LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie stellt die seit Jahrzehnten diskutierte Verbindung zwischen niedriger Ruheherzfrequenz und antisozialem Verhalten auf den Prüfstand. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass nicht die Ruheherzrate selbst wirkt, sondern dass der Drang nach aufregenden und riskanten Erfahrungen stärker mit antisozialem Verhalten zusammenhängt. Dafür nutzt das Team aus dem Netherlands Twin Register polygenetische Scores, um Genetik als Brücke zwischen Risiko und Verhalten zu untersuchen. Offen bleibt zwar die endgültige Kausalrichtung, doch die Daten deuten auf einen praktikablen Ansatz für künftige Prävention hin.

Die Vorstellung ist eingängig: Wer in Ruhe langsamer schlägt, wirkt weniger „gewarnt“ durch Angst oder Hemmung – und sucht dann vielleicht eher intensive, grenzüberschreitende Erlebnisse. Genau diese Annahme steht im Zentrum einer aktuellen Arbeit, die in Aggression and Violent Behavior veröffentlicht wurde. Die Autoren vergleichen jedoch nicht nur die statistische Korrelation zwischen Ruheherzrate und antisozialem Verhalten, sondern testen explizit, ob dahinter ein vermittelnder Mechanismus steckt: Könnte die „Sensation Seeking“ genannte Neigung zu Neuem, Variation und Risiko erklären, warum bestimmte Menschen stärker zu regelbrechendem Verhalten tendieren?
Antisoziales Verhalten umfasst dabei eine ganze Palette von Handlungen, die soziale Regeln verletzen oder die Rechte und Gefühle anderer missachten. Dazu zählen in der Studie unter anderem Aggression, Täuschung, Regelbruch, Vandalismus und Gewalt. Ein wichtiger Punkt in der Forschungslage: Bereits hohe Werte im Kindes- und Jugendalter können in spätere Lebensphasen „nachwirken“ und mit späteren kriminellen Verläufen sowie anderen schädlichen Ergebnissen zusammenhängen. Für die Technik-nahen Methodenfragen ist entscheidend, dass antisoziales Verhalten oft in Beobachtungsstudien mit Körperdaten in Beziehung gesetzt wurde – und diese Kette bislang selten sauber zwischen „Ursache“ und „Begleitmarker“ trennt. Die Arbeit versucht genau hier anzusetzen, indem sie die etablierte Beziehung zwischen Ruheherzrate und antisozialem Verhalten gegen eine Alternative austauscht: den potenziellen Beitrag der Erfahrungslust.
„Ruheherzfrequenz“ beschreibt die Zahl der Herzschläge pro Minute, wenn eine Person in einem ruhigen Zustand ist. In früheren Untersuchungen fand man häufig, dass niedrigere Ruheherzfrequenzen mit mehr antisozialem Verhalten zusammenfallen. Zwei Erklärungsmodelle tauchen dabei immer wieder auf: Erstens könnte eine zu geringe Stimulation als unangenehm erlebt werden, wodurch manche Menschen bewusst intensivere Reize suchen. Zweitens könnte eine niedrigere Ruheherzfrequenz mit geringerer Angst oder geringerer Hemmung zusammenhängen – wodurch riskantes oder potenziell schädliches Verhalten leichter wird. Die neue Arbeit greift diese Modelle auf, stellt aber die „Sensation Seeking“-Seite in den Vordergrund. Diese Persönlichkeitsneigung meint den starken Wunsch nach abwechslungsreichen, neuartigen und intensiven Erfahrungen sowie die Bereitschaft, Risiken einzugehen, um diese Erfahrungen zu erhalten.
Methodisch ist die Studie vor allem deshalb interessant, weil sie nicht einfach Selbstberichte verknüpft, sondern eine Form des kausalen Denkens über Genetik ausprobiert. Unter Leitung von Timon G. Udo (Vrije Universiteit Amsterdam) analysierten die Forschenden Daten aus dem Netherlands Twin Register. Der breite Datensatz umfasst 8.422 Erwachsene (66,4 % weiblich; Durchschnittsalter 41,9 Jahre). Zusätzlich werden 1.927 eineiige bzw. zweieiige? – genauer: fraterne Zwillinge (67,1 % weiblich; Ø 32,45 Jahre) sowie 2.599 eineiige Zwillinge (74,3 % weiblich; Ø 34,73 Jahre) separat betrachtet. Die Teilnehmenden füllten Fragebögen zu antisozialem Verhalten und zur Sensation-Seeking-Neigung aus. Da keine direkte Ruheherzfrequenz gemessen wurde, nutzten die Forschenden polygenetische Scores als indirektes Maß: Dabei handelt es sich um Schätzer genetischer Veranlagung auf Basis vieler Einzelgen-Effekte, die mit Ruheherzfrequenz assoziiert sind. Diese Scores werden dann in statistischen Modellen so eingesetzt, dass man Unterschiede zwischen Familien und innerhalb von Zwillingspaaren vergleichen kann – also zwischen genetischen Verbindungen, die stark variieren, und gemeinsamen Umweltbedingungen, die innerhalb eines Zwillingshaushalts ähnlicher sind.
Im breiten Datensatz zeigt sich ein klareres Bild für Sensation Seeking: Personen mit höheren Sensation-Seeking-Werten berichten auch häufiger antisoziales Verhalten. Dieses Muster bleibt bestehen, wenn die Analyse auf fraterne und eineiige Zwillinge ausgeweitet wird. Besonders aufschlussreich ist der „Within-Family“-Effekt bei eineiigen Zwillingen, die 100 % ihrer DNA gemeinsam haben und in einem großen Teil ihrer frühen Umweltbedingungen ähnlich aufwachsen. Dass zwischen ihnen dennoch ein Zusammenhang zwischen Sensation Seeking und antisozialem Verhalten sichtbar bleibt, passt zu der Möglichkeit, dass Sensation Seeking nicht nur als Marker fungiert, sondern selbst einen kausalen Beitrag leisten könnte – die Studie kann das allerdings nicht endgültig beweisen. Bei der Ruheherzfrequenz über den genetischen Proxy wird es dagegen widersprüchlich: Der genetische Zusammenhang sagt im breiten Sample antisoziales Verhalten vorher, aber in eine unerwartete Richtung (genetische Tendenz zu höherer Ruheherzfrequenz geht mit mehr antisozialem Verhalten einher). In der fraternen-Zwilling-Analyse verschwindet das Muster, und der genetische Proxy sagt zudem keine Sensation-Seeking-Neigung voraus. Am Ende ergibt sich daher kein belastbares Evidenzbild, dass Sensation Seeking den Ruheherzfrequenz-Effekt vermittelt.
Die Schlussfolgerung der Autoren lautet entsprechend: Sensation Seeking könne ein wirkungsorientierter Zielpunkt für Präventions- oder Interventionsansätze sein – und zwar unabhängig davon, ob jemand eine bestimmte Ruheherzfrequenz aufweist. Wichtig ist dabei die praktische Nuance: Die Studie empfiehlt nicht, Sensation Seeking pauschal „abzuschalten“. Stattdessen argumentieren die Forschenden, dass sicherere Aktivitäten stimulieren können, ohne antisoziales Verhalten zu fördern. Genau hier liegt der industrie- und umsetzungsnahe Bezug: Wer Prävention konzipiert, kann künftig stärker mit Mechanismen statt mit einzelnen Körpermarkern arbeiten. Das ist auch aus historischer Perspektive plausibel, denn viele ältere Modelle liefen Gefahr, Körperdaten als biologische Ursache zu interpretieren, obwohl sie in Wahrheit nur ein „eingebautes Messfenster“ für andere psychologische oder soziale Faktoren sein konnten.
Gleichzeitig bleibt die Arbeit methodisch begrenzt, und diese Grenzen sind für die Einordnung im Sinne von „Technik trifft Biologie“ entscheidend. Erstens wurde die Ruheherzfrequenz nicht direkt gemessen, sondern über einen genetischen Proxy abgebildet; dieser fängt zwangsläufig nur Teile der tatsächlichen Varianz ein. Zweitens beruhen zentrale Variablen – antisoziales Verhalten und Sensation Seeking – auf Fragebogen-Selbstberichten. Drittens zeigt das Sample im Durchschnitt sehr niedrige Werte beim antisozialen Verhalten; damit ist unklar, ob die Ergebnisse ohne Weiteres auf schwer betroffene Gruppen übertragbar sind. Viertens kann die Studie die Richtung von Ursache und Wirkung nicht endgültig „herausziehen“. Dennoch ist der Ansatz als Schritt hin zu saubereren kausalen Tests bemerkenswert: Er verlagert den Fokus von einem einzelnen Körperparameter hin zu einem Verhaltenstreiber, den man in Interventionsdesigns direkt adressieren kann.
💳 Amazon-Kreditkarte mit 2.000 Euro Limit bestellen!
🔥 Heutige Hot Deals bei Amazon: Bis zu 80% Rabatte!
🎉 Amazon Haul-Store für absolute Schnäppchenjäger!
- ★ 23-stufiges KI-Go-Training – Für Spieler mit Grundkenntnissen der Regeln – Entwickelt als intelligenter Trainingspartner passt sich die KI Spielern von 18K bis 9D an. Ideal für alle, die die Grundregeln bereits beherrschen und ihr Spiel verbessern möchten.
- IHR EMOTIONALER AI-BEGLEITER: Eiliko ist mehr als nur ein Anhänger, es ist ein charismatischer KI-Freund. Mit einem dynamischen LED-Bildschirm, der eine Vielzahl von animierten Gesichtern und Ausdrucksformen anzeigt, reagiert er auf Ihre Interaktionen mit einzigartiger Persönlichkeit und Charme.
- 【MEHR LEBEN FÜR DEINEN SCHREIBTISCH】 Lerne Eilik kennen – deinen kleinen Roboter-Freund mit Persönlichkeit. Mit liebevollen Animationen, ausdrucksstarken Reaktionen und spielerischen Interaktionen bringt Eilik mehr Freude in deinen Alltag. Ob auf dem Schreibtisch, im Büro oder am Nachttisch – Eilik wird schnell zu einem vertrauten Begleiter für besondere Momente.
- 【XL-Größe für gedeihende Pflanzen】Geben Sie Ihren Pflanzen den Raum, den sie verdienen! Unser verbessertes, großes 13,7 cm großes Design bietet Platz für Pflanzen mit einem Durchmesser von bis zu 8,9 cm und damit deutlich mehr Platz für Wurzelwachstum und Pflanzengesundheit im Vergleich zu kleineren, veralteten Modellen. Die Produktabmessungen betragen 13,6 x 13,6 x 13,2 cm und das Gerät wiegt nur 355 g.
- V28 Update - JETZT MIT NEUEN FUNKTIONEN! Als Reaktion auf das Ladeproblem von Loona haben wir das automatische Aufladen 2.0 verbessert. Diese Optimierung hilft Loona, die Ladewege in verschiedenen Szenarien zu erkennen und anzupassen, um die Erfolgsquote beim automatischen Aufladen zu erhöhen. Mobile Hotspots können sich mit Loona verbinden und überwinden WLAN-Einschränkungen, sodass Sie jederzeit und überall mit Loona interagieren können.
- Die besten Bücher rund um KI & Robotik!

- Die besten KI-News kostenlos per eMail erhalten!
- Zur Startseite von IT BOLTWISE® für aktuelle KI-News!
- IT BOLTWISE® kostenlos auf Patreon unterstützen!
- Aktuelle KI-Jobs auf StepStone finden und bewerben!
- Künstliche Intelligenz: Dem Menschen überlegen – wie KI uns rettet und bedroht | Der Neurowissenschaftler, Psychiater und SPIEGEL-Bestsellerautor von »Digitale Demenz«
Du hast einen wertvollen Beitrag oder Kommentar zum Artikel "Polygenetische Scores klären: Sucht-Risiko statt Ruheherzrate treibt antisoziales Verhalten" für unsere Leser?


#Sophos
Es werden alle Kommentare moderiert!
Für eine offene Diskussion behalten wir uns vor, jeden Kommentar zu löschen, der nicht direkt auf das Thema abzielt oder nur den Zweck hat, Leser oder Autoren herabzuwürdigen.
Wir möchten, dass respektvoll miteinander kommuniziert wird, so als ob die Diskussion mit real anwesenden Personen geführt wird. Dies machen wir für den Großteil unserer Leser, der sachlich und konstruktiv über ein Thema sprechen möchte.
Du willst nichts verpassen?
Du möchtest über ähnliche News und Beiträge wie "Polygenetische Scores klären: Sucht-Risiko statt Ruheherzrate treibt antisoziales Verhalten" informiert werden? Neben der E-Mail-Benachrichtigung habt ihr auch die Möglichkeit, den Feed dieses Beitrags zu abonnieren. Wer natürlich alles lesen möchte, der sollte den RSS-Hauptfeed oder IT BOLTWISE® bei Google News wie auch bei Bing News abonnieren.
Nutze die Google-Suchmaschine für eine weitere Themenrecherche: »Polygenetische Scores klären: Sucht-Risiko statt Ruheherzrate treibt antisoziales Verhalten« bei Google Deutschland suchen, bei Bing oder Google News!