KENNEDY SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Roman Space Telescope von NASA startet am Sonntag mit einer Mission im Umfang von 4,3 Milliarden US-Dollar, um mit einer 300-Megapixel-Weitwinkelkamera neue Himmelskarten zu erstellen. Die Hardware soll pro Monat Daten liefern können, für die das Hubble Space Telescope rund ein Jahrhundert benötigt hätte. Im Zielbereich Lagrange-Punkt 2 bleibt das Teleskop zudem mit minimalem Treibstoffverbrauch ausgerichtet. Zusätzlich plant die Mission eine Exoplaneten-Studie mit einem Koronografen, der das Licht von Sternen stark unterdrückt.

Roman Space Telescope startet: 300-Megapixel-Kamera liefert 2.500 Terabyte Daten
Roman Space Telescope startet: 300-Megapixel-Kamera liefert 2.500 Terabyte Daten (Foto: IT BOLTWISE)
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Schon die Ausgangslage macht deutlich, warum das Roman Space Telescope als „nächstes großes Observatorium“ vermarktet wird: Es setzt nicht auf einen einzelnen schmalen Blickwinkel, sondern auf ein weites Gesichtsfeld, kombiniert mit Detektoren und Auslesewegen, die auf Geschwindigkeit und Durchsatz optimiert sind. Die Kernidee ist dabei weniger „noch ein Messgerät“, sondern ein anderer Rhythmus der Himmelsbeobachtung. Während das Hubble Space Telescope über Jahrzehnte hinweg große Datenmengen gesammelt hat, zielt Roman darauf ab, diese Datenmenge in einer viel kürzeren Taktung in die wissenschaftliche Auswertung zu bringen. Das ist ein Unterschied, der sich nicht nur in der Zahl der Bilder niederschlägt, sondern auch in der Frage, wie schnell neue Kandidaten für Follow-ups entstehen.

Technisch wird der Anspruch dabei sehr konkret: Roman nutzt eine Weitfeldkamera mit 300 Megapixeln. Eine einzelne voll aufgelöste Aufnahme soll laut NASA-Informationen etwa 45 Stadtkreise abdecken und dabei Auflösung liefern, die ansonsten nur mit enormen Bildschirmentszenarien vergleichbar wäre. Für den Betrieb ist zudem entscheidend, dass Roman die Daten sehr zügig zur Erde funken kann: Während Hubble über 30 Jahre ungefähr 172 Terabyte übertragen hat, soll Roman im Rahmen seiner fünfjährigen Primärmission 2.500 Terabyte als Downlink liefern. Die Mission beschreibt die Leistungsfähigkeit außerdem in einem Skalierungsvergleich: „1.000 Mal“ schneller als Hubble in der Himmelsdurchmusterung, mit dem Ziel, in einem Monat so viel Daten zu sammeln wie Hubble „in einem Jahrhundert“ schaffen könnte. Genau diese Kombination aus Weitwinkel, hoher Pixeldichte und Datenrate bildet das Fundament für die geplanten großen Surveys und die zeitvariable Astrophysik.

Auch die Konstruktion verrät, worauf Roman technologisch aufbaut. Das Teleskop ist 42 Fuß lang, wiegt rund 18.000 Pfund und trägt den Namen nach Nancy Grace Roman, NASA’s erster Chief Astronomer. Sie gilt als zentrale Förderin von Weltraumteleskopen und war maßgeblich an der Entwicklung von Hubble beteiligt. Beim Start sitzt Roman auf einer Triple-Core SpaceX Falcon Heavy am Kennedy Space Center, die Einplanung nennt 7:26 a.m. EDT am Sonntag. Danach bezieht das Observatorium seinen festen Beobachtungsplatz im Lagrange-Punkt Nr. 2 (L2), etwa eine Million Meilen von der anderen Seite der Erde aus gesehen, wo die Ausrichtung mit „minimalem“ Treibstoffaufwand gehalten werden soll. Die gleiche Zielregion nutzt auch das James Webb Space Telescope, was zeigt, wie stark sich die Missionsarchitektur in der modernen Raumfahrt auf stabile thermische und dynamische Betriebsbedingungen stützt.

Für die Wissenschaftsziele wird Roman dann besonders scharf, sobald man die beiden großen Themenblöcke „Kosmologie“ und „Exoplaneten“ zusammen betrachtet. Im L2-Betrieb soll Roman die Effekte von Dunkler Materie und Dunkler Energie in breiten Himmelsfeldern untersuchen und zugleich statistisch signifikante Erkenntnisse zur Entwicklung kosmischer Strukturen liefern. Dabei knüpft die Mission auch an konkrete offene Fragen an: Die sogenannte „Hubble Tension“ entsteht, weil Messwerte des Hubble-Parameters aus frühen kosmischen Zeiten (über die 3-Grad-Reststrahlung nach dem Urknall) nicht sauber mit den Werten übereinstimmen, die aus Beobachtungen nahegelegener Entfernungsindikatoren wie bestimmten Supernova-Typen abgeleitet werden. NASA-Projektkreise rahmen das als Hinweis darauf, dass möglicherweise ein Element im Standardmodell der Kosmologie fehlt. Projektwissenschaftlerin Julie McEnery bringt es in den vorliegenden Aussagen auf den Punkt: „We’re seeing evidence that the Hubble constant, as inferred from very early times, is not consistent with the Hubble constant that we measure closer to now, which is telling us that the model that connects those two things might not be quite right, “ und sie ergänzt: „We have a slight tension in our expectations for how structure should grow and evolve.“ Genau diese „Spannung“ soll Roman mit seiner Durchmusterungsleistung und den geplanten Zeitreihenmessungen weiter adressieren.

Neben der Kosmologie setzt Roman auf eine zweite, gleichrangige wissenschaftliche Säule: Exoplaneten im sichtbaren Licht, insbesondere über einen Koronografen. Roman trägt zwei Instrumente: eine Weitfeldkamera und einen fortgeschrittenen Koronografen mit deformierbaren Spiegeln, der das helle Sternenlicht stark ausblenden soll, um das extrem schwache reflektierte Licht eines Planeten sichtbar zu machen. Die Erwartungen reichen dabei bis zu Jupiter-großen Planeten in Umlaufbahnen um erdähnliche Sterne. Vanessa Bailey, Roman coronagraph instrument scientist, beschreibt den geplanten Sichtbarkeitsgrad so: „We think that we will be capable of detecting exoplanets that are about 100 million times fainter than their stars, and with that capability, we are hoping to see … a Jupiter twin around a nearby star using visible light reflected from its cloud tops for the first time, “ und sie führt aus: „Then, we can use that light to study the composition of its atmosphere.“ Dass bisher bereits rund 6.200 Exoplaneten mit kleineren Instrumenten wie Kepler gefunden wurden, gibt den Zielkontrast: Roman soll innerhalb von 18 Monaten mehr als 100.000 Exoplaneten entdecken. Hinzu kommt ein klarer Engineering-Teil, weil das Gesamtsystem erst nach dem Start in einen wissenschaftlichen Sollmodus überführt werden muss: drei bis vier Monate „commissioning“ mit Kalibrierung, Instrumententests und dem systematischen Prüfen der Subsysteme.

Besonders interessant ist, wie Roman die Spanne zwischen „klassischer Optik“ und „modernen Anforderungen“ technisch überbrückt. Das Hauptspiegelmodul basiert auf einem Hubble-ähnlichen Spiegelsystem, das ursprünglich für ein klassifiziertes Projekt gebaut wurde und später abbestellt wurde. Zwei solcher Spiegel wurden an NASA gespendet; NASA nutzt laut Planungen nur einen, um ein einzelnes „Flagship“-Observatorium zu realisieren. Für den Betrieb bei ultra-niedrigen Temperaturen in L2 mussten Krümmung, Glätte und Politur für die gewünschte astronomische Rezeptur angepasst werden, und auch die Trägerstruktur (Trusses) sowie weitere Komponenten wurden so modifiziert, dass sie die thermischen Bedingungen zuverlässig überstehen. Projektmanagerin Jackie Townsend beschreibt diesen Übergang von „gut getestet“ zu „maßgeschneidert“: „I think our engineering team thinks of it as we received a set of well-tested parts that included highly calibrated optical systems, “ und weiter: „But we really had to sort of start over and make it our own to work at our operating temperatures.“ Damit wird deutlich, dass selbst „geschenkte“ High-End-Optik nicht einfach übernommen wird, sondern im Gesamtsystem neu integriert werden muss.

Die geplanten drei Kern-Surveys geben am Ende die Arbeitsweise vor, die aus Roman eine Datenplattform im Weltraum macht. Das High-Latitude Wide-Area Survey soll mit 520 Tagen Beobachtung 12% des Himmels jenseits der galaktischen Ebene abdecken, mit dem Ziel, die Verteilung von einer Milliarde oder mehr Galaxien zu katalogisieren. Das High-Latitude Time-Domain Survey nimmt 180 Tage über zwei Jahre und filmt dabei in wiederholten Aufnahmen dieselben Regionen innerhalb eines Bereichs von „90 full moons“, um kurzzeitige Ereignisse von Supernova-Ausbrüchen bis zu Strahlung in der Umgebung fallender Materie auf Schwarze Löcher zu erfassen. Ergänzend fokussiert das Galactic Bulge Time-Domain Survey den Kernbereich der Milchstraße über eine Ausdehnung von 8,5 „full moons“ und nutzt Mikrolensing-Effekte, bei denen die Gravitation eines Zwischenobjekts das Licht eines Hintergrundsterns verstärkt. Darüber hinaus bleibt Spielraum für „general astrophysics“-Vorhaben, darunter das Galactic Plane Survey, das über 3.455 „full moons“ die galaktische Scheibe abtastet und rund 20 Milliarden Sterne kartieren soll. Niki Fox ordnet den Gesamteindruck als Geschwindigkeitsprinzip ein: „The speed at which we’re scanning the sky, delivering vast amounts of data and returning results will be at an unprecedented rate, never done before, “ und Jared Isaacman setzt den Fokus auf den erwarteten Erkenntnissprung über mehrere kosmische Skalen: „dark matter, dark energy and the structure of the universe itself and accelerate the … discovery of potentially habitable planets outside our solar system, “ bleibt in diesem Rahmen der rote Faden. Für die Branche bedeutet das: Sobald Roman im Dauerbetrieb seine Kalibrierungsphase abgeschlossen hat, wird sich der Arbeitsalltag vieler Forschungsgruppen stärker auf schnelle Kandidatensuche, systematische Datenpipeline-Workflows und eng getaktete Nachbeobachtungen verlagern – weil das Teleskop nicht nur mehr sieht, sondern schneller Ergebnisse produziert.


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