SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Rune bringt mit RELIC modulare Rechenleistung auf den Solarfarm-Standort, ohne dass dafür ein Netzanschluss oder neue Datenzentrumsbauten nötig sind. Das System nutzt ungenutzten Solarstrom direkt in Form von Gleichstrom, sodass keine herkömmliche Umwandlung auf Wechselstrom erforderlich ist. Laut Unternehmen lassen sich Kapazitäten innerhalb von etwa sechs Wochen nach Vertragsabschluss bereitstellen. Die Initiative wird von einer Series-A-Finanzierung über 40 Millionen US-Dollar begleitet.

Rechenzentren gelten in vielen KI-Projekten als Engpass nicht nur wegen der Hardware, sondern vor allem wegen der Stromversorgung. Genau an dieser Stelle setzt Rune an: Das Startup stellt mit RELIC einen modularen Rechen-Block vor, der direkt an funktionierende Solarinstallationen gekoppelt wird, ohne den Umweg über den öffentlichen Stromnetzbetrieb. Statt „so viel wie möglich Strom“ mit langen Planungs- und Bauzyklen zu sichern, will RELIC vorhandene, lokal erzeugte Energie als unmittelbare Ressource nutzen. Der Ansatz zielt damit auf ein Problem, das sich in der Praxis häufig als Verzögerungskette zeigt: Kapazitäten für KI wachsen schneller, als neue Netzinfrastruktur und klassische Rechenzentrumsstandorte rechtzeitig entstehen.
Technisch ist RELIC auf den Charakter von Solarstrom zugeschnitten. Solaranlagen liefern ihre Leistung in der Ursprungsidee als Gleichstrom (Direct Current), während viele Infrastrukturpfade den Strom zunächst in Wechselstrom umwandeln, um ihn in bestehende Netze einzuspeisen oder in der konventionellen Stromversorgung weiterzuverwenden. Rune behauptet, RELIC arbeite „nativ“ auf Gleichstrom und spare dadurch Energieverluste, die typischerweise beim Konvertieren auftreten. Gleichzeitig soll das System ohne umfangreiche Standortvorbereitung auskommen und „keine sichtbare Spur“ in der Landschaft hinterlassen. Das ist nicht nur eine Designfrage: Wenn ein System ohne tiefe Eingriffe in die Infrastruktur auskommt, reduziert das die Hürden für Genehmigungen, Bauzeiten und operative Unterbrechungen.
Für die wirtschaftliche Dimension liefert Rune mehrere konkrete Ankerpunkte. Laut Bericht verschönern Solarfarmen durch das bestehende Anlagenmanagement offenbar einen Teil der erzeugten Energie nicht vollständig, es gehe um bis zu 20% „ungenutzten“ Strom, was in Summe auf mehr als 50 TWh pro Jahr hinauslaufe. RELIC soll genau diesen Leerlauf abgreifen und dabei unter anderem metering charges, Utility Fees und die typischen Netzlimitierungen umgehen, die den Ausbau von KI-Infrastruktur bremsen. Besonders eindrücklich ist der behauptete Installations- und Hochlaufplan: Das Setup könne in etwa 60 Minuten montiert werden, und funktionsfähige GPU-Kapazität werde innerhalb von sechs Wochen nach Vertragsabschluss bereitgestellt. Damit steht die Lösung im starken Kontrast zu klassischen Datenzentrumsvorhaben, die laut Rune-Angaben häufig über mehrere Jahre bis zur vollen Betriebsbereitschaft laufen.
Auch auf der Kostenebene positioniert sich RELIC klar. Rune nennt, dass sich durch den Ansatz der Anteil für nicht-rechenbezogene Infrastruktur um 85% reduzieren lasse, was bei einer 100-MW-Deployment-Skala auf rund 620 Millionen US-Dollar Ersparnis hinauslaufen soll. Unabhängig davon, wie streng man einzelne Effizienzkennzahlen im Detail prüft, macht die Richtung des Modells deutlich, warum der „Behind-the-meter“-Gedanke in der Branche gerade wieder an Zugkraft gewinnt: Wenn die Rechenleistung räumlich und funktional an eine Erzeugungsquelle gekoppelt ist, müssen weniger teure Komponenten im Übertragungs- und Netzbereich neu aufgebaut oder lange betrieben werden. Genau diesen Mechanismus beschreibt Rune auch mit Blick auf die Architektur: Die Kapazität entsteht dort, wo die erneuerbare Energie bereits verfügbar ist.
Der Marktkontext liefert die Begründung, warum diese Strategie aktuell besonders relevant wirkt. Herkömmliche Rechenzentren seien vielerorts aus Entwürfen für frühere Generationen von Computing heraus entstanden und würden nun auf KI-Lasten „nachgerüstet“, statt die Architektur konsequent für den neuen Bedarf zu entwerfen. Rune argumentiert, dass die KI-Power-Constrain nicht primär aus fehlender Erzeugung resultiere, sondern aus der Zuweisung von Ressourcen und aus dem Zeitverlust, der entsteht, wenn Strom erst über Netze und lange Infrastrukturprogramme verfügbar wird. In diese Logik passen auch die Aussagen der beteiligten Geldgeber: Spark Capital-Gründer Santo Politi sieht in RELIC einen schnellen Pfad zu neuer Kapazität, weil die bestehenden erneuerbaren Assets bereits betriebsbereit sind. Der CTO Varun Palivela verweist darauf, dass der Weg nicht nur in Retrofit-Schritten liege, sondern in einem neu entwickelten Technologie-Stack, der Compute und saubere Erzeugung eng koppelt.
Operativ will Rune das Konzept zunächst in einem konkreten Pilotumfeld beweisen. Die erste funktionierende Installation soll bei einer 200-MW-Solaranlage in Texas stehen, montiert auf bestehender Infrastruktur und ohne Modifikationen am Standort. Damit liefert das Unternehmen einen „Proof of Install“ im Maßstab, der groß genug ist, um typische Betriebsfragen wie Auslastungssteuerung, logistische Abhängigkeiten und die praktische Kopplung von IT-Lasten an Energieverfügbarkeit zumindest teilweise zu adressieren. Ergänzend nennt Rune, dass das System unter Last „unterbrechungsfrei“ arbeiten soll, während es vollständig ohne Wasserbetrieb auskommt. Für KI-Deployments ist das ein wichtiger Punkt, weil gerade bei konventionellen Rechenzentren Kühlung und Wasserverbrauch in manchen Regionen zu einem begrenzenden Faktor werden können.
Mit dem Launch geht auch eine Finanzierungsgeschichte einher, die den Tempoanspruch des Vorhabens stützt. Rune startet die Einführung laut Bericht mit einer Series-A-Runde über 40 Millionen US-Dollar und hebt das bisher insgesamt eingesammelte Kapital auf 53,5 Millionen US-Dollar. Für den KI-Infrastrukturbereich ist das weniger eine reine Wachstumsmeldung als ein Signal: Wenn Unternehmen die Lücke zwischen Nachfrage und Lieferfähigkeit schließen wollen, brauchen sie Finanzierung, um Hardware- und Integrationsprojekte parallel voranzutreiben. Gleichzeitig bleibt der entscheidende Prüfstein, wie gut sich RELIC skaliert, sobald mehrere Standorte mit unterschiedlichen Solarprofilen, Netzmargen und operativen Rahmenbedingungen zusammenkommen. Genau dann entscheidet sich, ob das „modular in kurzer Zeit montierbar“-Versprechen zum wiederholbaren Standard wird.
Für Unternehmen, die KI-Workloads betreiben oder zukünftig planen, verschiebt sich damit die Planungsgrundlage: Statt das Stromthema ausschließlich als Netz- oder Rechenzentrumsprojekt zu behandeln, rückt das Setup an die Erzeugungsquelle in den Fokus. Das kann die Beschaffungszyklen verkürzen und die Abhängigkeit von Netzanschlusskapazitäten reduzieren, solange die gekoppelte Auslegung von Energieverfügbarkeit und GPU-Last in der Praxis stabil bleibt. Unterm Strich steht RELIC damit für eine eher pragmatische Variante der KI-Infrastruktur: weniger „neues Rechenzentrum zuerst“, mehr „vorhandene Energie direkt in Leistung übersetzen“. Ob der Ansatz bei weiteren Installationen ähnliche Effekte bei Zeit, Kosten und Energieeffizienz liefert, wird sich in den kommenden Deployments zeigen.
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