LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Studie aus dem Vereinigten Königreich ordnet sehr heiße Tee- und Kaffeetrinken mit einem deutlich höheren Risiko für Speiseröhrenkrebs ein. Besonders stark steigt das Risiko für das Plattenepithelkarzinom, wenn die Getränke als „sehr heiß“ wahrgenommen werden. Die Auswertung basiert auf knapp 980.000 Befragten aus zwei britischen Kohorten und betrachtet neben der Temperatur auch die Häufigkeit pro Tag. Gleichzeitig bleibt die absolute Wahrscheinlichkeit in der Gesamtbevölkerung vergleichsweise niedrig, weshalb Abwägung und praxistaugliche Vorsicht im Vordergrund stehen.

Wer Tee oder Kaffee routinemäßig „dampfend heiß“ trinkt, erhält jetzt zusätzliche Daten für eine einfache Vorsichtsregel: Die Temperatur beim Konsum hängt nach einer Auswertung aus dem Vereinigten Königreich erkennbar mit dem Risiko für Speiseröhrenkrebs zusammen. Im Zentrum steht dabei nicht irgendein abstrakter Verdacht, sondern eine Korrelation, die in zwei großen britischen Kohorten mit insgesamt knapp einer Million Teilnehmenden sichtbar wurde. Laut der Veröffentlichung in der Fachzeitschrift International Journal of Cancer war das Risiko für bestimmte Formen von Speiseröhrenkrebs besonders dann erhöht, wenn Getränke als „sehr heiß“ eingestuft wurden.
Technisch betrachtet dreht sich die Risikoanalyse um zwei Größen, die im Alltag voneinander abhängen können: die bevorzugte Temperatur der heißen Getränke und die tägliche Konsummenge. Die Forschenden betrachteten die Selbstangaben, ob Probandinnen und Probanden ihre Getränke als „sehr heiß“, „heiß“ oder „warm“ einstuften – oder ob sie gar keine heißen Getränke tranken bzw. keine Antwort geben wollten. Zusätzlich wurde erhoben, wie viele heiße Getränke pro Tag konsumiert werden, wobei die Kategorien „weniger als 6“ und „6 oder mehr“ genutzt wurden. Über die Zeit von im Mittel 14,2 Jahren in einer Kohorte und 11,1 Jahren in der anderen traten insgesamt 2.348 Fälle von Speiseröhrenkrebs auf, was für eine belastbare statistische Auswertung bei seltenen Endpunkten entscheidend ist.
Besonders auffällig ist die Differenzierung nach dem histologischen Typ des Tumors. Die Studie bezieht sich spezifisch auf das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre (esophageal squamous cell carcinoma, SCC), das als weltweit häufigste Form gilt. Laut den Ergebnissen stieg das Risiko mit der bevorzugten Getränketemperatur: Personen, die ihre Getränke als „heiß“ einstuften, hatten nahezu das doppelte Risiko im Vergleich zu jenen, die „warm“ bevorzugten. Für die Gruppe, die „sehr heiß“ angab, lag das Risiko deutlich höher – in der Größenordnung von mehr als dem Dreifachen gegenüber „warm“.
Auch die Häufigkeit spielte nach der Kontrolle der Temperatur eine Rolle. Die Forschenden berichten, dass das Trinken von „6 oder mehr“ heißen Getränken pro Tag gegenüber „weniger als 6“ mit einem um 71% höheren Risiko für das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre verbunden war. Diese Kombination aus Temperatur- und Dosis-Effekt ist für die Interpretation relevant, weil sie nicht nur eine einzelne Kategorie betrifft, sondern eine Abstufung in zwei Dimensionen zeigt. Gleichzeitig weisen die Daten darauf hin, dass Wahrnehmung und Messbarkeit im Alltag problematisch bleiben: Die Studie konnte die exakten Gradwerte der getrunkenen Getränke nicht direkt nachverfolgen, sondern nutzte Einschätzungen der Teilnehmenden. Damit bleibt es bei robusten Assoziationen statt eines vollständig kausal belegten Mechanismus.
Historisch ist das Thema „heiße Getränke“ nicht neu. Bereits 2016 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) sehr heiße Getränke als „wahrscheinlich krebserregend“ für den Menschen ein; als Schwelle definierte sie „sehr heiß“ mit Temperaturen über 65 °C (149 °F). Der neue Befund ist damit weniger ein Startpunkt als eine Verstärkung der bisherigen Evidenz – und zugleich eine wichtige Einordnung für Regionen mit anderen Trinkgewohnheiten. Frühere Untersuchungen stammten vor allem aus Südamerika, Teilen Asiens und dem Nahen Osten, wo Kultur und Routinen beim Heißgetränketrinken abweichen können. Für das Vereinigte Königreich mit einer hohen Alltagsverbreitung von Tee und Kaffee ergibt sich dadurch eine zusätzliche Übertragbarkeit, die auch mit Blick auf eine westliche Population relevant ist.
Der Mechanismus dahinter lässt sich außerdem plausibel in biologische Prozesse übersetzen, auch wenn die Studie ihn nicht direkt „beweist“. Heiße Flüssigkeiten können die Schleimhaut der Speiseröhre stärker reizen. In der Folgerung, die auch durch vorliegende Evidenz unterstützt wird, führt wiederholte thermische Belastung zu Zellschädigungen und entzündlichen Veränderungen, die wiederum die Grundlage für Karzinogenese schaffen können. Ergänzend dazu unterscheidet sich das Risikoprofil laut der Einordnung in der Studie: Rauchen bleibt demnach der größte bekannte Risikofaktor für diese Krebsform, während weitere Faktoren wie Alkohol, sowie regional unterschiedliche Belastungen etwa durch Luftqualität, in der globalen Verteilung eine Rolle spielen. Das erklärt auch, warum die absolute Häufigkeit in einzelnen Ländern trotz relativer Risikoerhöhungen begrenzt bleibt: In Großbritannien macht Speiseröhrenkrebs nur einen kleinen Anteil an allen Krebsneuerkrankungen aus, und die Lebenszeitwahrscheinlichkeit wird entsprechend niedrig beziffert.
Für die praktische Konsequenz bedeutet das: Wer heiße Getränke genießt und die neuen Ergebnisse ernst nimmt, muss keinen kompletten Verzicht ableiten, sondern kann an einem einzelnen Stellhebel ansetzen – der Temperatur. In der Diskussion wird als pragmatischer Weg genannt, den Drink abkühlen zu lassen, ihn langsamer zu konsumieren oder ihn durch kleine Maßnahmen wie das Hinzufügen von Milch oder das Verändern der Trinktemperatur zu „entschärfen“. Wichtig ist dabei der Charakter der Temperaturmessung: Da die Studie auf Selbstangaben basiert, bleibt unklar, wie stark „sehr heiß“ bei unterschiedlichen Menschen wirklich quantifiziert. Genau deshalb sollte man die Botschaft nicht als präzises Sicherheitszertifikat für einzelne Gradwerte lesen, sondern als konsequente Risikoreduktion innerhalb eines Alltagsmusters.
Aus Forschungssicht lohnt sich vor allem die Frage, wie zukünftige Studien die Lücke zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Messung schließen können. Eine naheliegende Richtung wären Designs, die Temperaturwerte stärker erfassen, etwa durch standardisierte Messungen vor dem Konsum oder durch zumindest nachvollziehbarere Modelle der tatsächlichen Gradzahl im Haushalt. Neben der Methodik bleibt aber auch der gesellschaftliche Nutzen: Selbst wenn der individuelle Effekt im absoluten Risiko klein ist, kann eine breite Alltagsmaßnahme durch eine große Basis an Konsumenten statistisch relevanten Einfluss entfalten. Für Entscheider im Gesundheitswesen und für Präventionsprogramme ist die Kombination aus „einfacher Verhaltensänderung“ und „konsistenter Evidenzlage“ daher der Kernpunkt der Meldung.
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