LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens-Chef Roland Busch warnt davor, dass die EU KI-Zulassungen durch zu langsame und zu strenge Regulierung ausbremst. Er verweist auf Verzögerungen durch die Dauer bis zur Verabschiedung von Instrumenten wie „AI Act“ oder „Data Act“ und betont, dass sich KI-Modelle in der Zwischenzeit stark weiterentwickeln können. Gleichzeitig sieht Busch den KI-Boom nicht als Blase, weil ein großer Teil der Investitionen aus Unternehmen mit starkem Cashflow stamme. Auch bei Handelszöllen gegenüber China fordert er mehr Differenzierung, da dort leistungsfähige Wettbewerber mit hoher Innovationsgeschwindigkeit aktiv seien.

Roland Busch, Vorstandsvorsitzender von Siemens, bringt die Debatte über KI-Governance auf einen Punkt, der in vielen Unternehmen längst im Alltag ankommt: Zwischen dem Tempo der Modell-Entwicklung und der Geschwindigkeit politischer Beschlüsse klafft eine Lücke. In der Argumentation geht es nicht nur um den grundsätzlichen Nutzen von Regeln, sondern um deren zeitlichen Effekt auf Produktzyklen. Busch warnt davor, dass die europäische Regulierung das Entwicklungstempo neuer KI-Technologien „durch Regulierung bremsen“ könne. Der Kern seiner Aussage ist dabei relativ technisch gedacht, auch wenn sie politisch formuliert wird: Wenn ein regulatorischer Prozess erst Jahre später greift, ist der Stand der Technik womöglich schon überholt.
Als konkrete Zeitachse nennt Busch die Spanne von „vielleicht zwei Jahren“ bis zur Verabschiedung von Regelwerken wie „AI Act“ oder „Data Act“. In dieser Zeit, so seine Einschätzung, hätten KI-Modelle bereits „sechs- oder achtmal“ Fortschritte in der Weiterentwicklung machen können. Daraus ergibt sich ein Problem, das im Regulierungsdesign häufig unterschätzt wird: Selbst wenn die Anforderungen sachlich richtig sind, kann die Wirksamkeit in der Praxis hinter der Innovationsgeschwindigkeit herhinken. Gerade im Bereich KI-Modelle, die über Iterationen von Training, Evaluierung und Deployment laufen, wirkt eine starre und stark prozessorientierte Zulassungslogik wie ein Bremsklotz auf dem gesamten MLOps-Lebenszyklus. Für IT-Verantwortliche bedeutet das: Die Frage ist nicht allein „Welche Norm gilt?“, sondern auch „Wann gilt sie verbindlich?“
Busch stellt dieser Skepsis ein anderes Narrativ entgegen. Er bezeichnet den KI-Boom nicht als Blase und ordnet die aktuelle Dynamik als „größte Wette der Geschichte auf Technologie“ ein. Entscheidend ist für ihn, dass es sich nicht um spekulative Finanzierung „auf geliehenem Geld“ handelt, sondern ein großer Teil der Mittel von Unternehmen kommt, die „einen erheblichen Cashflow“ erwirtschaften. Diese Unterscheidung ist für die Marktanalyse relevant, weil sie die Finanzierungslage der KI-Infrastruktur betrifft: Rechenzentren, Grafikkarten- und Serverausbau sowie Automatisierung in der Datenpipeline brauchen planbare Capex- und Opex-Korridore. Wenn Budgets eher aus operativer Stärke als aus kurzfristiger Liquidität gespeist werden, bleibt die Wahrscheinlichkeit höher, dass Projekte nicht nach wenigen Quartalen eingestellt werden, sondern in Betriebsprozesse übergehen. Busch verweist außerdem auf bereits sichtbare positive Effekte: Er sagt, dass die ersten positiven Effekte „bereits“ zu sehen seien und KI Märkte „definitiv“ positiv verändern werde.
Technisch lässt sich diese Erwartung gut in die Praxis übersetzen: KI-gestützte Systeme steigern Effizienz und Effektivität, schonen Ressourcen und beschleunigen Innovationen. In Industrie- und Infrastrukturkontexten heißt das meist konkret, dass Analytik vom reinen Reporting in Richtung Vorschau und Optimierung wandert. Häufig ist die Wirkung dabei zweistufig: Zuerst verbessern KI-Modelle die Vorhersagbarkeit von Zuständen (zum Beispiel Ausfallrisiken oder Nachfrageprofile), anschließend lassen sich Prozesse und Entscheidungen näher an Echtzeitdaten anbinden. Für Siemens fügt sich das in ein Bild, das Busch bereits in Bezug auf den KI-Rechenzentrumsbereich skizziert hat: Dort habe der Technologiekonzern zuletzt von hoher Nachfrage profitiert, insbesondere in den USA. Laut seiner Einschätzung vom Zeitpunkt der Konzernergebnisvorlage für das dritte Quartal des Siemens-Geschäftsjahres soll das Momentum auch im kommenden Jahr anhalten. Das ist zwar keine Garantie, aber es stützt die These, dass KI-Investitionen nicht nur „Hype“ sind, sondern reale Kapazitäten nachfragen.
Die politische Dimension der Debatte wird bei Busch nicht isoliert betrachtet, sondern mit Handels- und Wettbewerbslinien verknüpft. Er spricht sich gegen einen pauschalen Zollansatz aus und nennt „gezielte Zölle“ als mögliches Instrument. Gleichzeitig warnt er davor, aus Handelsproblemen eine vermeintliche mangelnde Wettbewerbsfähigkeit abzuleiten. In seiner Darstellung begegnet Europa einem „sehr leistungsfähigen“ Wettbewerb in China: starke Ingenieure, engagierte Teams und die Fähigkeit, innovative Produkte sowie neue Technologien einschließlich KI „rasch“ zu adaptieren. Damit rückt Busch einen Punkt in den Vordergrund, der für die EU-Strategie entscheidend ist: Wenn Regulierungsdauer und Marktdynamik ungünstig zusammenfallen, kann sich die technologische Wettbewerbsfähigkeit über die Zeit verschieben, selbst wenn die Absicht der Regulierung auf Sicherheit und Qualitätsstandards zielt. Seine Schlussfolgerung ist entsprechend klar: Die neue Wettbewerbslandschaft müsse anerkannt und „entsprechend“ beantwortet werden.
Für Unternehmen in Europa ergibt sich aus Buschs Intervention vor allem eine handfeste Planungsfrage. KI-Projekte lassen sich in der Regel nicht wie klassische Software-Versionswechsel „auf Knopfdruck“ regulierungsfähig machen, weil Daten, Modellarchitekturen und Deployments eng ineinandergreifen. Wenn ein regulatorischer Rahmen zwar Zielbilder setzt, aber durch lange Verabschiedungsphasen oder unklare Übergänge Innovationszyklen verlangsamt, verschiebt sich der Aufwand für Compliance, Testzyklen und Risikoanalyse in eine Weise, die den Time-to-Value verlängert. Gleichzeitig steht auf der anderen Seite, dass Standards auch Schutzfunktionen haben können und in sicherheitskritischen oder stark regulierten Branchen häufig unvermeidbar sind. Die Debatte dreht sich damit weniger um „Regeln ja oder nein“, sondern um Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, regulatorische Anforderungen an den Stand der Technik zu koppeln, statt ihn hinterherzulaufen.
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