WILHELMSHAVEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Rheinmetall treibt den nächsten Schritt in der Marinerüstung voran und will mit der neuen Fregatte GMF140 gezielt kleinere Plattformen im Markt positionieren. Das Unternehmen reagiert damit auf das Scheitern des zuvor erhofften Beschaffungsvorhabens rund um die Fregatten vom Typ F126. Während das Bundesverteidigungsministerium stattdessen F128 von TKMS beschafft, modernisiert Rheinmetall parallel die Fregatte F123 „Bayern“ in Wilhelmshaven. Offengeblieben ist dabei vor allem, wann und in welchem Beschaffungsprogramm GMF140 erstmals gebaut und ausgeliefert werden kann.

Mit der GMF140 will Rheinmetall den direkten Vergleich dort suchen, wo die deutsche und internationale Marine Beschaffungsgeschwindigkeit und Modularität zunehmend höher gewichten: bei kleineren bis mittleren Fregatten statt bei langlaufenden Hochkomplexitätsprogrammen. Der Konzern beschreibt die neue Plattform als komplett neu entwickelte Fregatte, die mit 140 Metern Länge und einer Verdrängung von mehr als 6000 Tonnen auf „sich wandelnde Anforderungen“ im NATO-Umfeld ausgelegt sei. Genau diese Zielsetzung wirkt wie ein Konter gegen die jüngsten Verzögerungen und Kostenrisiken, die im Umfeld der F126 eine zentrale Rolle spielten.
Der Ausgangspunkt liegt im Wechsel der Planungen des Bundesverteidigungsministeriums: Die Beschaffung von sechs U-Boot-Abwehr-Fregatten des Typs F126 wurde eingestellt. Laut Darstellung des Ministeriums wäre eine damit verbundene Kostensteigerung von zuvor genannten 10 Milliarden Euro auf 18 Milliarden Euro nicht mehr vertretbar gewesen. Gleichzeitig setzt die Behörde nun auf TKMS und den Fregattentyp F128: Zunächst sollen vier, später bis zu acht Einheiten beschafft werden, bei einem Gesamtpreis von rund 12 Milliarden Euro für acht Schiffe. Technisch ist die F128 gegenüber der F126 bewusst kleiner angelegt: Sie bringt etwa 4000 Tonnen auf die Waage und misst 121 Meter in der Länge.
Für Rheinmetall ist dieser Wechsel doppelt relevant. Erstens hatte der Konzern über die Übernahme der Marinerüstungssparte NVL von der Bremer Lürssen-Gruppe im März eine starke Grundlage für die Teilnahme an großen, systemintegratorisch geprägten Projekten schaffen wollen. Das „wichtigste Projekt“ dieser Übernahme scheiterte jedoch bereits Ende Juni; der F126-Ansatz wollte die Fregatten als Generalunternehmer übernehmen, wobei die Umsetzung über den niederländischen Partner Damen Naval an Terminproblemen bei Bau und Vortrieb litt. Der zweite Aspekt ist taktischer: Rheinmetall geht seit Ende Juli mit konkreter Ausführung in die Offensive und modernisiert auf der zur Division Naval Systems gehörenden Reparaturwerft in Wilhelmshaven die Fregatte F123 „Bayern“ umfassend; als Auftragswert nennt der Konzern einen mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.
Die GMF140 soll diese Lücke im Angebotsprofil füllen – und zwar mit einem Ansatz, der auf Serienfähigkeit und wiederverwendbare Baugruppen setzt. Rheinmetall positioniert die Fregatte explizit als Multi-Domain-Plattform und nennt eine Konstellation, die mehrere Bedrohungs- und Einsatzdimensionen abdecken soll: Luftverteidigung, ballistische Raketenabwehr, U-Boot-Bekämpfung und weitreichender Präzisionsschlag. Für die Sensor- und Bekämpfungsseite nennt das Unternehmen zudem Bausteine, die in der Praxis über Architekturfragen entscheiden, etwa einen signaturreduzierten Schiffsrumpf, ein integriertes Akustikmanagement sowie Rumpf- und Schleppsonaranlagen. Ergänzend wird die Fähigkeit zum Einsatz bemannter und unbemannter luftgestützter Systeme europäischer oder US-amerikanischer Herkunft hervorgehoben – ein Hinweis darauf, dass die Plattform nicht nur für klassische Schiff-zu-Schiff-Engagements gedacht ist, sondern auch für verteilte Aufklärung und Wirkungsketten.
Damit rückt automatisch die Wettbewerbsebene zur F128 von TKMS in den Fokus, denn auch dort spielen Skalierung und Interoperabilität eine zentrale Rolle. Die F128 basiert auf der von TKMS viele Jahre lang exportierten Fregatte Meko A-200; zugleich versichert der Anbieter, die F128 mit „modernster Bewaffnung“ als Schiff mit zur F126 vergleichbarer Leistungsfähigkeit herstellen zu können. Rheinmetall knüpft seine GMF140-Strategie dagegen an die Erwartung an, dass die nächste deutsche Fregattengeneration F127 politisch und organisatorisch erneut unter Druck geraten könnte – insbesondere, wenn der Bund weiter an hochkomplexen, jahrelangen Beschaffungsvorhaben festhält. Im Kern lautet die Frage, ob sich die Beschaffungslogik langfristig auf kleinere, flexibler herstellbare Einheiten verschiebt, abgestimmt mit der Deutschen Marine und der NATO.
Für den internationalen Absatz legt Rheinmetall eine pragmatische Spur: Das Unternehmen will die GMF140 zunächst im Rahmen eines Beschaffungsvorhabens in Nordamerika anbieten. Da die USA ihre Kriegsschiffe nicht in Europa bestellen, bleibt aus Sicht der eigenen Einordnung als naheliegender Markt vor allem Kanada. Dort bestellt Kanada derzeit zwölf U-Boote bei TKMS und modernisiert gleichzeitig seine Überwasser-Kampfeinheiten; gleichzeitig existiert bereits das kanadische Zerstörer-Programm zur U-Boot-Jagd, die „River-Klasse“. Rheinmetall deutet an, dass die GMF140 für weitere verbündete Marinen gedacht ist, die eine zukunftssichere, hochgradig interoperable Überwasserkampfeinheit suchen – und die Frage nach Zeitplan und erster Lieferung bleibt damit bewusst offen. Genau diese Offenheit ist für Entscheider entscheidend: Wer neben TKMS in den maritimen Serienmarkt hinein will, muss nicht nur Plattformdaten liefern, sondern auch eine belastbare Bau- und Integrationsplanung, die sich gegen politische Zyklusrisiken und übergreifende Systemabhängigkeiten behauptet.
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