LONDON (IT BOLTWISE) – Die russische Marine hat die Modernisierung des Kirov-Klasse-Battlecruisers „Pjotr Weliki“ offiziell gestoppt. Hintergrund sind Budgetzwänge und der offenbar schleppende Fortgang der umfangreichen Arbeiten am Schwesterschiff „Admiral Nakhimow“. Damit bleibt das Flaggschiff der Nordflotte zunächst zwischen Reparatur, Upgrade und Verschrottung in der Schwebe. Für die Marineplanung verschiebt die Entscheidung den Schwerpunkt weiter weg von teuren Oberflächenkampfschiffen hin zur U-Boot-Flotte.

Die Nachricht wirkt auf den ersten Blick wie eine reine Flotten-Entscheidung. Tatsächlich ist sie auch ein Fingerabdruck dafür, wie schwierig es für die russische Marine geworden ist, große Oberflächenkampfplattformen in kurzer Zeit technologisch „nachzuziehen“. Laut Berichten aus dem Umfeld der russischen Staatsmedien wurde die Modernisierung des Kirov-Klasse-/Projekt-1144.2-Battlecruisers „Pjotr Weliki“ gestrichen. Damit fällt das größte derzeit aktive Oberflächenkriegsschiff der Nordflotte aus dem Modernisierungsfahrplan, während gleichzeitig budgetbedingter Druck die Spielräume für neue Umbauten weiter reduziert.
Der Kontext: Schon die Schwester „Admiral Nakhimow“ wurde offenbar nicht fristgerecht fertiggestellt. Im Kern steht die Frage, ob sich ein Upgrade auf denselben Standard wie beim Schwesterschiff noch lohnt, wenn der Kosten- und Zeitrahmen außer Kontrolle gerät. Für „Pjotr Weliki“ bedeutet das, dass die geplanten Schritte offenbar zu teuer geworden wären, weil sich der technische und organisatorische Rückstand des Nakhimow-Programms „mitgenommen“ hat: Verzögerte Werftarbeiten verschieben Lieferzeiten und erhöhen die Aufwände, was wiederum die Finanzierung für ein analoges Paket beim zweiten Schiff auffrisst. Berichten zufolge zog sich die Modernisierung beim Nakhimow vom Zeitraum ab 2018 bis 2026 um etwa acht Jahre länger, was die gesamte Modernisierungsdauer auf rund zwölf Jahre streckte.
Technisch ist die Streichung besonders relevant, weil „Pjotr Weliki“ bereits mehrere Verbesserungen gegenüber der ursprünglichen Projekt-1144-Konfiguration erhalten hatte. Dazu zählen unter anderem das S-300FM-Flugabwehrsystem (mit der 48N6-Rakete als Reichweiten-Upgrade gegenüber der früheren S-300F-Variante), ein neues phasenarraybasiertes „Tomb Stone“-Lenkradar sowie weitere Nahbereichssysteme wie bis zu 128 3K95 Kinzhal-Raketen und sechs „Kortik“-Close-in-Waffensysteme. Genau dieses „Zwischen-Niveau“ zeigt, warum eine Modernisierung zum 1144.2M-Standard nicht einfach nur ein Feinschliff gewesen wäre: Ein Upgrade auf den Nakhimow-Standard hätte nach den beschriebenen Planungen vor allem große Teile der bisherigen S-300FM-nahezu eng verknüpften Komponenten abgelöst und auch das Hauptwaffensystem neu strukturiert.
Im beschriebenen Modernisierungsszenario wäre die Umrüstung weg vom bisherigen P-700-Ganit-Marschflugkörper-Fokus (klassisch als supersonische Anti-Schiffswaffe) hin zu einer deutlich „containerisierten“ U-Boot-freundlicheren Logik der vertikalen Startmöglichkeiten gegangen: Statt der alten 20 P-700-Träger wären rund 80 universelle VLS-Zellen vorgesehen gewesen. In diesen Zellen sollten dann je nach Einsatzprofil unterschiedliche Flugkörper Platz finden, darunter 3M22 „Zircon“ für Hyperschall-Angriffe sowie 3M14T/3M54T „Kalibr“-Varianten und P-800 „Oniks“. Auch bei der Flugabwehr hätte sich das Bild verändert: Anstelle des S-300FM wäre nach dem geschilderten Plan offenbar der Einbau von bis zu 96 S-400-Typ-Raketen erfolgt, plus modernisierte Kommunikations- und Radarsysteme. Dass dieser Strang nun für „Pjotr Weliki“ entfällt, macht das Schiff in Zukunft stärker abhängig von seiner bereits eingebauten Sensorik und Bewaffnung, statt die Reichweite und Variantenvielfalt eines späteren Standards zu bekommen.
Der zweite große Strang der Meldung ist jedoch nicht die Schiffstechnik, sondern die Budgetrealität. „Pjotr Weliki“ war über etwa 25 Jahre als einziger aktiver Kirov-Battlecruiser im Dienst und nahm dem Text zufolge an Übungen teil, absolvierte mehrwöchige Einsätze teils über mehrere tausend Kilometer von Severomorsk aus und war sogar in Kampfoperationen im Mittelmeerraum im Rahmen der Intervention in Syrien eingebunden. Seit Ende 2022 befindet sich das Schiff laut Bericht in Docknähe von Severomorsk und wartet auf die endgültige Entscheidung für die erste „echte“ Modernisierungsphase seiner über zwei Jahrzehnte langen Karriere. Dass sich dieser Entscheidungsprozess nun verlängert oder kippt, fügt sich in ein Muster: Nach dem Ende der Sowjetunion folgte bereits früher eine Phase mit knappen Mitteln, die die „blue water“-Ambitionen (also die Fähigkeit, langfristig weit entfernte Seegebiete dauerhaft zu operieren) auf dünnere Mittel konzentrierte.
Die Budgetschere trifft weitere Großplattformen. Berichten zufolge wurde auch beim einzigen russischen Flugzeugträger „Admiral Kusnezow“ die Modernisierung 2025 pausiert, nachdem ein Werftaufenthalt von Problemen geprägt war. Selbst wenn nur die Zahl „drei Kapitalsschiffe“ als Bild im Raum steht, bleibt die strukturelle Schwäche deutlich: Es existieren dem Text nach noch der modernisierte „Admiral Nakhimow“ sowie zwei Slava-Klasse-Kreuzer (darunter „Marshall Ustinow“ in der Nordflotte) und die „Wariag“ als Flagge der Pazifikflotte. Gleichzeitig wird betont, dass Kriegsfolgen die Oberflächenkapazität weiter reduzieren können, während ältere Bauklassen zunehmend aus dem System altern. Ergänzend wird die Lage im Schwarzen Meer beschrieben, unter anderem mit Schäden an Teilen der Admiral-Grigorowitsch-Klasse sowie weiteren Korvetten durch Drohnen- und Raketenangriffe.
Für die künftige Flottenstrategie heißt das in der Konsequenz: Wenn teure Oberflächenmodernisierungen aus Kosten- und Zeitgründen ausfallen, verschiebt sich der Fokus erfahrungsgemäß auf Systeme, die in längeren Zyklen planbar sind. Laut Darstellung investiert die russische Marine weiterhin überproportional in den Ausbau und die Aufrüstung von U-Boot-Flotten, etwa bei Borei-Klasse-SSBNs und Yasen-Klasse-SSN(G)N-Booten. Auch bestehende Typen aus der späten Kalten Krieg-Ära (wie Akula, Sierra, Delta-IV sowie Oscar) bleiben demnach im Bestand, während zusätzlich spezielle Missions-U-Boote berücksichtigt werden. Für Unternehmen und Entwickler im zivilen Technikbereich ist das vor allem als Signal interessant: Wenn sich staatliche Betreiber zunehmend auf „underwater-first“-Architekturen fokussieren, steigen dort häufig die Anforderungen an Sensorik, Datenfusion, Leitsysteme, Kommunikationsrobustheit und Instandhaltungsprozesse. Genau diese Themen sind auch in der KI-gestützten Auswertung komplexer Sensordaten und in der modellbasierten Wartungsplanung zentral.
Offen bleibt damit vor allem die mittelfristige Schicksalsfrage von „Pjotr Weliki“: Der Bericht beschreibt das Schiff als Übergangsfall zwischen Modernisierung und Verschrottung, bis weitere Entscheidungen getroffen werden. Für Planer bedeutet das eine hohe Unsicherheit bei der Ressourcenallokation in den nächsten Werft- und Einsatzzyklen. Gleichzeitig zeigt die Stornierung, wie stark Werfttermine und Programmkosten inzwischen selbst das Schicksal bereits teilweise modernisierter Plattformen bestimmen. Wenn in der Vergangenheit noch „Upgrade-Fähigkeit“ als langfristige Verlängerung der Einsatzdauer galt, rückt nun der realistische Kosten-Nutzen-Vergleich in den Vordergrund, selbst wenn das Schiff technologisch bereits in der Zwischenstufe steckt.
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