LONDON (IT BOLTWISE) – Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse ordnet kontrollierte Atemübungen als wirksame Maßnahme gegen akuten Suchtdruck ein. Die Auswertung basiert auf 20 Studien mit 1.249 Teilnehmenden und betrachtet unter anderem Alkohol, Nikotin sowie Entzugssymptome. Besonders auffällig: Die Effekte treten über verschiedene Substanzen hinweg auf, während das Ausmaß der Reduktion eher klein ausfällt. Für die Therapie gilt weiterhin: Atemtechniken können ergänzen, ersetzen aber keine Behandlung.

Wenn Suchtdruck kurz vor dem Konsum hochschießt, sind viele Betroffene auf schnelle Strategien angewiesen, die sich ohne Spezialausrüstung ausführen lassen. Genau hier setzt eine Ende Juli 2026 veröffentlichte systematische Übersicht mit Meta-Analyse an: Forschende der Monash University untersuchen kontrollierte Atemübungen als Ansatz, um das akute Verlangen nach Substanzen zu dämpfen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Addiction publiziert; der entsprechende DOI lautet Addiction.
Die Analyse trägt den Claim gleich über mehrere Suchtbereiche, statt nur eine einzelne Substanz zu betrachten. Unter Leitung von Dr. Ariel Dart Roxburgh stützten sich die Forschenden auf Daten aus insgesamt 20 Studien mit einer Gesamtstichprobe von 1.249 Teilnehmenden. Dabei flossen nicht nur Untersuchungen zu Alkohol und Nikotin ein, sondern auch Effekte im Kontext von Opiaten sowie Stimulanzien. Über die verschiedenen Substanzarten hinweg zeigten kontrollierte Atemübungen in den Studien statistisch signifikante Reduktionen des Suchtdrucks – allerdings mit einer Einschränkung, die die Autoren ausdrücklich betonten: Die beobachtete Verkleinerung des Effekts wird als eher gering eingeordnet.
Technisch interessant ist außerdem, dass die Meta-Analyse nicht auf eine „universelle“ Atemform hinausläuft, sondern methodische Unterschiede zwischen den Ateminterventionen berücksichtigt. In der Auswertung wurden mehrere Varianten der Atemregulation gegenübergestellt, darunter Herzratenvariabilitäts-Biofeedback (HRVB), Resonanzatmung, yogische Atemtechniken sowie die sogenannte dreiteilige Atmung. Zusätzlich tauchten spezifischere Ansätze wie Rhemercise oder das Nachahmen der physischen Rauchbewegung in der Studienbasis auf. Genau diese Breite wirkt sich auf die Interpretation aus: Während Atemtechniken ohne Biofeedback-Komponente vor allem eine sofortige Linderung des akuten Verlangens begünstigten, zeigten HRVB-Methoden in den Daten eine stärkere Tendenz zu einer langfristigeren Reduktion des Suchtdrucks. Bei Entzugserscheinungen dagegen waren die Ergebnisse weniger eindeutig.
Was die Daten biologisch plausibel macht, ist die vorgeschlagene physiologische Kette über das autonome Nervensystem. Die Autoren führen die beobachteten Effekte auf eine Aktivierung des Parasympathikus zurück. Praktisch übersetzt bedeutet das: Durch tiefe, kontrollierte Atemzüge wird der „Runterregeln“-Modus des Körpers stärker angesprochen als in Situationen reiner Belastung. In diesem Rahmen wird außerdem erwähnt, dass kontrollierte Atmung den Cortisolspiegel senken könne, was wiederum zur unmittelbaren Beruhigung beitrage. Für die Einordnung in die klinische Praxis ist das relevant, weil es erklärt, warum Atemübungen nicht zwingend nur als willentliche Ablenkung funktionieren müssen, sondern auch als begleitende Regulation körperlicher Stress- und Erregungszustände.
Für viele Betroffene ist in der Alltagsperspektive entscheidend, wie man den Unterschied zwischen „akut hilfreich“ und „therapeutisch ausreichend“ bewertet. Die Publikation ordnet Atemübungen deshalb explizit als ergänzende Maßnahme ein: Sie könnten konventionelle Suchttherapien unterstützen, sollten aber nicht als vollwertiger Ersatz betrachtet werden. Diese Abgrenzung ist auch methodisch verständlich, denn eine Meta-Analyse kann zwar zeigen, dass sich das Verlangen statistisch messbar senken lässt, sie beantwortet aber nicht allein die Frage, welche Intervention langfristig die Rückfallwahrscheinlichkeit senkt oder wie genau verschiedene Settings (z. B. Frequenz, Trainingsdauer, Coaching) wirken. Entsprechend empfehlen die Forschenden weitere Studien, um Langzeiteffekte und spezifische Wirkweisen der einzelnen Atemtechniken in der klinischen Praxis genauer zu validieren.
Auch über den Suchtkontext hinaus ist der Befund anschlussfähig, weil Atemregulation in Stress- und Gesundheitsinterventionen seit Jahren eine wiederkehrende Rolle spielt. In der vorliegenden Arbeit wird das im Kern über die zentrale Funktion des Nervensystems begründet, die sowohl bei der Suchtbewältigung als auch beim Stressabbau relevant ist. Für Unternehmen, die Rehabilitation, betriebliches Gesundheitsmanagement oder Präventionsprogramme planen, ergibt sich daraus ein pragmatisches Muster: Atemübungen sind potenziell leicht integrierbar, erfordern aber ein sauberes Erwartungsmanagement. Wenn der Effekt im Mittel klein ausfällt, lohnt sich besonders der Fokus auf den Moment, in dem Suchtdruck entsteht, statt eine „Therapie durch Atmung“ zu versprechen.
Am Ende spricht die Meta-Analyse eine klare, wenn auch differenzierte Botschaft aus: Kontrollierte Atemübungen können den Suchtdruck über Substanzen hinweg reduzieren, und zwar mit statistischer Signifikanz. Gleichzeitig bleibt die praktische Wirkung offenbar moderat, und die Effektstärke hängt erkennbar davon ab, ob die Methode Biofeedback-Elemente wie HRVB integriert. Für den therapeutischen Einsatz heißt das, Atemtechnik eher als Baustein in einem mehrschichtigen Ansatz zu verstehen – etwa zusammen mit verhaltenstherapeutischen Methoden, Rückfallprophylaxe und medizinischer Begleitung. Wer diese Richtung weiterverfolgt, sollte in künftigen Studien stärker auf standardisierte Trainingsprotokolle, kontrollierte Vergleichsgruppen und Messpunkte über den reinen Akutzeitraum hinaus achten, damit sich aus „wirksam in der Summe“ auch „wirksam für wen und unter welchen Bedingungen“ ableiten lässt.
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