LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Sequoia Capital stoppt seine Scouts- und Arc-Programme und schließt zugleich das London Office. Die Venture-Firma bündelt Early- und Growth-Teams zu einer Einheit, flacht die Partnerstruktur ab und beendet ein bislang festes wöchentliches Partner-Meeting. Parallel hat Sequoia eigenen Angaben zufolge rund 10 Milliarden US-Dollar an frischem Kapital eingesammelt. Für europäische Gründer wird damit noch deutlicher, dass die strategische Schwerpunktsetzung wieder stärker in Richtung Bay Area rückt.

Sequoia Capital schreibt sich gerade ein Stück seiner eigenen Firmengeschichte zurück: Mit einem Memo, das den Übergang „von der Sequoia von gestern zur Sequoia von morgen“ beschreibt, kündigt der US-Investor Einschnitte an, die nach außen wie ein Rückbau wirken. An zentraler Stelle steht der Umstieg von „früh und überall“ auf eine Fokussierung auf weniger Teams und weniger operative Reibungspunkte. In dem Papier heißt es, man habe sich aus einer rund 20-jährigen Expansionsphase herausbewegt, in der das Unternehmen in mehreren Regionen mehrere Geschäftsfelder aufgebaut und dabei eine Hierarchie-Struktur mitwachsen ließ – offenbar als Nebenwirkung, die nun wieder zurückgedreht werden soll.
Die größten Signale für diesen „Rewind“ senden die beiden Programme, die Sequoia besonders nah an jungen Gründerteams platzierten: Scouts und Arc. Scouts startete um 2009 herum und setzte auf kleinere Schecks für Founder und Operatoren, die im Auftrag der Firma investieren sollten. Damit entstand eine Kontaktlogik, die nicht primär über Partnerbürokratie lief, sondern über Personen, die für neue Teams inhaltlich näher dran waren. In der Rückschau werden in dem Memo prominente Beispiele genannt: Jason Calacanis als Vermittler zu Uber über Scouts, Sam Altman und Stripe als Scout-Beispiel sowie weitere frühe Scouts wie Brian Chesky oder die Dropbox-Gründer Arash Ferdowsi und Drew Houston. Arc wiederum war ein Batch-Accelerator für Pre-Seed- und Seed-Startups, der ab März 2022 mehrere Kohorten pro Jahr für sieben Wochen durchlief und für angenommene Unternehmen ein Paket von 500.000 bis 1 Million US-Dollar vorsah.
Interessant ist nicht nur, dass beide Ansätze verschwinden, sondern was Sequoia als Gegenmodell beschreibt. Das Memo legt nahe, dass die Firma weniger Energie über zusätzliche Programmorganisation in „Feeder“-Strukturen lenken will und stattdessen dichter am Kern investieren und operativ unterstützen möchte. Dazu passt die inhaltliche Umstellung auf „One Team“: Es gibt keine getrennten „Early & Growth“-Einheiten mehr, sondern nur noch ein gemeinsames Team unter einer Mission. Zusätzlich flacht Sequoia die Partnership-Struktur ab, ordnet interne Verantwortungen neu und erklärt, dass diese Vereinfachung sowohl den Partnern als auch den Gründern einen „vollen Nutzen“ bringen soll – unabhängig davon, wer als Lead Partner benannt ist.
Der Umbau wird auch geografisch spürbar. Sequoia schließt das London Office, nachdem es die Präsenz dort 2020 aufgebaut hatte. Das Memo formuliert das überraschend pragmatisch: Man sehe keine Notwendigkeit für eine lokale Präsenz, wolle aber weiterhin europäische „Outlier Founders“ unterstützen – mit Unterstützung aus der Bay Area. Für europäische Gründer fällt die Botschaft besonders schwer, weil sie zeitlich mit weiteren Reorganisationen großer US-Investoren in Europa zusammenfällt: Auch dort wurden in den letzten Jahren Bürostandorte reduziert, um Präsenzkosten und Prozesse neu zu gewichten. Praktisch heißt das für Teams in Europa vermutlich weniger „Vor-Ort“-Gelegenheiten für persönliche Beziehungen, dafür aber ein stärker standardisiertes Recruiting von Beratung, Investment und Netzwerkzugang über zentrale Strukturen.
Die personelle Komponente verbindet das Memo mit einer Governance-Logik. Sequoia nennt Carl Eschenbach, den ehemaligen Workday-CEO, wieder „im Fold“: Er kehrte demnach im März als Vollzeit-Partner zurück. Außerdem beschreibt die Firma, man habe „den GOAT“ Doug Leone „reinvigorated“. Die Organisation sei nun von sieben General Partnern geprägt, die primär die Firma besitzen und betreiben: Alfred Lin und Pat Grady als Co-Stewards sowie Andrew Reed, Shaun Maguire, Konstantine Buhler, Sonya Huang und David Cahn, der 2023 dazukam. Auffällig ist daneben das Sichtbarkeits- und Rollenrouting: Jess Lee, die als erste weibliche Partnerin frühe Investments verantwortete und das Arc-Programm mitprägte, taucht nicht mehr als Investor auf, sondern wird als Operator im Chief-Product-Officer-Rollenbild geführt. Stephanie Zahn, Investor seit 2015, verlässt das Unternehmen und kündigt die Gründung einer eigenen Firma an.
Strukturell geht der „Rewind“ bis in operative Rituale hinein. Sequoia beendet das Zyklusformat für das Monday partner meeting („24/7“ statt Prozessrhythmus), mit der Begründung, dass Gründer ohnehin rund um die Uhr arbeiten und Investoren nicht an interne Taktungen gebunden sein sollten. Damit folgt Sequoia einer breiteren Entwicklung, die Venture-Teams bereits seit Jahren umtreibt: weniger feste Meeting-Kadenz, mehr fortlaufende Koordination – allerdings mit dem Risiko, dass sich ein neuer Grad an Erwartungsdruck innerhalb der Partnerrolle ausbreitet. Gleichzeitig räumt das Memo ein, dass die Änderungen „scary“ seien, weil man etwas aufbricht, das bereits funktioniere, und weil der Abschied von guten Leuten wehtut; dennoch bleibt das Ziel klar: Qualität statt Skalierungsfetisch, also bestmögliche Returns für LPs und möglichst verlässliche Unterstützung für Founder.
Aus Marktsicht sind solche „Rückwärts“-Schritte kein echtes Paradox, sondern oft eine Reaktion auf die Nebenwirkungen von Wachstum: Mehr Programme und mehr geografische Präsenz erhöhen zwar Reichweite, aber sie erzeugen auch Koordinations- und Managementaufwand. Sequoias Angaben, man habe rund 10 Milliarden US-Dollar an neuen Mitteln eingesammelt, unterstreichen dabei, dass es nicht um finanzielle Schwäche geht, sondern um Schwerpunktsetzung. Für Unternehmen und Gründerteams bedeutet das vor allem: Wer sich in Europa bewirbt, sollte mit einer stärker zentralisierten Betreuung kalkulieren und zugleich prüfen, ob das Netzwerk zur Bay Area als „Standardpfad“ noch frühzeitig über neue Rollen, Partner-Ownership und Produktnahe Operator-Beteiligung entsteht. Ob der „Rewind“ am Ende bessere Selektionsqualität liefert oder nur Programme ersetzt, wird sich erst in den kommenden Investitionszyklen zeigen – für Sequoia selbst ist es jedenfalls ein offensives Signal, dass die nächste Phase anders aufgebaut wird als die letzten 20 Jahre.
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