ANTANANARIVO / LONDON (IT BOLTWISE) – In Madagaskar rückt Russland seit dem Machtwechsel im Oktober 2025 sichtbar näher: In kurzer Zeit folgten Lieferungen mit russischen Drohnen und Waffen. In der Hauptstadt entstand zudem ein „Russia House“ mit russischen Sprachkursen und kulturellem Programm. Parallel läuft ein Rekrutierungsprogramm („Alabuga Start“), das Frauen nach Russland bringen soll. Unklar bleibt, wie stark die strategische Ausrichtung unter dem Übergangschef tatsächlich werden darf, bevor die für das kommende Jahr angekündigten Wahlen stattfinden.

Madagaskar schreibt seine geopolitische Geschichte in diesen Monaten offenbar nicht nur auf diplomatischem Parkett, sondern auch mit sichtbaren Signalen im Alltag. In Antananarivo weist ein riesiges Billboard auf den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Jahr 1945 hin und bewirbt zugleich M oskaus diplomatische Offensive für das Inselnland im Indischen Ozean. Diese symbolische Überblendung steht für einen breiteren Strategieansatz: Russland versucht, kulturelle Präsenz, politische Vernetzung und sicherheitsrelevante Lieferketten in einem Zeitraum zu bündeln, der nach dem Umbruch ab Oktober 2025 besonders kurz wirkt.
Technisch und operativ greifbar werden diese Schritte vor allem über den Charakter der Unterstützung, die dem neuen Übergangsregime laut Bericht früh nach Amtsübernahme zuteilwurde. Zwei Monate nach dem Machtwechsel erhielt Colonel Michael Randrianirina unter anderem russische Drohnen sowie Sturmwaffen und Handfeuerwaffen. Kurz darauf reiste er nach Moskau, in einem von Russland gecharterten Flugzeug, um mit Präsident Wladimir Putin zu sprechen. Damit werden nicht nur klassische Beratung oder „weiche“ Kooperationen adressiert, sondern Fähigkeiten, die in einer lokalen Sicherheitsstruktur unmittelbar Wirkung entfalten können – etwa durch moderne Aufklärung und Zielunterstützung über unbemannte Systeme.
In den Hintergrund rückt dabei die Frage, über welche Organisationsformen Russland Einfluss absichert. Berichten zufolge kamen die ersten Waffenlieferungen durch einen russischen Militärnachrichtendienst-Vertreter (Andrey Averyanov), der als Führungskraft einer Einheit beschrieben wird, die im Kontext des Wagner-Umfelds genannt wird und in mehreren afrikanischen Ländern aktiv sein soll. Zusätzlich wird dieser Verbund mit der Ausbildung der malagasyischen Einheiten in Verbindung gebracht, darunter der Präsidentengarde. Dass solche Rollen über Funk- und Medienformate in die Öffentlichkeit getragen werden, zeigt sich daran, dass der jeweilige inländische Befehlshaber in einem wöchentlichen Programm auf einem staatlichen Radiosender interviewt wurde und auch ein entsprechendes Format im Fernsehen startete, um die „Annäherung“ zwischen beiden Ländern zu bewerben.
Gleichzeitig arbeitet Russland auf einer zweiten Ebene an der Anschlussfähigkeit seiner Narrative: Im Zentrum Antananarivos öffnete „Russia House“ nach einem Deal im September, der russische Kulturinstitutionen und ein Medienprojekt zusammenbrachte, das EU-weit wegen der Verbreitung „russischer Desinformation“ im afrikanischen Kontext kritisiert wird. Eine weitere, besonders operative Komponente ist das Rekrutierungsprogramm „Alabuga Start“. Es zielt darauf, afrikanische Frauen mit dem Versprechen von Stipendien nach Russland zu holen; zugleich weisen Medienrecherchen auf ein abweichendes Ergebnis hin, bei dem manche in Fabriken landen, die Drohnen produzieren. Für IT- und Sicherheitsverantwortliche ist das Muster relevant: Einfluss wird nicht nur über Kommunikation hergestellt, sondern auch über Talent- und Arbeitskräftekanäle, die für industrielle Wertschöpfung und damit für militärnahe Lieferketten wichtig sind.
Unterdessen bleibt die politische Stabilität des Übergangsregimes der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Laut dem Übergangsanspruch bis zu den für „spätes nächstes Jahr“ angekündigten Wahlen gilt der Weg nach vorn als nicht vollständig legitimiert, sodass die Frage nach der Reichweite strategischer Entscheidungen besonders scharf gestellt wird. Transparency International wird im Bericht mit einer kritischen Einordnung zitiert, wonach die geopolitische oder diplomatische Zukunft eher in den Händen eines gewählten Präsidenten liegen sollte und nicht bei einer Übergangsregierung. Das französische Parlament wird über Bruno Fuchs ebenfalls erwähnt, der nach sechs Gesprächen mit der malagasyischen Staatsführung versichert haben will, es gebe keine Pläne für einen russischen Militärstützpunkt.
Für die EU-Agenda und den breiteren Wettbewerb in ehemaligen französischen Einflusszonen ist die Lage damit mehr als eine bilaterale Schlagzeile. Der wissenschaftliche Kommentar im Bericht ordnet Madagaskar explizit neben Szenarien in der Sahel-Region ein, in denen es zu einer weitgehenden Ausrichtung an Russland gekommen sei – und macht zugleich deutlich, warum eine Wiederholung nicht zwingend ist: Teile der Elite würden dem offenbar widersprechen und die Abhängigkeit von EU-Finanzierungen als Bremse gegen einen maximalen Richtungswechsel nennen. Unterm Strich zeigt sich, wie schnell sich geopolitische Strategien in die Detaillogistik verlagern können: Wenn Drohnen, Waffen und Ausbildungsstrukturen früh mit Kultur- und Medienprojekten zusammenlaufen, entsteht ein Einflussnetz, das schwerer zu entwirren ist, sobald Wahlen und Budgetverhandlungen politisch wieder in Gang kommen.
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