frage nach der Qualität und Stabilität der Beratung im Alltag erneut zum politischen Dreh- und Angelpunkt.
Während Einrichtungen vor Ort strukturieren, verschiebt sich die Systemlogik der Pflegeversicherung ab 2027. Der PNOG-Referentenentwurf aus dem Juni 2026 sieht vor, die Verhinderungspflege als eigenständige Leistung abzuschaffen und stattdessen in vier neu gegliederte Budgets zu überführen. Für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege gilt seit dem 1. Juli 2025 ein gemeinsamer Jahresbetrag von bis zu 3.539 Euro. Die neuen Budgets sollen gestaffelt nach den Pflegegraden 2, 3, 4 und 5 greifen: Sachleistungen mit 889 Euro, 1.590 Euro, 2.089 Euro sowie 2.529 Euro pro Monat; ein Entlastungsbudget von 386 Euro, 638 Euro, 889 Euro und 1.079 Euro pro Monat; ein Sozialraumbudget von 175 Euro monatlich, für Personen unter 25 Jahren 300 Euro; sowie ein Überbrückungsbudget von 1.855 Euro (Pflegegrade 2 und 3) bzw. 2.285 Euro (Pflegegrade 4 und 5) pro Jahr. Entscheidend wird dabei, wie Beratungsstellen die Budgetlogik praktisch in Handlungsentscheidungen übersetzen.
Die Reform läuft zudem in eine angespannte Haushaltslage. Für den Einzelplan 15 des Bundeshaushalts für 2027 werden rund 14,33 Milliarden Euro genannt; ohne Gegenmaßnahmen fehlen für 2027 laut Ministerangaben rund acht Milliarden Euro. Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann, der das Amt am 29. Juli 2026 übernahm, beziffert die Zahl der Pflegebedürftigen mit „aktuell“ über sechs Millionen und prognostiziert bis 2050 einen Anstieg auf rund 7,5 Millionen. Parallel zu Gesetzgebung und Budgetierung wird deshalb der Blick auf neue Versorgungsmodelle wichtiger: Die Hochschule Hannover eröffnete mit „Erweiterte Pflegepraxis ANP/CHN“ einen Masterstudiengang, der auf erweiterte Pflegepraxis setzt. Der DBfK Nordwest fordert zudem eine feste Verankerung von Community Health Nurses; im Raum Bremervörde/Zeven unterstützt seit Juli 2025 Miriam Steens als Community Health Nurse unter anderem die Demenz-Versorgung vor Ort. Für Unternehmen und Träger im Umfeld der Pflege bedeutet das: Entlastung entsteht nicht nur durch Geld, sondern auch durch skalierbare Rollen, klare Zuständigkeiten und gut erreichbare Schnittstellen zwischen Angehörigen, Pflegepraxis und Beratung.
Unterm Strich deutet die Studie auf ein Kommunikations- und Umsetzungsproblem hin: Informationswünsche sind da, aber die Nutzungsquote bleibt niedrig. Genau deshalb sind Reformen, die Budgetstrukturen neu ordnen, nur dann wirksam, wenn sie gleichzeitig den Zugang zu Beratung verbessern und die Hürde zwischen „Interesse“ und „Anwendung“ senken. In der täglichen Praxis heißt das auch, dass niedrigschwellige Anlaufstellen und qualifizierte Fachkräfte stärker vernetzt werden müssen, statt nur neue Leistungsbegriffe zu schaffen. Für pflegende Angehörige, die früh Anzeichen beobachten und wissen wollen, ob das noch „im normalen Bereich“ liegt, spielen dabei pragmatische Hilfen wie anonyme Selbsttests als erster Einstieg weiterhin eine Rolle – während professionelle Beratung den Schritt von der Einschätzung zur konkreten Versorgung begleitet.
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