LONDON (IT BOLTWISE) – 2025 flossen in Deutschland insgesamt 7,8 Milliarden Euro Risikokapital in Startups, doch nur 53 Millionen Euro gingen an Teams mit ausschließlich weiblicher Gründung. Das entspricht rund einem Prozent und zeigt, dass der Investmentboom die Finanzierungslücke nicht schließt. Besonders auffällig ist der Rückstand bei großen Deals, in denen Frauen nur in 3,3 Prozent der Gründungsteams vertreten sind.

Deutschland erlebt 2025 zwar einen anhaltenden Investitionsboom, die Verteilung des Risikokapitals bleibt jedoch auffällig schief: Insgesamt gingen 7,8 Milliarden Euro in deutsche Startups, aber lediglich 53 Millionen Euro an Unternehmen mit ausschließlich weiblichen Gründungsteams. Das sind rund ein Prozent – während rein männliche Teams knapp 7,4 Milliarden Euro erhielten und damit 94 Prozent des gesamten Kapitals auf sich vereinten. Schon diese Gegenüberstellung macht den Kern deutlich: Der Gender Investment Gap wächst trotz steigender Startup-Investitionen, weil der Zufluss an Frauenteams nicht im gleichen Tempo anzieht.
Am Ende geht es nicht nur um Geldbeträge, sondern auch um die Basis, wie viele Startups überhaupt auf die Bühne kommen, die von Frauen gegründet wurden. Von 660 Startups, die 2025 mindestens eine Finanzierungsrunde abschlossen und deren Gründungsteams bekannt sind, waren nur 21 rein weibliche Gründungen. Das entspricht etwa drei Prozent; 536 Unternehmen (81 Prozent) wurden von ausschließlich männlichen Gründungsteams aufgebaut. Weitere 103 Startups (rund 16 Prozent) gingen auf gemischte Teams zurück. Gleichzeitig sank der Anteil der Startups mit mindestens einer Frau im Gründungsteam von 21 Prozent im Jahr 2024 auf 19 Prozent im Jahr 2025 – und auch der Frauenanteil unter den beteiligten Gründerinnen und Gründern fiel von knapp elf auf neun Prozent.
Der Abstand wird mit zunehmender Deal-Größe noch deutlicher. Bei Finanzierungsrunden über 50 Millionen Euro lag der Frauenanteil in den Gründungsteams 2025 bei nur 3,3 Prozent. In kleineren Runden bis maximal eine Million Euro waren es immerhin 13,3 Prozent. Über alle Runden hinweg ergibt sich dadurch ein durchschnittlicher Gründerinnenanteil von neun Prozent. Praktisch heißt das: Selbst wenn die frühe Phase für manche Projekte offener erscheint, verschiebt sich die Kapitalverteilung mit wachsendem Risiko- und Skalierungsversprechen zunehmend zugunsten von Teams, in denen keine oder kaum Frauen in der Gründung vertreten sind.
Ein Teil lässt sich zwar mit der Branchenwahl erklären, aber die Mechanik dahinter ist für die Investitionsrealität entscheidend. Im finanzstarken Umfeld Software und Analytics lag der Frauenanteil in den Gründungsteams 2025 bei nur sechs Prozent. Ähnlich niedrig war er in FinTech und InsurTech sowie in Energy und Mobility. Deutlich anders sieht es in Bereichen aus, die häufiger B2C-getrieben sind oder weniger kapitalintensiv wirken: Im E-Commerce kamen Gründerinnen auf 21 Prozent, im Bildungssektor auf 17 Prozent und bei ClimateTech, GreenTech und CleanTech auf 15 Prozent. Dennoch erklärt diese Branchenverteilung nicht alles – denn diese Felder ziehen zwar Investoren an, erreichen aber laut den Daten häufiger nicht die Größenordnung großer Finanzierungsrunden, die in Software, KI oder anderen kapitalintensiven Technologiefeldern üblich sind.
Warum genau diese Kluft entsteht, beschreibt Thomas Prüber, Partner bei EY-Parthenon, mit mehreren Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Zum einen gründen Männer weiterhin deutlich häufiger als Frauen. Zum anderen seien Gründerinnen überdurchschnittlich oft im B2C-Geschäft aktiv – und dieses Segment habe unter der Konsumzurückhaltung der vergangenen Jahre stärker gelitten. Daneben bleiben viele der Technologiefelder, in die besonders große Summen fließen, stark von männlichen Gründerstrukturen geprägt, darunter Künstliche Intelligenz, Software, FinTech und Verteidigungstechnologie. Dazu kommt laut Prüber die geringere Präsenz von Frauen in technischen Studiengängen und Berufen, die wiederum häufig den Ausgangspunkt für kapitalintensive Gründungen bilden.
In der Summe entsteht ein Kreislauf, der über das Jahr 2025 hinausreicht: Wenn Gründerinnen nur einen Bruchteil des verfügbaren Kapitals erhalten, entstehen weniger große, sichtbare und erfolgreiche frauengeführte Technologieunternehmen. Genau diese sichtbaren Erfolge wirken in der Startup-Ökonomie jedoch als Rekrutierungs- und Referenzmechanismus – sie liefern Vorbilder für die nächste Generation potenzieller Gründerinnen. In den Zahlen steckt daher weniger nur ein Verteilungsproblem, sondern auch ein wachstumsbezogenes Wettbewerbsproblem: Teams, die in frühen Phasen zu wenig Kapital abbekommen, tun sich später schwerer dabei, Runden zu schließen, Talente zu binden und skalierbare Produkte in der erwarteten Geschwindigkeit zu entwickeln.
Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen und Investoren, die den Gender Investment Gap ernst nehmen, können ihn nicht allein mit „mehr Awareness“ adressieren, solange die Kapitallogik bei großen Deals so stark greift. Besonders relevant ist dabei, wie Entscheidungsprozesse in der späteren Investmentphase strukturiert sind – etwa bei der Auswahl von Lead-Investoren, den sichtbaren Track Records im Team und der Frage, welche Wachstumsannahmen als plausibel gelten. Gleichzeitig zeigen die Branchenmuster, dass Förder- und Mentoringprogramme dort ansetzen sollten, wo sie den Übergang in kapitalintensive Technologiefelder unterstützen. Der bemerkenswerteste Befund der Erhebung ist deshalb nicht nur, dass „nur ein Prozent“ des Risikokapitals an rein weibliche Teams fließt, sondern was daraus werden kann: Wer heute zu wenig Kapital bekommt, fehlt morgen als Vorbild – und übermorgen womöglich als Gründerin.
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