NEU-DELHI / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Salaam Baalak Trust erreicht Kinder rund um den Neuen Bahnhof in Delhi mit Programmen für Schutz, Unterricht und medizinische Versorgung. Besonders die „City Walk“-Touren werden von jungen Erwachsenen aus schwierigen Lebenslagen geführt und finanzieren die Arbeit direkt mit. Dabei beschreibt der Trust, wie viele Kinder erst nach Wochen oder Monaten wieder mit ihren Familien zusammengeführt werden können. Im Alltag zeigt sich: Ohne Vertrauen und Anlaufstellen wirkt Hilfe nur punktuell.

Wer Paharganj in Neu-Delhi besucht, sieht schnell, dass Hilfe dort nicht bei einer einzelnen Straßenecke beginnt. Zwischen Garküchen, Räucherstäbchen und dem Geruch nassen Mülls hängen die Stromleitungen wie ein dichtes Netz über den schmalen Gassen. In der Regenzeit läuft Wasser oft nur langsam ab; Menschen waten dann durch Pfützen und Schlamm. Genau in diesem Umfeld treffen viele Kinder auf das, was im Rest der Stadt meist unsichtbar bleibt: Arbeit als tägliche Notwendigkeit, Schlafplätze an Bahnhöfen und ein Leben zwischen Überlebensstrategien und der Hoffnung auf einen Neuanfang.
Der Salaam Baalak Trust setzt an einer Stelle an, an der viele Wege zusammenlaufen: rund um den Neuen Bahnhof Neu-Delhi. Viele Minderjährige kommen dort erstmals an, weil sie von zu Hause weglaufen oder von ihren Familien getrennt wurden, und verbringen die ersten Nächte auf Bahnsteigen oder in unmittelbarer Nähe. Andere reisen gemeinsam mit Angehörigen aus Bundesstaaten wie Assam, Bihar oder Uttar Pradesh an, häufig in der Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Wie viele Kinder tatsächlich auf den Straßen leben, ist unklar; in der Berichterstattung wird aber immer wieder eine ältere Schätzung der staatlichen Kommission für den Schutz von Kinderrechten von etwa 1,5 bis 2 Millionen Kindern zitiert. Der Trust beschreibt parallel, dass Gangs am Bahnhof oder an Busstopps auf Kinder warten können, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, in Ausbeutungs- und Gewaltsituationen zu geraten.
Für das Team vor Ort ist die Stadtführung mehr als ein touristisches Format. Shivani und Jafar, beide selbst als Führungskräfte im Programm, berichten, wie ihre Arbeit am Trust und das City-Walk-Angebot zusammenhängen. „Sozialarbeiter des Trust kommen hier jeden Tag in der Absicht, Kinder zu retten“, sagt Jafar. „Für diese Kinder gibt es oft keine andere Wahl als zu arbeiten. Sie sammeln Lumpen, arbeiten in kleinen Restaurants, putzen Schuhe oder reinigen Autoscheiben“, ergänzt Shivani. Die Barriere ist dabei nicht nur die Verfügbarkeit von Hilfsangeboten, sondern auch die Entscheidung innerhalb der Familien: Eltern oder Kinder müssen häufig erst überzeugt werden, in das Programm aufgenommen zu werden, denn Arbeitseinkommen bleibt für viele Haushalte eine zentrale Einnahmequelle.
Der Trust betreibt in mehreren indischen Großstädten getrennte Schutzunterkünfte für Jungen und Mädchen, ergänzt durch medizinische Versorgung und Unterricht. Damit entsteht eine Art Brücke zwischen dem unmittelbaren Überleben auf der Straße und dem geregelten Alltag in Schule und Betreuung. Mayurami Kakati leitet das „City Walk“-Programm und ordnet dessen Rolle klar ein: „Für uns ist es wichtig, ihnen einen sicheren Ort zu bieten – genau das ist unsere Mission“, sagt sie. Die Führungen sollen Besuchern die Lebenswirklichkeit der Straßensituation näherbringen und gleichzeitig die Projekte finanzieren. Geführt werden die Touren von jungen Erwachsenen, die selbst auf der Straße gelebt haben oder in Armut aufgewachsen sind; Jafar und Shivani gehören zu dieser Generation.
Wie stark Bildung als Wendepunkt wirkt, wird in den Lebensgeschichten der beiden Führungskräfte konkret. Shivani lebt noch heute in einer Art Slum im Stadtteil Raghuvir Nagar. Als sie 13 war, überzeugten Sozialarbeiter ihre Eltern, ihr und ihrer Schwester eine Schulausbildung zu ermöglichen. Heute studiert sie an der Delhi-Universität. „Mein Vater meinte zuerst, Bildung für Mädchen ist nicht nötig“, sagt sie in fließendem Englisch; ihre Mutter habe sie unterstützt, und am Ende sei auch ihr Vater überzeugt worden. Jafar wohnt in einer informellen Siedlung in Seelampur. Als Kind hatte er Kontakt zu Lehrern in einem mobilen Schulbus, später halfen Sozialarbeiter beim Wechsel auf eine reguläre Schule. Heute besitzt er einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und arbeitet seit zwei Jahren als Tourführer. „Ich will meine Kommunikationsfähigkeiten verbessern und etwas zurückgeben“, lautet sein Antrieb.
Besonders deutlich wird der Aufwand in Situationen, in denen Familien nicht einfach „mitspielen“. In einer Kurzzeit-Unterkunft für Jungen in Paharganj leben aktuell mehr als 20 Kinder. Der Trust versucht, mit Behörden zusammenzuarbeiten, um Familien ausfindig zu machen und die Kinder wieder mit ihnen zu vereinen. Sonu, ein Sozialarbeiter, beschreibt, dass das häufig Wochen oder Monate dauern kann. „Manchmal helfen schon eine Postleitzahl, Bilder oder Erinnerungen an den Wohnort“, sagt er. Manche Eltern weigern sich jedoch, ihre Kinder zurückzunehmen. Damit zeigt sich ein Kernproblem: Schutz ist zwar kurzfristig organisierbar, aber eine stabile Rückkehr braucht Vertrauen, soziale Rahmensetzung und belastbare Informationen über Herkunft und Sicherheit.
Selbst wenn die Ursachen unterschiedlich sind, führen die konkreten Abläufe immer wieder zum selben Ort: dem Übergang zwischen öffentlichem Raum und betreuter Rückkehr. Der 14-jährige Abhishek kam vor einigen Wochen mit Freunden aus Assam nach Delhi, verbrachte mehrere Nächte auf Bahnsteigen und wurde dann von Sozialarbeitern angesprochen. Heute erhält er Unterkunft, Verpflegung und Unterricht; seine Lehrerin Kavita Bhatt sagt dazu: „Er kann jetzt schon ein wenig auf Hindi schreiben“. Rund 40 Prozent der Kinder, die im Programm ankommen, können weder lesen noch schreiben. Der Trust nimmt inzwischen Kontakt zu den Großeltern in Assam auf, mit denen Abhishek zusammenlebt, und will seine Rückkehr organisieren. Der Junge zeigt, dass Hilfe auch an kleinen Details hängt: Aus seiner Tasche holt er einen winzigen Zettel mit einer Telefonnummer, habe bereits mit seinem Bruder telefoniert und freue sich darauf, wieder nach Hause fahren zu können.
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