LONDON (IT BOLTWISE) – RWE schwenkt in seiner US-Offshore-Strategie deutlich um und schließt mit der US-Regierung einen Vergleich. Für den Rückzug aus geplanten Projekten zur Offshore-Windkraft erhält der Konzern 1,22 Milliarden US-Dollar. Im Gegenzug gibt RWE sämtliche Ansprüche aus den Vorhaben auf. Parallel plant das Unternehmen Investitionen von insgesamt 17 Milliarden Euro bis 2031, um die Erzeugungskapazität spürbar auszubauen.

RWE schreibt in den USA ein neues Kapitel: Der Essener Energiekonzern beendet einen Teil seiner Offshore-Wachstumsstory und ersetzt ihn durch eine breitere Kapitalallokation. Im Kern steht ein Vergleich mit der US-Regierung, der den Rückzug aus geplanten Offshore-Windkraftprojekten regelt. Für die Rückgabe von Pacht- bzw. Nutzungsrechten vor den Küsten von New York, Kalifornien und Louisiana erhält RWE 1,22 Milliarden US-Dollar und damit eine unmittelbare finanzielle Entlastung. Gleichzeitig verzichtet das Unternehmen im Gegenzug auf sämtliche Ansprüche aus diesen Vorhaben.
Technisch und wirtschaftlich ist der Schritt weniger ein „Ausstieg“ als eine Neusortierung unter veränderten Projektbedingungen. Während die Pachten im Jahr 2022 noch unter der Biden-Regierung erworben wurden, sah RWE unter der Trump-Administration offenbar keine Genehmigungsfähigkeit mehr für die geplanten Projekte. Entscheidend dürfte dabei gewesen sein, dass politische und rechtliche Auflagen die Umsetzung der Windparks laut Medienberichten erschwerten. Für RWE bedeutet das: Es trennt sich von Projektrisiken, die sich nicht innerhalb des eigenen Zeit- und Kostenrahmens in einen belastbaren Bau- und Ertragsplan übersetzen ließen.
Der Offshore-Teil bleibt damit zwar reduziert, aber die USA bleiben für den Konzern ein zentraler Wachstumsmarkt. Freigewordene Mittel sollen laut Meldung zumindest teilweise in eine Diversifizierung des Portfolios fließen. Besonders sichtbar ist dabei die Investitionslinie Richtung Gas: RWE plant 900 Millionen Euro in ein Flüssiggasprojekt (LNG) im Bundesstaat Louisiana, um den Bau eines Terminals zu finanzieren. Diese Kombination aus Rückbau im Offshore-Bereich und Aufbau in der Versorgungskette zielt auf einen stabileren Energie-Mix und eine stärkere Kontrolle über Randbedingungen wie Infrastrukturzugang und Auslastungsannahmen.
Parallel zieht RWE die großen Zahlen für den Gesamtumbau an: In den nächsten sechs Jahren sollen rund 17 Milliarden Euro in den USA investiert werden. Das Ziel ist klar formuliert: Die Erzeugungskapazität von derzeit 13 Gigawatt soll bis 2031 auf 22 Gigawatt steigen. Bereits im Jahr 2025 wurden neue Kapazitäten von 2 Gigawatt in Betrieb genommen, was zeigt, dass das Unternehmen nicht nur plant, sondern den Ausbau in der laufenden Umsetzungsgeschwindigkeit hochfährt. In der Praxis bedeutet das für Projektfinanzierung und Einkauf von Komponenten, dass Lieferketten, Baukapazitäten und Netzanschlüsse weiterhin eng getaktet werden müssen.
Auch beim Ergebnis steigt der Druck auf die Umsetzungsklarheit – und genau da liefert RWE zuletzt operative Signale. Ende Juli hob der Konzern seine Prognosen für das laufende Jahr sowie für 2027 an. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet das Management nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,75 und 6,35 Milliarden Euro; zuvor lag die Planung in einem Korridor von 5,2 bis 5,8 Milliarden Euro. Beim bereinigten Nettoergebnis sieht RWE eine Spanne von 1,95 bis 2,45 Milliarden Euro und damit ebenfalls einen deutlichen Zugewinn gegenüber der bisherigen Schätzung. Besonders die Segmente Onshore/Solar, der Energiehandel und die flexible Erzeugung werden als Treiber genannt.
Daneben investiert RWE spürbar in den regulierten Bereich und stärkt damit eine Komponente mit vergleichsweise planbarerem Cashflow-Profil. Im Juni erhöhte das Unternehmen seine Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion auf 55 Prozent. Die Mehrheit von einem Konsortium institutioneller Finanzinvestoren habe 3,6 Milliarden Euro gekostet, finanziert unter anderem durch eine Kapitalerhöhung, bei der neue Aktien zu einem Preis von 54 Euro platziert wurden. Bis 2031 plant RWE weitere Investitionen von 6,5 Milliarden Euro in den Netzausbau; das ist vor allem für Unternehmen relevant, die Netzstabilität als Grundlage für erneuerbare Einspeisung und Lastmanagement betrachten.
Am Kapitalmarkt spiegelt sich die operative Stärke in einer soliden Kursentwicklung: Die RWE-Aktie startete am Freitag bei 56,32 Euro, seit Jahresbeginn liegt das Papier bei plus 24,44 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch Ende April bei 62,00 Euro ist der Titel aktuell 9,16 Prozent entfernt. In der nächsten Woche richtet sich der Blick der Anleger auf die detaillierten Geschäftszahlen, weil RWE den vollständigen Halbjahresbericht für 2026 veröffentlichen will. Neben dem bereits kommunizierten bereinigten EBITDA von rund 3,01 Milliarden Euro für die ersten sechs Monate wird vor allem die weitere Kapitalallokation nach dem US-Offshore-Vergleich im Fokus stehen. Zusätzlich ändert sich die Personalstruktur: Stefanie Wangemann übernahm Anfang Juli die Position der konzernweiten Personalchefin von Ulrike Pugh.
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