ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Anteil finanziell angeschlagener Schweizer Unternehmen ist laut Alvarez & Marsal im Jahr 2025 auf 6,8 % gestiegen. Das entspricht dem vierten Anstieg in Folge seit 2022, bleibt aber klar unter dem europäischen Durchschnitt von 9,2 %. Besonders unter Druck stehen in der Schweiz die Automobilindustrie mit 20,0 % sowie der Fachhandel mit 16,7 %. Gleichzeitig verbessern sich einzelne operative und bilanzielle Teilkennzahlen leicht, dennoch nimmt der finanzielle Druck branchenübergreifend zu.

Schweizer Firmen: Anteil im finanziellen Stress steigt auf 6,8 %
Schweizer Firmen: Anteil im finanziellen Stress steigt auf 6,8 % (Foto: IT BOLTWISE)
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Der neue Alvarez-&- Marsal Alvarez & Marsal Distressed Alert (ADA) legt für das Jahr 2025 eine widersprüchliche Lage offen: In Europa (inklusive Golfkooperationsländer, GCC) erreicht der Anteil finanziell angeschlagener Unternehmen 9,2 % und damit ein Vierjahreshoch. In der Schweiz steigt die Quote zwar ebenfalls weiter an, landet mit 6,8 % jedoch spürbar unter dem europäischen Schnitt. Für Entscheidungsträger ist das vor allem deshalb relevant, weil die Studie nicht nur einzelne Problembranchen benennt, sondern die Tendenz beschreibt, dass sich finanzielle Schwächen nicht mehr auf Randbereiche der Wirtschaft beschränken.

Im Zahlenbild steckt zudem eine zusätzliche Differenzierung, die über das reine “mehr oder weniger” hinausgeht. Insgesamt werden 1.411 Unternehmen als finanziell angeschlagen eingestuft, während bei 28,4 % die operative Leistungsfähigkeit vergleichsweise schwach ist und 14,9 % mangelnde Bilanzstabilität aufweisen. Der Bericht ordnet damit die Belastung in zwei Ebenen ein: laufende Erträge und Kostenstruktur einerseits, Kapital- und Pufferfähigkeit andererseits. Dass der finanzielle Druck in zehn von zwölf untersuchten Branchen zugenommen hat, deutet auf einen breiteren Stressfaktor hin, statt auf einen isolierten Branchenzyklus.

Für die Schweiz fällt die Entwicklung besonders differenziert aus. Der Anteil finanziell angeschlagener Unternehmen steigt von 6,2 % auf 6,8 %, nachdem die Quote 2022 noch bei 3,8 % gelegen hatte. Gleichzeitig berichten die Daten auch leichte Verbesserungen in zwei zentralen Teilindikatoren: Der Anteil der Unternehmen mit unzureichender operativer Leistungsfähigkeit sinkt von 13,7 % auf 13,0 %, während die Quote für mangelnde Bilanzstabilität von 20,5 % auf 19,9 % zurückgeht. Diese Kombination – steigender Anteil “im Stress”, aber bessere Teilwerte – spricht eher für eine zunehmende Konzentration des Problems auf einzelne Unternehmen, statt für eine gleichmäßige Verschlechterung der gesamten Unternehmenslandschaft.

Wo der Druck in der Schweiz am stärksten ankommt, macht die Branchenaufteilung deutlich. Die Automobilindustrie weist mit 20,0 % den höchsten Anteil finanziell angeschlagener Unternehmen auf, gefolgt vom Fachhandel mit 16,7 % und Energie & Versorgung mit 12,5 %. Besonders auffällig ist zudem die Veränderung gegenüber dem Vorjahr: Energie & Versorgung legt um 12,5 Prozentpunkte zu, die Informationstechnologie um 8,3 Prozentpunkte und das verarbeitende Gewerbe um 6,3 Prozentpunkte. In Europa nennt der Bericht als Haupttreiber eine Kombination aus schwächerer Nachfrage, steigenden Energie- und Logistikkosten, Lieferkettenstörungen und zunehmendem internationalem Wettbewerb – Faktoren, die sich in der Schweiz wegen der Exportabhängigkeit und der Preiswirkung der starken Währung besonders schnell in Margen und Liquidität übersetzen.

Über die Branchen hinaus lohnt sich ein Blick auf die Mechanik, wie der ADA-Index die Risiken bewertet. Der Ansatz analysiert 18 KPIs und bildet daraus zwei Sub-Scores: einen Performance-Score auf Basis der Erfolgsrechnung, verglichen mit Unternehmen derselben Branche, und einen Robustness-Score auf Basis detaillierter Bilanzdaten. Ein Unternehmen gilt dann als finanziell angeschlagen, wenn es sowohl hinsichtlich der finanziellen Position als auch der Ertragskraft erhebliche Defizite aufweist. Diese Logik verbindet also kurzfristige Ergebnisprobleme mit der Fähigkeit, Schocks über die Bilanz abzufedern – genau dort entstehen in vielen Unternehmen die Engpässe, wenn mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig wirken.

Als Einordnung für das Timing nennt der ADA zudem, dass die jüngsten Daten die vollen Auswirkungen erneuter Belastungen durch Energiepreise und Lieferketten noch nicht vollständig abbilden. Die Aussagen des Management- und Restrukturierungsteams im Bericht richten sich deshalb auf die nächsten 18 bis 24 Monate: Unternehmen sollten Liquiditätsprognosen auf verschiedene Stressszenarien durchrechnen, ihre Geschäftsmodelle überprüfen und sich auf Volatilität einstellen. In der Praxis heißt das häufig, dass nicht nur Cash-Burn und Kreditlinien betrachtet werden, sondern auch das Zusammenspiel aus Wechselkursen, Kostenweitergabe, Bestands- und Lieferkettenlogik sowie dem Investitionsrhythmus. Gerade in Branchen wie Automobil und Handel, in denen Nachfragezyklen und Lagerumschlag eng aneinander hängen, kann schon eine kleine Verschiebung im Zusammenspiel aus Marge und Finanzierungspuffer die Einstufung in Richtung “financial distress” kippen.

Der Bericht ergänzt sein Bild mit Kontext zum wirtschaftlichen Umfeld: In der Schweiz korrigierte die KOF-Konjunkturforschungsstelle ihre Wachstumsprognose für 2026 wegen des Krieges im Iran und des damit verbundenen Anstiegs der Ölpreise nach unten; erwartet wird ein reales BIP-Wachstum von 0,8 % statt 1,0 %. Dazu kommt, dass Exporteure weiterhin unter einer historischen Stärke des Schweizer Frankens leiden, weil diese Währungsentwicklung den Auslandsumsatz in der Heimatwährung reduziert und die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen kann. Für Entscheider ergibt sich daraus ein klarer Handlungsimpuls: Das System “Widerstandsfähigkeit” ist in der Schweiz offenbar real, aber nicht automatisch stabil, wenn Exportmärkte schwanken und sich Kostendynamiken durchziehen.


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