BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner Polizei startet im August 2026 ein Pilotprojekt zur KI-gestützten Videoüberwachung am Kottbusser Tor. Das System soll Bewegungsabläufe auswerten und untypische Muster oder Gefahrensituationen automatisiert erkennen, ohne biometrische Gesichtserkennung. Bis 2030 sind dafür Investitionen und laufende Betriebskosten in Millionenhöhe veranschlagt. Ergänzend ist ab Dezember 2026 eine Ausweitung auf Objektschutz am Roten Rathaus und in der Klosterstraße geplant.

KI-Videoüberwachung am Kottbusser Tor: Start im August, Budget bis 2030
KI-Videoüberwachung am Kottbusser Tor: Start im August, Budget bis 2030 (Foto: IT BOLTWISE)
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Am Kottbusser Tor soll im August 2026 ein Pilotprojekt beginnen, das die Berliner Polizei mit KI-gestützter Videoanalyse ausstattet. Im Kern geht es dabei nicht um die Identifizierung einzelner Personen, sondern um eine automatisierte Auswertung von Bewegungsabläufen. Die politische Einordnung fällt entsprechend klar aus: Innensenatorin Iris Spranger betonte, dass die eingesetzte Software keine biometrische Gesichtserkennung durchführt, sondern Muster im Verhalten erfassen und mit Blick auf mögliche Gefahrensituationen priorisieren soll. Für den Betrieb bedeutet das technisch vor allem: Das System muss über zuverlässige Video-zu-Metrik- und Ereignisdetektionspfade verfügen, ohne auf personenbezogene Biometrie ausgerichtet zu sein.

Damit verschiebt sich der Fokus von der Identifikation hin zur Ereignislogik. Eine Bewegungsanalyse im öffentlichen Raum arbeitet in der Regel mit mehreren Schichten, etwa mit Detektion von Personen oder Objekten im Bild, Tracking über Bildfolgen hinweg und anschließender Regel- oder Modellbewertung, um „untypische“ Verhaltensmuster zu markieren. Genau diese Schnittstelle ist in der Praxis entscheidend: Je besser die Pipeline zwischen Rohvideo, Stabilisierung (z. B. bei wechselnden Sichtbedingungen) und konsistenter Auswertung funktioniert, desto geringer fällt die Zahl falscher Alarme aus. Gleichzeitig bleibt es ein systematisches Risiko, dass schon kleine Fehler in der Detektion oder im Tracking die nachgelagerte Ereignisbewertung verfälschen. Der Ansatz, keine Gesichtserkennung einzusetzen, adressiert daher nicht nur Privatsphäre-Fragen, sondern reduziert auch eine Ebene der Komplexität, die bei Biometrie zwangsläufig stärker in den Vordergrund rückt.

Das Vorhaben ist jedoch nicht nur eine Frage der Modellqualität, sondern auch der Wirtschaftlichkeit über mehrere Jahre hinweg. Für den Zeitraum 2026 bis 2030 nennt die Berliner Polizei Investitionen von 2,47 Mio. Euro für Implementierung und langfristigen Unterhalt des Systems. Zusätzlich werden Betriebskosten in Höhe von 2,13 Mio. Euro veranschlagt. Solche Aufwände deuten auf einen realistischen Lebenszyklus hin: Neben der initialen Bereitstellung fallen typischerweise auch Wartung, Updates, Anpassungen an den Betriebskontext sowie der organisatorische Aufwand für Monitoring und Nachsteuerung an. Gerade bei Videoanalyse-Piloten ist die Erwartungshaltung oft hoch, aber die Messlatte liegt in produktiven Umgebungen bei Stabilität über lange Zeiträume, nicht beim ersten Demonstrator.

Abseits des öffentlichen Überwachungsbereichs plant die Polizei eine weitere Nutzung intelligenter Systeme im Objektschutz. Konkret ist ab Dezember 2026 die Installation entsprechender Systeme am Roten Rathaus sowie in der Klosterstraße vorgesehen. Für diesen Teilbereich stehen für die Jahre 2026 und 2027 Investitionsmittel in Höhe von 1,76 Mio. Euro bereit. Technologisch kann das unterschiedliche Anforderungen bedeuten: Während ein öffentlicher Platz stärker von wechselnden Nutzerdichten, Hintergrundbewegungen und wechselnden Wetter- bzw. Lichtbedingungen geprägt ist, verlangt Objektschutz häufig nach präziseren Kontextannahmen und weniger „Rauschen“ aus dem Umfeld. Für Unternehmen und Integratoren ist das relevant, weil der Systemzuschnitt (Sensorik, Software-Logik, Datenflüsse) und damit auch die Kostenstruktur mit dem Einsatzort variieren.

Rechtlich knüpft Berlin an eine bereits verabschiedete Reform an. Als Grundlage nennt die Quelle die im Dezember 2025 verabschiedete Änderung des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG), die die Voraussetzungen für den Einsatz intelligenter Überwachungssysteme durch Berliner Sicherheitsbehörden schaffen soll. Gleichzeitig bleibt der politische und gesellschaftliche Widerstand spürbar: Datenschützer und Vertreter der Opposition lehnen KI-Kameras ab und führen Bedenken zur Wahrung von Freiheitsrechten sowie zur Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen im öffentlichen Raum an. Diese Debatte folgt häufig einem Muster: Selbst wenn Biometrie nicht eingesetzt wird, wird die Frage gestellt, wie weit automatisierte Auswertung und mögliche Eingriffsfolgen reichen. Für Betreiber wird damit die Dokumentations- und Governance-Komponente besonders wichtig, weil genau diese Abwägung in Audits und internen Kontrollprozessen nachvollziehbar gemacht werden muss.

Praktisch orientiert sich Berlin bei der technischen Umsetzung offenbar auch an Erfahrungen anderer Bundesländer. Laut Polizei wird in Frankfurt am Main bereits eine vergleichbare Technologie zur Überwachung von Brennpunkten eingesetzt; diese Erfahrungen sollen als Referenz für den Testbetrieb in Berlin dienen. Solche Referenzen sind in frühen Rollouts wertvoll, weil sie typische Betriebsprobleme früher sichtbar machen können, etwa bei der Kalibrierung, bei der Bewertung von Fehlklassifikationen oder bei der Frage, wie schnell sich ein System in den Zielbetrieb überführen lässt. Für die nächsten Schritte wird entscheidend sein, wie das System nach dem Pilotstart hinsichtlich Trefferquoten, Alarmqualität und organisatorischer Reaktionsketten nachjustiert wird – und wie sich der Abgleich mit den Vorgaben des EU AI Act in konkrete Prozesse übersetzen lässt. Denn die KI-Videoanalyse bewegt sich im Spannungsfeld aus technologischer Wirksamkeit, betrieblicher Umsetzbarkeit und rechtlicher Einordnung, die in der Praxis mehr ist als ein juristisches Etikett.


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