LONDON (IT BOLTWISE) – Das Robert Koch-Institut (RKI) sieht die diesjährige Hitzewelle mit rund 11.900 hitzebedingten Sterbefällen deutlich über dem Niveau früherer Jahre. Besonders die extrem heiße Woche Ende Juni hat mit etwa 9.600 Fällen den Hauptanteil geliefert. Das RKI erklärt die zeitliche Verzögerung der vollumfänglichen Auswertung mit nachlaufenden Daten aus dem Statistischen Bundesamt. Anhaltend gefährlich bleiben vor allem tropische Nächte, weil der Körper keine Erholungsphasen mehr hat.

RKI schätzt rund 11.900 hitzebedingte Todesfälle im Jahr 2026
RKI schätzt rund 11.900 hitzebedingte Todesfälle im Jahr 2026 (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Robert Koch-Institut (RKI) beschreibt die Folgen der Extremhitze in diesem Sommer als besonders schwerwiegend und bislang in dieser Größenordnung kaum beobachtet. Für die heftige Hitzewelle Ende Juni nennt das Institut nach Schätzungen fast 10.000 zusätzliche Todesfälle im Zusammenhang mit Wärmebelastung. Rund 9.600 hitzebedingte Sterbefälle entfallen dabei auf die Woche vom 22. bis 28. Juni. In vielen Teilen Deutschlands lagen die Temperaturen in diesen Tagen um die 40 Grad, wodurch das Risiko nicht nur tagsüber, sondern auch in der Nacht relevant blieb.

Rechnet man die Ereignisse in die Gesamtentwicklung ein, kommt das RKI laut Wochenbericht für das laufende Jahr auf schätzungsweise 11.900 hitzebedingte Sterbefälle. Der größte Anteil wird dabei auf die besonders extrem heißen Tage zurückgeführt, und das RKI betont, dass die Zahlen konservativ sein könnten. Entscheidend ist auch der Vergleich: Selbst wenn man nur die Jahre seit 2016 betrachtet, sind bereits deutlich mehr Menschen aufgrund der Hitze gestorben als in jedem einzelnen Gesamtjahr zuvor. Im RKI-Rahmen wird außerdem 2018 als vorheriger Höchstwert genannt: mit rund 9.000 hitzebedingten Todesfällen im gesamten Jahr.

Warum die Belastung Ende Juni erst später sichtbar wird, liegt nicht an einer nachträglichen „Übertreibung“, sondern an der Logik der Datenerhebung und Modellierung. Das RKI schreibt, dass sich die Auswirkungen der besonders heißen Woche und der Folgewoche erst jetzt in den Ergebnissen zeigen. Als Gründe nennt das Institut zum einen, dass Temperaturen in dieser Größenordnung zuvor in Deutschland kaum oder gar nicht vorkamen. Zum anderen verweist das RKI darauf, dass bundesland-spezifische Zahlen des Statistischen Bundesamtes erst mit einer Verzögerung von fünf Wochen berichtet werden. In dem aktuellen Bericht wird der Zeitraum vom 6. April bis 26. Juli betrachtet, und jede Woche wird auf Basis neu verfügbarer Informationen neu kalkuliert.

Technisch stützt sich die Schätzung auf Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamtes, ergänzt durch Wetterdaten: In die Berechnung fließen auch Daten von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ein. Diese Kombination ist wichtig, weil Hitze nicht nur eine Frage des Tageshöchstwerts ist, sondern des zeitlichen Verlaufs über Tage und Nächte hinweg. Das RKI ordnet Hitze dabei vor allem als Gefahr für ältere Menschen ein: Mit rund 6.000 Fällen waren die meisten Todesfälle in der Altersgruppe ab 85 Jahren zu verzeichnen. Knapp 3.000 betrafen Personen zwischen 75 und 84 Jahren, knapp 1.800 zwischen 65 und 74. Bei Unter-65-Jährigen nennt das RKI rund 1.100 hitzebedingte Todesfälle.

Besonders betont wird in den medizinischen Einordnungen die Rolle der sogenannten tropischen Nächte. Christian M. Schulz, Anästhesist, Notfallmediziner und Geschäftsführer der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, beschreibt die Nächte als „das größte Problem“. In solchen Nächten sinken die Temperaturen auch nachts nicht unter 20 Grad. Der Hintergrund ist physiologisch: Bei Hitze wird das Blut stärker an die Körperoberfläche verteilt, wodurch im Körperinneren weniger zur Verfügung steht. Gleichzeitig muss das Herz pro Zeit mehr Blut durch den Kreislauf pumpen, und Betroffene benötigen mehr Flüssigkeit. Schulz weist zudem auf eine gefährliche Dynamik hin: „Wenn wir entsprechend körperlich eingeschränkt sind, fällt es uns viel schwerer drauf zu reagieren.“ Das trifft besonders auf kranke Menschen zu und auf Einrichtungen, die schlecht geschützt sind, etwa Altenheime oder Krankenhäuser ohne ausreichende Kühlmöglichkeiten, beispielsweise durch Verschattung.

Auch in der häuslichen Umgebung sieht Schulz ein Risiko, selbst wenn Betroffene früher „allein gut zurechtkamen“. Er nennt als typische Muster, dass ältere Menschen oft weniger Durst verspüren, zu wenig trinken und dadurch dehydrieren können. Die Folge reichen von Komplikationen im Herz-Kreislauf-System bis hin zu möglichen Organproblemen; Schulz nennt in diesem Zusammenhang „Nierenversagen oder dass das Herz-Kreislauf-System nicht mehr funktioniert“. In der klinischen Praxis kann das schleichend verlaufen: Wenn es zu einer Bewusstseinstrübung kommt, „dann stehen sie nicht mehr auf und können auch nicht um Hilfe rufen“, beschreibt Schulz. Diese Entwicklung über Stunden und Tage hinweg macht Hitze besonders schwer planbar, weil sie sich nicht immer durch einzelne, sofort erkennbar kritische Symptome ankündigt.

Die Zahlen werden zudem durch die Wetterlage untermauert: Das RKI macht typischerweise ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad einen hitzebedingten Anstieg der Sterblichkeit sichtbar. Für die Woche vom 22. bis 28. Juni lag die bundesweite Wochenmitteltemperatur dem RKI zufolge bei 26,4 Grad, damit deutlich über der Schwelle. In allen Bundesländern wurde in dieser Woche eine mittlere Temperatur über 20 Grad gemessen. Der DWD ordnet den Juni 2026 als zweitwärmsten seit Messbeginn ein, mit im Mittel 19,5 Grad; nur 2019 war demnach noch wärmer. Gleichzeitig meldet der DWD mehrere Extreme innerhalb der Hitzewelle: Die Nacht vom 27. auf den 28. Juni war nach derzeitigen DWD-Daten die wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, und tagsüber wurden mehrfach Temperaturen über 41 Grad ausgewiesen. Am 27. Juni sei deutschlandweit an 46 Stationen die 40-Grad-Marke erreicht worden.

Politisch und organisatorisch wird die gesundheitliche Dimension der Hitzewellen inzwischen deutlich eingefordert. Laut einer Erklärung der Gesundheitsorganisationen, die weitere europäische Akteure sowie Umweltverbände einbezieht, müsse die Erklärung des Klimanotstands in verbindliche Verpflichtungen überführt und extreme Hitze als ernsthafte Gesundheitsgefahr anerkannt werden. Gefordert werden unter anderem Maßnahmen, um Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten und Schulen klimafest zu machen. Luigi Pantisano, Linken-Chef, sprach von einem „dramatischen Weckruf“ und kritisierte, dass Hitze zwar längst eine tödliche Gefahr sei, die Bundesregierung den Hitzeschutz jedoch noch wie eine freiwillige Zusatzaufgabe behandle. Parallel wurde öffentlich zu einem Hitzegipfel aufgerufen, damit Bund, Länder und Kommunen ihre Aktivitäten strategisch aufeinander abstimmen; auch Zivilgesellschaft und Forschung sollen dabei stärker eingebunden werden.


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