LONDON (IT BOLTWISE) – SAP-CEO Christian Klein warnt vor einer wachsenden Abhängigkeit Europas von KI aus den USA und aus China. Er stellt Datenkontrolle über den bloßen Standort von Rechenzentren. Für SAP kündigt er den Aufbau von 400 bis 500 zusätzlichen Data Scientists an, räumt aber ein, dass Stellenabbau nicht ausgeschlossen ist. Gleichzeitig betont er: Angewandte KI müsse schneller umgesetzt werden, statt neue Infrastruktur abzuwarten.

Die Warnung von SAP-CEO Christian Klein wirkt auf den ersten Blick wie ein geopolitischer Kommentar. Bei genauerer Betrachtung geht es aber um eine sehr konkrete Engineering-Frage: Wenn europäische Unternehmen KI nicht nur nutzen, sondern sie auch betreiben, weiterentwickeln und in Geschäftsprozesse integrieren, entscheidet nicht der Schrank im Rechenzentrum über die Souveränität, sondern die Kontrolle über Daten, Modelle und deren Nutzung. Klein ordnet seine Argumentation damit bewusst gegen ein weit verbreitetes Narrativ ein, das Rechenzentrums-Standorte als zentralen Hebel betrachtet. In dem von ihm beschriebenen Risiko steckt die Sorge, dass sich Wertschöpfungsketten verengen, sobald Trainingsdaten, Modellzugänge und Rechenleistung über wenige externe Akteure dominiert werden.
Technisch betrachtet ist diese Unterscheidung wichtig, weil KI-Fähigkeiten in der Praxis aus mehreren Schichten bestehen: Datenhaltung, Datenqualität, Feature-Pipelines, Trainings- und Feinjustierungsprozesse, Inferenzbetrieb sowie die Governance darüber, wie Eingaben, Outputs und daraus entstehende Feedback-Loops gehandhabt werden. Klein betont in diesem Kontext sinngemäß digitale Souveränität als Datenkontrolle. Damit bekommt auch seine Kritik an einer reinen „Infrastruktur zuerst“-Logik Gewicht: Selbst wenn Kapazitäten physisch in Europa stünden, bleibt die Abhängigkeit bestehen, falls Trainingsdaten, Modellgewichte, Werkzeugketten oder Zugriffsrechte weiterhin außerhalb der Kontrolle der Anwender liegen. Seine Haltung steht zudem im Kontrast zu Forderungen nach neuen, europäischen KI-Rechenzentren als unmittelbare Lösung, wie sie im Umfeld großer Halbleiter- und KI-Plattformanbieter wiederholt mit Blick auf Engpässe formuliert werden.
Für die Markt- und Wettbewerbsdimension liefert der Zeitpunkt zusätzliche Reibung. Laut dem Bericht positioniert sich Klein gegen den Impuls, der auch durch die Europareise von NVIDIA-CEO Jensen Huang im Juni 2025 stärker in den Fokus gerückt wurde: Dort ging es um Hinweise auf fehlende Rechenkapazitäten und um Partnerschaften für europäische KI-Infrastruktur. Klein argumentiert hingegen, dass der Bedarf in Europa anders gelagert sei als in den USA. Diese Einschätzung berührt eine zentrale Unterscheidung zwischen Angebot und Nachfrage: In einer Phase, in der große Foundation-Modelle und deren Ökosysteme wachsen, folgt die Implementierung in Unternehmen häufig nicht der theoretischen Verfügbarkeit von Rechenleistung, sondern der Frage, welche Anwendungsfälle kurzfristig ROI liefern und welche Datenhäuser dafür bereit sind. Genau deshalb verlagert SAP den Schwerpunkt auf Anwendung statt auf den schnellen Aufbau weiterer Serverfarmen.
Als operatives Gegengewicht zur Abhängigkeitsdebatte nennt Klein einen konkreten Personalplan: SAP will 400 bis 500 neue Data Scientists einstellen. Gleichzeitig schließt er einen Stellenabbau nicht aus, was die Strategie in die Realitätswelt der Transformation zurückholt. SAP beschäftigt derzeit weltweit rund 112.000 Menschen; eine Umverteilung zwischen Rollen, etwa von klassischen IT-Operations hin zu KI-nahen Engineering- und Data-Governance-Aufgaben, ist in solchen Programmen häufig der Kern. Damit wird auch verständlich, warum die Aussage „KI-Produktivität“ bei Kunden zwar Prozesse beschleunigen kann, intern aber trotzdem eine Effizienz- und Strukturplanung nötig macht. Diese Kombination aus Aufbau in Spezialrollen und möglichem Abbau an anderer Stelle ist ein typischer Mechanismus, wenn ein Unternehmensportfolio unter Druck gerät.
Der Portfoliodruck kommt bei SAP aus einem klaren Wettbewerbswinkel: Reine KI-Anbieter und neue Plattformansätze setzen das klassische Softwaremodell unter Anpassungszwang. Der Text ordnet das wirtschaftliche Umfeld deshalb direkt ein: Die SAP-Aktie habe seit Jahresbeginn an XETRA rund 20 Prozent verloren. Am Mittwoch notiert sie zeitweise bei 167,38 Euro und damit um 1,66 Prozent über dem jüngsten Schluss. Diese Kursreaktion lässt sich nicht allein mit einer einzelnen CEO-Äußerung erklären, aber sie passt in das Gesamtbild einer Branche, in der Investoren zunehmend darauf schauen, ob etablierte Enterprise-Player KI nicht nur integrieren, sondern auch wettbewerbsfähig monetarisieren können. In diesem Spannungsfeld ist die Entscheidung „Implementierung zuerst“ zwar strategisch plausibel, muss aber durch Execution bei Kunden messbar werden.
Für Unternehmen, die SAP-Umgebungen nutzen, verschiebt sich damit die Projektlogik. Statt nur die Frage „Wo läuft die KI?“ zu stellen, rückt stärker die Frage „Wie wird sie in unsere Daten- und Prozessketten eingebettet?“ in den Vordergrund: Welche Daten können überhaupt genutzt werden, wie werden Zugriffs- und Berechtigungsmodelle umgesetzt, und wie lassen sich Modell-Updates nachvollziehbar in operative Systeme überführen? Genau hier entsteht die praktische Bedeutung der von Klein beschriebenen Datenkontrolle. Wenn SAP mit zusätzlichem Data-Science-Personal vor allem die Anwendungsentwicklung vorantreibt, dann wird „KI“ im ERP- und Prozesskontext zur Frage von Pipeline-Design, Evaluationsmetriken und Governance – nicht zur Frage einer einzelnen Infrastrukturentscheidung. Und weil die Abhängigkeit Europas von ausländischer KI laut Klein real ist, wird die organisatorische Fähigkeit, Anwendungen schnell zu operationalisieren, zum strategischen Wettbewerbsfaktor.
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