LONDON (IT BOLTWISE) – Der Rüstungsboom hat 2025 erneut Rekorde bei globalen Verteidigungsunternehmen ausgelöst. In den USA verstärkt vor allem das 2025 verabschiedete Reconciliation- Paket mit 156 Milliarden US-Dollar die Beschaffung, während Europa die Modernisierung seit Jahren hochfährt. Zugleich rücken Produktionsengpässe in westlichen Ländern als zentrales Problem in den Vordergrund. Besonders bei Luft- und Raketenabwehr bleibt das Angebot an Interzeptoren und Drohnen hinter dem Bedarf zurück.

Rüstungsboom 2025: Verteidigerfirmen wachsen, doch Engpässe bleiben zentral
Rüstungsboom 2025: Verteidigerfirmen wachsen, doch Engpässe bleiben zentral (Foto: IT BOLTWISE)
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2025 war für viele westliche Rüstungskonzerne ein weiteres Jahr der Rekorde. Auffällig ist dabei weniger die bisher oft zitierte Klage über zu geringe staatliche Ausgaben, sondern die Wendung: Produktionsengpässe in NATO-Ländern beginnen „zu kriechen“ und werden damit zum Haupthemmnis. Die Gemengelage ist komplex, denn sie entsteht nicht nur durch steigende Budgets, sondern auch durch die Art, wie Rüstungsgüter in Lieferketten zusammengesetzt werden – von Spezialkomponenten bis zu Munition, die in vielen Fällen lange Vorlaufzeiten hat. Genau diese Verzahnung aus Finanzierung, Auftragslage und Produktionskapazität entscheidet zunehmend darüber, ob Budgetentscheidungen sich zeitnah in höhere Umsätze und Gewinne übersetzen.

Auf beiden Seiten des Atlantiks zeigt sich der Druck auf die Budgets und damit auf die Konzerne in konkreten Richtungen. In den USA wurde im Kontext des politischen Prozesses ein Reconciliation Act genannt, der auf 156 Milliarden US-Dollar im Gesamtumfang kommt und den Großteil der Mittel in Richtung Akquisition lenkt, zusätzlich zu einem regulären Verteidigungshaushalt von rund 900 Milliarden US-Dollar. Für Europa spielen gleich mehrere Stellschrauben hinein: nationale Budgetaufstockungen, dazu die steigende Rolle der EU bei der Vermittlung und Finanzierung gemeinsamer Beschaffung. Der Zeitverzug bleibt dennoch ein Thema. Mark Cancian, Senior Adviser im Washingtoner Programmbereich für Verteidigungsanalyse am Center for Strategic and International Studies, brachte es auf den Punkt: „Now, it’ll take years for that enacted money to actually flow to the companies and to their financial statements, “ sagte er. Gleichzeitig deutet er die strategische Wirkung an – es werde für viele Unternehmen ein „big boost“.

Die aktuelle Rangliste der weltweit größten Verteidigungsfirmen unterstreicht das Wachstum: Der Gesamtwert der jährlichen Verteidigungserlöse stieg auf 700 Milliarden US-Dollar nach 629 Milliarden US-Dollar im Vorjahr – das entspricht einem Plus von 11,3 %. Die ersten vier Plätze blieben bei US-Unternehmen: Lockheed Martin führt mit 72,1 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz vor RTX mit 46 Milliarden US-Dollar, General Dynamics mit 39,4 Milliarden US-Dollar und Northrop Grumman mit 37 Milliarden US-Dollar. Von den nichtamerikanischen Playern taucht BAE Systems als erstes auf Rang fünf auf, mit 36 Milliarden US-Dollar Umsatz und einer deutlichen Platzverschiebung nach oben. Auch Boeing im Verteidigungssegment rückte auf Rang sechs vor (35,7 Milliarden US-Dollar). Europa findet sich in der Breite aber nicht nur über einzelne Top-Player wieder: Rheinmetall etwa wird als besonders sichtbares Beispiel für die europäische Aufholbewegung genannt – mit 11,2 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz 2025 nach 8,3 Milliarden US-Dollar im Jahr zuvor und damit dem Sprung auf Platz 15 (vorher Platz 18). Zugleich zeigt der Blick in die Wertschöpfung, dass Rheinmetall sich über Land-, Luft-, See- und Cyberbereiche bis hin zu unbemannten Systemen sowie Raumfahrt-ähnlichen Aktivitäten breit aufgestellt hat.

So breit die Strategie vieler Konzerne wird, so punktuell sind die Engpässe in der Realität. Besonders in der Kategorie Luft- und Raketenabwehr werden laut der Zusammenstellung die größten Defizite sichtbar. Zwar haben Unternehmen ihre Supply-Chain-Strukturen in den vergangenen Jahren ausgebaut, unter anderem um Artilleriemunition für den Einsatz in der Ukraine in hoher Dringlichkeit zu liefern. Was dennoch fehlt, sind ausreichende Interzeptor-Raketen und Drohnen, die russische Angriffe auf ukrainische Städte abfangen könnten. Damit verschiebt sich die Beschaffung in eine Phase, in der nicht die Gesamtmenge an Budgetentscheidungen das Problem ist, sondern die Fähigkeit, die passenden Systeme in der nötigen Stückzahl und zeitnah bereitzustellen. Auch das Grundprinzip ist nicht trivial: Patriot-Systeme umfassen Radar-, Start- und Interzeptorelemente, und wenn zentrale Teile in den USA verortet sind, geraten europäische und ukrainische Entscheidungsträger automatisch in die Suche nach Alternativen.

Genau an dieser Stelle wird „Nischen“-Technologie zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil. Für Interzeptor- und Abwehrlösungen werden in der Rangliste Anbieter genannt, die jeweils Teile der Architektur abdecken: Elbit (Rang 21), Israeli Aerospace Industries (Rang 27) und Rafael (Rang 30) sowie ein pan-europäischer Ansatz über MBDA (Rang 26). Deutschland ist zudem mit Diehl vertreten, das in der Liste auf Rang 58 vorrückte, nach zuvor Rang 82. Neben der Luftabwehr zeigt der Blick auf andere Domänen, dass Investitionen ebenfalls stark in kapitalkomplexen Bereichen wirken: Wer im Schiffbau gut aufgestellt ist, profitiert von Modernisierungsprogrammen weltweit. So werden General Dynamics und Huntington Ingalls als Beispiele genannt (Huntington Ingalls auf Rang 13 mit 12,3 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz), dazu Hanwha (Rang 16, 10,4 Milliarden US-Dollar). In den USA wird zudem eine Größenordnung für Schiffbau genannt: 29 Milliarden US-Dollar allein im Reconciliation Act 2025. Dass das für die Industrie „zu weit“ gehen kann, beschreibt Cancian mit einer klaren Beobachtung: „way beyond what the industry can absorb“, einschließlich der Konsequenz, dass neue Werftkapazitäten entstehen müssten – damit bleiben Auftragsbücher zwar lange gefüllt, aber der Engpass verschiebt sich in die Umsetzung.

Während Unternehmen die Kapazitätsfrage operativ lösen, wird die politische Debatte über den „economic spillover“ zunehmend lauter. Es geht dabei nicht mehr nur um militärische Wirksamkeit, sondern auch um die Frage, welche Industriezweige ihre Infrastruktur umwidmen können. In Europa finden sich Hinweise, dass bestimmte Auto- und Schienenfahrzeughersteller Fabriketagen für Drohnen- und Counter-Drone-Ausrüstung nutzen, statt strikt bei der ursprünglichen Produktlinie zu bleiben. Im Vereinigten Königreich wurden außerdem Zahlen genannt: Für 2024-25 stiegen Arbeitsplätze in der britischen Waffen- und Munitionsfertigung um 51 %, als Teil eines größeren Zuwachses von 26.000 verteidigungsbezogenen Rollen. In der staatlichen Argumentation wird daraus eine Art Resilienz-Mechanik abgeleitet: Verteidigung als Wachstumstreiber und als Investition in eine belastbare industrielle Basis. Parallel dazu zeigen Länder wie die Türkei, Polen und Ukraine, dass staatlich strukturierte Beschaffungs- und Produktionsstrategien die Positionen in der Rangliste verändern können – Aselsan, Roketsan, PGZ sowie die in Ukroboronprom gebündelten ukrainischen Unternehmen werden als Beispiele für Aufwärtsbewegungen genannt.

Mit Blick auf die nächste Ausgabenwelle bleibt vor allem ein Programm als Erwartungsanker im Raum: der sogenannte „Golden Dome“-Ansatz. Er soll aus einer Kombination von Sensoren und Interzeptoren bestehen, die an Land, im Weltraum und „dazwischen“ stationiert sind – mit dem Ziel, Luftangriffe unterschiedlicher Art nahezu abzuwehren. Allerdings bleibt die konkrete Architektur unklar. Cancian sagt dazu sinngemäß, man wisse „wirklich nicht“ was es genau sei, und diese fehlende Transparenz könne das Projekt mit der Zeit politisch und ökonomisch schwerer verkaufbar machen. Der wichtigste Punkt aus Sicht von Beschaffung und Unternehmensplanung ist jedoch: Selbst bei hohem Budgetvolumen muss der Staat nicht zwingend zwischen Legacy-Systemen und neuen Technologien wählen. Für die Umsetzung heißt das für Industrie und Politik gleichermaßen: Sie müssen Disziplin zeigen, um Order-Backlogs und Produktionsengpässe nicht nur zu verwalten, sondern aktiv abzuarbeiten. Genau diese Ausführungslogik betonte auch ein Analyseschwerpunkt in der Branche: „In a market where demand is not the constraint, execution is the differentiator.“


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