LONDON (IT BOLTWISE) – Entwickler treiben die Umstellung auf post-quantenresistente Kryptografie vor, weil ein ausreichend großer Quantencomputer öffentliche Schlüssel in Sekundenräume entschlüsseln könnte. Für Bitcoin und Ethereum bleibt die entscheidende Hürde dabei nicht nur die Forschung, sondern der praktische Umstieg in einem dezentralen System. Die US-Standardisierung von Post-Quanten-Algorithmen ist bereits 2024 abgeschlossen, doch Signaturen sind derzeit größer und langsamer als das, was Blockchains schon heute speichern. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie schnell Nutzer, Wallets und Netzwerke die neuen Verfahren wirklich aktivieren.

Quantenangriff auf Krypto: Wie Bitcoin und Ethereum sich auf Post-Quanten-Krypto rüsten
Quantenangriff auf Krypto: Wie Bitcoin und Ethereum sich auf Post-Quanten-Krypto rüsten (Foto: IT BOLTWISE)
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Stellen Sie sich vor, ein Sicherheitsmechanismus lässt sich nicht durch Knacken überwinden, sondern durch Vorauswissen über die mathematische Struktur. Genau so lässt sich das Risiko durch Quantencomputer für Krypto-Signaturen einordnen: Wenn ein Angreifer aus einem veröffentlichten öffentlichen Schlüssel den passenden privaten Schlüssel berechnen kann, fällt die zentrale Grundlage vieler Blockchains weg. Beim klassischen ECDSA-ähnlichen Signaturdesign ist diese Rückrechnung für heutige Computer faktisch zu aufwendig. Das ändert sich theoretisch, sobald ein Quantencomputer mit genügend logischen Qubits den Shor-Algorithmus ausführen kann, der bestimmte Faktorisierungs- und diskrete-Logarithmusprobleme deutlich schneller löst als klassische Ansätze.

Wie konkret die Größenordnung ist, zeigt eine Rechnung, die aus öffentlich diskutierten Arbeiten zur Quantenkomplexität stammt: Für einen Angriff auf das übliche Schlüsselableitungsprinzip bei Kryptowährungen werden etwa 1.200 bis 1.450 logische Quibits genannt. Der Knackpunkt sind dabei nicht nur die Qubits, sondern die Fehlerkorrektur: Um aus fehleranfälligen physischen Qubits zuverlässige logische Qubits zu bauen, braucht man extrem viele zusätzliche Ressourcen. In den genannten Abschätzungen landet man bei weniger als 500.000 physischen Qubits und einer Laufzeit von grob 18 bis 23 Minuten, wobei Hardware-Annäherungen auf supraleitender Technik beruhen. Auch für Ethereum und vergleichbare Signatur-Setups wird in diesem Kontext das gleiche Grundmuster adressiert: Sobald Signaturen bzw. ihre zugrunde liegenden kryptografischen Primitive nicht mehr sicher sind, kann „Schlüsselbesitz“ rechnerisch erzwungen werden.

Der Zeithorizont bleibt unscharf. Aktuelle Chip-Generationen liefern nach Angaben aus der Forschung Größenordnungen, die weit unter den für Shor-gestützte Angriffe nötigen logischen Qubits liegen; die genannten Vergleichswerte reichen von „einigen hundert“ bis zu mehreren tausend logischen Größen, wobei heutige Systeme eher bei rund 2.000 bis 2.500 „vergleichbaren“ Größen liegen. Gleichzeitig tauchen alternative Hardwarepfade auf, etwa Quantenprozessoren mit neutralen Atomen: In einem Begleitansatz wird für dasselbe Problem ein deutlich anderer Bedarf berichtet, nämlich in der Größenordnung von etwa 26.000 Qubits. Dass die Diskussion neben supraleitender Technik und neutralen Atomen auch Sicherheits- und Fehlerkorrekturpfade miteinander verknüpft, erklärt, warum „wann“ so schwer zu beantworten ist. Für Krypto-Entwickler folgt daraus eine praktische Devise: Man kann den Umstieg nicht über Nacht „patchen“, weil Netzwerke dezentral sind und Änderungen koordinierte Upgrade-Zyklen benötigen.

Die gute Nachricht: Es existieren bereits post-quantenresistente Verfahren. Das entscheidende Detail ist jedoch, warum sie sich bisher nicht einfach „darüberlegen“ ließen. Das National Institute of Standards and Technology hat 2024 seine ersten post-quanten Kryptografiealgorithmen standardisiert. Genannt werden unter anderem ML-DSA (lattice-basiert) sowie SLH-DSA (hash-basiert). In der Praxis bedeuten solche Signaturen für Blockchains aber einen Preis: Sie sind größer und langsamer als die kompakten Signaturen, die heute in vielen Systemen auf elliptischen Kurven basieren. Auf einer Blockchain werden Signaturen in der Regel nicht nur einmal verwendet, sondern dauerhaft vorgehalten, weil jeder Knoten historische Daten prüft. Der Austausch der „Schließzylinder“ betrifft also nicht nur den Angreifer-Abwehrmechanismus, sondern auch Speicherbedarf, Verarbeitungszeit und damit die Kosten im laufenden Betrieb. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Netzwerke und Infrastrukturbetreiber ohnehin mit teuren Storage-Kosten kämpfen, während gleichzeitig KI-Workloads den Datenhunger weiter verschärfen.

Dazu kommt: Es gibt nicht nur „eine Tür“. Die Hash-Ketten, die Datenblöcke miteinander verbinden, gelten in den meisten Erwartungen gegenüber bekannten Quantenangriffsmustern als deutlich robuster als Signaturmechanismen. Anders verhält es sich bei den Transaktionssignaturen, und zusätzlich bei der Firmware in Hardware-Wallets, die für die Schlüsselverwaltung und signierende Operationen zuständig ist. Genau deshalb laufen mehrere Umstellungen parallel: Transaktionssignaturen brauchen post-quantenfeste Varianten, Hash-Strategien müssen gegebenenfalls parametrisch abgesichert werden, und Wallet-Firmware sowie Gerätechips müssen später in der Lage sein, mit den größeren Signaturformaten umzugehen. Weil diese Ebenen unabhängig sind, gibt es auch keinen „Single Switch“, der das Risiko in einem Schritt eliminiert.

Konkrete Fortschritte sieht man dennoch bereits in der Praxis, auch wenn die Gesamtlandschaft noch nicht „fertig“ ist. In keiner der großen Ketten wird im dargestellten Stand davon ausgegangen, dass sie bis September 2026 vollständig quantensicher sind. Bitcoin setzt laut den genannten Entwickelarbeiten vor allem auf schrittweise Migrationspfade: Der BIP 360 führt einen neuen Address-Typ namens P2MR ein, der gewissermaßen die Option einbaut, später auf quantenresistente Signaturen umzusteigen, ohne die gesamte Community sofort in eine harte Fork zu zwingen. Auch Taproot, seit November 2021 im Einsatz, wird in bestimmten Nutzungsfällen als quantenfest eingeordnet. Ethereum geht hingegen organisatorisch aggressiver vor: Mit einem eigenen Post-Quantum-Security-Team und einem mehrjährigen Plan, der unter anderem Validator-Signaturen durch hashbasierte Verfahren ersetzt und zusätzlich quantum-resistente STARK-basierte Beweise vorsieht, wird die Schwachstellenreduktion „schichtweise“ adressiert.

Spannend ist, dass der sichtbarste Fortschritt nicht zwingend bei den Top-2-Chain-Ökosystemen passiert. Algorand wird dabei als Beispiel genannt, weil dort bereits echte Transaktionen mit dem quantum-resistenten Falcon-1024 signiert worden sein sollen, einschließlich optionaler Schlüssel mit nächster Sicherheitsgeneration. Zcash wiederum finanziert Projekte, die quantenfeste private Transaktionen direkt bis in hardware-nahe Sicherheitschips bringen sollen; zudem wird für 2027 erwartet, dass das System selbst quantenfest werden kann. Auch im Wallet-Umfeld ist Bewegung erkennbar: Trezor bewirbt eine „quantum-ready“ Dual-Chip-Strategie, damit post-quantenresistente Firmware bei Bedarf direkt mitgehen kann. Ledger arbeitet parallel an der Anpassung von Wallet-Chips, weil die neuen Signaturen und Schlüsselmaterialien „fetter“ ausfallen und die Geräte daher mehr Platz und andere Abläufe benötigen.

Was bleibt, ist ein Umsetzungsproblem mit wirtschaftlicher und netzwerkpolitischer Dynamik. Bitcoin kann Inhaber nicht einfach „zum Upgrade zwingen“, und genau dort wartet das größte Betriebsrisiko: Millionen Coins liegen in alten Adressen, in denen öffentliche Schlüssel bereits offen veröffentlicht sind. Solange diese Adressen nicht durch neuere Signature-Schemata abgelöst werden, bleibt ein Teil des Bestands verwundbar, sobald die Quantenkapazität wirklich ausreicht. Deshalb ist die entscheidende Kennzahl nicht, ob irgendwann post-quantenfeste Software existiert, sondern wie schnell Nutzer, Wallets und Protokolle die neuen Verfahren tatsächlich aktivieren. Quantenangriffe sind kein Sprint, sondern ein mehrjähriger Pfad aus Forschung, Standardisierung, Implementierung und Migration – und der „Startpunkt“ liegt nicht im Labor, sondern in der Upgrade-Fähigkeit dezentraler Systeme.


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