LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Umfrage deutet darauf hin, dass „säkularer Rationalismus“ nicht automatisch zu weniger Magieglauben führt. Im Gegenteil: Menschen, die Wissenschaft als alleinige Welterklärung nutzen wollen, berichten besonders häufig von Geistern, Flüchen und Alltagsaberglauben. Der Zusammenhang zeigt sich jedoch vor allem bei Personen, die trotz rationaler Haltung weiterhin religiös „angebunden“ sind. Damit verschiebt sich Magie offenbar weg von Institutionen hin zu individualisierten Vorstellungen.

Die Idee, dass mit wachsender Wissenschaftsorientierung auch der Glaube an das Übernatürliche verschwindet, wirkt auf den ersten Blick plausibel. Die Daten aus einer Studie in der Fachzeitschrift Social Forces zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Statt eines einfachen „Entzauberungs“-Effekts zeigt sich, dass Menschen, die sich stark an rationaler, wissenschaftlicher Argumentation ausrichten, ihre Offenheit für Magie und Aberglauben sogar beibehalten können. Entscheidend ist dabei weniger die Abwendung von Religion als vielmehr die Art der Distanz zu religiösen Institutionen.
Soziologisches Grundmotiv der Arbeit ist die Säkularisierung, verstanden als rückläufige soziale Autorität religiöser Institutionen. Das bedeutet nicht zwingend, dass individuelle Überzeugungen verschwinden. Wenn Kirchen und religiöse Leitfiguren weniger exklusiven Einfluss auf „Sinn“ und moralische Ordnung haben, entstehen oft alternative Formen von Spiritualität. In diesem Vakuum können dann neue Deutungsmuster wachsen – und die Studie liefert dafür einen konkreten Mechanismus: Magie wird nicht als Ersatzreligion mit verbindlicher Theologie betrachtet, sondern als eher „funktionales“ Weltbild. Magie richtet sich auf transaktionale Eingriffe in die Realität, um weltliche Ergebnisse zu erreichen, ohne dass dafür eine institutionell abgesicherte Lehre nötig wäre.
Besonders aufschlussreich ist die begriffliche Brücke zur Wissenschaft. Die Autoren argumentieren, dass Magie strukturell an frühe naturphilosophische Denkweisen anschließen kann: Beide Weltsichten gehen davon aus, dass das Universum nach regelhaften, eher mechanischen Prinzipien funktioniert und dass Menschen verborgene Kräfte erkennen oder zumindest beeinflussen können. Für Betroffene bedeutet das psychologisch häufig eine Art Handlungsfähigkeit im Unklaren – eine Form von „agency“, die der Erfahrung von Zufall und Chaos entgegensteht. Das passt auch zu historischen Beobachtungen: Schon während der wissenschaftlichen Frühphase experimentierten Naturforscher mit Alchemie oder Astrologie, bevor moderne Wissenschaft sich stärker auf strikte empirische Prüfung festlegte.
Damit zur eigentlichen Messung: Das Forscherteam wertete Daten aus der 2025 Baylor Religion Survey mit 1.812 repräsentativ ausgewählten Erwachsenen in den USA aus. Erhoben wurden unter anderem spirituelle Praktiken, religiöse Zugehörigkeit, Kirchenbesuch sowie philosophische Einstellungen. Aus den Antworten wurde eine Skala für das konstrukt „secular rationalism“ gebildet. Hohe Werte stehen dabei für die Idee, die Welt ausschließlich über Wissenschaft verstehen zu können, sowie für die Erwartung, moralische Entscheidungen stärker aus menschlicher Erfahrung als aus religiösen Lehren abzuleiten. Diese Messlogik ist wichtig, weil sie nicht nur „Atheismus“ oder „Glauben“ erfasst, sondern die Präferenz für wissenschaftliche Erklärung als primären Maßstab.
Für die Übernatürlichkeit unterscheiden die Studienautoren drei Cluster. Erstens geht es um traditionelle Wunder, also um die Annahme, dass es auch in der Gegenwart von Gott geschaffene Wunder gibt. Zweitens werden „magic“-Elemente als Bündel gemessen: etwa Geister, Flüche, Zukunftsdeutung, das Sprechen mit den Toten oder die Vorstellung, dass unbelebte Dinge Seelen besitzen. Drittens schließlich werden alltägliche Aberglauben erfasst, von kleinen Schutzritualen gegen Unglück über das Vermeiden von Pech bis hin zu Unbehagen beim Kauf eines Hauses, in dem zuvor ein Mord passiert ist. Statistische Modelle prüfen dann, wie stark „secular rationalism“ mit den jeweiligen Skalen korreliert – unter Kontrolle demografischer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen.
Das Ergebnis wirkt zunächst widersprüchlich, erklärt sich aber über die Interaktion mit religieller „Restbindung“. Auf der einen Seite zeigt sich eine deutliche Trennung zu traditionellen religiösen Überzeugungen: Wer in der säkular-rationalen Skala hoch liegt, glaubt seltener an Wunder im klassischen, institutionell verankerten Sinn. Auf der anderen Seite steigt mit zunehmendem säkular-rationalem Denken jedoch die Übereinstimmung mit „Magic“ und Alltagsaberglauben. Der entscheidende Zusatzbefund: Diese stärkere Magie-Neigung tritt besonders bei Personen auf, die zwar wissenschaftliche Begründung priorisieren, gleichzeitig aber weiterhin in irgendeiner Form religiös verbunden bleiben – etwa durch den Glauben an Gott, eine Selbstauskunft zur religiösen Zugehörigkeit oder durch Kirchenbesuch. Für streng säkulare Nichtgläubige, die keinerlei religiöse Praxis mehr zeigen, verschwindet der positive Zusammenhang weitgehend. Mit Blick auf soziologischen Vokabular lässt sich das als Hinweis auf „bounded affinity“ lesen: Gemäßigte religiöse Bindung schafft einen Nährboden für alternative Glaubensinhalte, weil die Offenheit für das Unsichtbare vorhanden ist, aber gleichzeitig die Autorität traditioneller Dogmen weniger strikt wirkt.
Aus methodischer Sicht bleibt allerdings ein wichtiger Vorbehalt. Da es sich um Beobachtungsdaten aus einer Momentaufnahme handelt, lässt sich nicht beweisen, dass ein säkular-rationales Weltbild direkt „Magie“ im Kopf erzeugt. Die Studie zeigt vielmehr eine statistische Assoziation zwischen bestimmten Einstellungen und bestimmten Übernatürlichkeitsformen. Zudem fasst die verwendete Definition von Magie sehr unterschiedliche Praktiken zusammen – vom Geisterglauben bis zu Wahrsagerei oder dem, was in der Forschung als parawissenschaftliche Heilpraxis eingeordnet wird. Für zukünftige Arbeiten liegt deshalb nahe, stärker zwischen alltäglicher Skepsis, gelegentlicher Neigung und tiefer Überzeugung zu trennen. Auch die Frage, wie sich solche individualisierten Vorstellungen über digitale Kanäle verbreiten, dürfte an Relevanz gewinnen: Sozialen Medien und Plattformökonomien bieten heute vielfach eine Bühne für „wellness“- und spirituell aufbereitete Angebote, die häufig eine wissenschaftlich klingende Sprache mit älteren Deutungsformen verbinden.
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