LONDON (IT BOLTWISE) – In Europas Meeren wurden im Sommer vielerorts Rekordtemperaturen gemessen. Ein Forschungsteam der World Weather Attribution ordnet die außergewöhnliche Wärme maßgeblich dem Klimawandel zu. Besonders das westliche Mittelmeer sowie der Bereich um den Golf von Biscaya und die Iberische Halbinsel sind betroffen. Die Analyse zeigt zudem, wie sehr die menschengemachte Erwärmung das Risiko für Hitzewellen an den Küsten anhebt.

Wer in diesem Sommer nur auf die Lufttemperaturen blickte, verpasste einen zweiten Belastungstest für Europas Küsten. Laut einem Bericht der Organisation World Weather Attribution (WWA) haben sich viele Meeresgebiete deutlich erwärmt; in einzelnen Regionen liegt die Temperatur an der Meeresoberfläche sogar mehr als sechs Grad über dem, was man aus früheren Vergleichszeiträumen kennt. Das ist nicht einfach „Wetter“ im engsten Sinn, sondern ein Muster, das sich mit Blick auf die langfristige Entwicklung erklären lässt. Entscheidend ist dabei die Frage, wie stark die Erderwärmung durch den Menschen den Ausschlag gegeben hat.
Die WWA-Analyse geht dafür einen datengetriebenen Weg: Das Forschungsteam vergleicht die Entwicklung der Juli-Temperaturen an der Meeresoberfläche mit Klimamodellen, um den Anteil der menschengemachten Erwärmung zu quantifizieren. Ergebnis: Die Erderwärmung habe im Mittelmeer im Schnitt etwa 2 Grad verursacht, in der Region um den Golf von Biscaya und an der westlichen Küste der Iberischen Halbinsel etwa 1,4 Grad und rund um Irland sowie an der britischen Westküste etwa 1,3 Grad. Damit wird aus einer meteorologischen Beobachtung eine Attribution im Zeitfenster, in dem Hitzeereignisse statistisch besonders auffällig sind.
Auch beim Risiko für Hitzewellen liefert die Studie konkrete Abschätzungen. Demnach hätten im laufenden Jahr an 90 Prozent der Küsten im Raum Golf von Biscaya und Iberische Halbinsel Hitzewellen auftreten müssen; im westlichen Mittelmeer seien es 80 Prozent gewesen. Ohne die menschengemachte Erderwärmung, die derzeit etwa 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegt, wären den Berechnungen zufolge jeweils deutlich weniger Küsten betroffen gewesen: etwa 40 Prozent in den genannten westlichen Regionen. In vergleichbaren Küstenbereichen wie dem östlichen Mittelmeer und in den Regionen um Irland wären die Modelle ebenfalls von einem niedrigeren Anteil ausgegangen.
Die Folgen betreffen nicht nur die „Wärme“ als Zahl, sondern die Dynamik im Meer selbst. Die WWA warnt, dass die erhöhte Temperatur der Ozeane Ökosysteme und Nahrungsketten schädigen kann und teils auch Bestände von Meeressäugern und Seevögeln dezimieren könnte. Ein im Bericht genanntes Beispiel aus dem Südwesten Englands ist der Anstieg des Vorkommens des Gemeinen Kraken (Octopus vulgaris) seit 2025. Die Art gilt eigentlich als stärker in wärmeren Gewässern vor Nordafrika verankert, wodurch das Ereignis als Hinweis genutzt wird, dass veränderte Temperaturen Ausbreitungsräume verschieben können.
Daneben verweist die Studie auf eine mögliche Kopplung zwischen Meereshitze und Extremwetter. Warmes Wasser kann die Bildung schwerer Stürme begünstigen, weil Energie und Feuchtigkeit im System schneller verfügbar sind. Als konkreten Bezugspunkt nennt das Team schwere Überschwemmungen in der spanischen Region Valencia im Herbst 2024. Dass die Meeresoberfläche als „Energiepuffer“ und als Ausgangspunkt für atmosphärische Prozesse wirkt, ist ein Grund, warum sich Erwärmung nicht auf die Küste beschränkt, sondern in andere Ereignisklassen hineinwirkt.
Auch weltweit bewegt sich das Thema nicht im Hintergrund. Laut vorläufigen Daten der US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA lag die durchschnittliche globale Meerestemperatur am vorigen Sonntag bei 21,16 Grad. Der Wert liegt bezogen auf dieses Datum 0,75 Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020 und 0,92 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1982 bis 2010; gemessen wird dabei die Temperatur zwischen den beiden 60. Breitengraden, sodass Polargebiete außen vor bleiben. Diese Einordnung macht deutlich: Europa ist Teil eines globalen Musters, in dem Ozeane zunehmend als „Hauptspeicher“ der überschüssigen Wärme wirken.
Für Entscheiderinnen und Entscheider ist der wichtigste Punkt weniger die Tagesaktualität als die belastbare Aussage zur Ursache-Wirkungs-Kette. Wenn die menschengemachte Erwärmung systematisch dazu führt, dass Küstenhitzewellen wahrscheinlicher werden, dann verändert das Planungshorizonte: Küstenwirtschaft, Fischerei, Hafenbetrieb und Katastrophenmanagement müssen mit veränderten Randbedingungen rechnen. Die Forscherinnen und Forscher formulieren außerdem die Grenze dessen, was Anpassung leisten kann: Ökosysteme lassen sich nicht „wegoptimieren“, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verlieren. Gerade deshalb wird die technische und politische Debatte um Emissionsminderung eng mit der Frage verknüpft, wie schnell sich Meer und Lebensräume abkühlen können.
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