BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens-Chef Roland Busch drängt die EU zu mehr Tempo bei der Zulassung von Künstlicher Intelligenz. Er argumentiert, dass lange Gesetzgebungszyklen das Innovationsniveau ausbremsen, weil sich Modelle in wenigen Monaten bereits stark weiterentwickeln. Busch verweist zudem auf den Wettbewerb mit China und sieht die schnelle KI-Adaptation leistungsfähiger Teams als entscheidenden Faktor. Gleichzeitig ordnet er den KI-Investitionsschub als nachhaltige Wette auf Technologie ein.

Roland Busch, Vorstandsvorsitzender von Siemens, macht in Berlin klar, woran seiner Ansicht nach aktuell die größte Wachstumsbremse im KI-Ökosystem hängt: nicht an der Rechenleistung, sondern an der Geschwindigkeit, mit der neue Regeln und Zulassungen in der EU bei der Künstlichen Intelligenz ankommen. Der Manager fordert ein höheres Tempo, damit Unternehmen und Entwickler nicht warten müssen, bis einzelne Gesetzesvorhaben endgültig verabschiedet sind. Sein Kernargument lautet, dass das Entwicklungstempo von KI-Technologien regulativ weniger folgen darf als die technische Realität. Wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen zu spät greifen, hinken Anwendungen und Produktplanungen dauerhaft hinterher.
Busch bezieht sich dabei auf die geplanten EU-Vorhaben rund um den AI Act und den Data Act und nennt als Größenordnung die Zeitspanne bis zur Verabschiedung: Er spricht von etwa zwei Jahren. In dieser Phase, so seine Rechnung, können KI-Modelle bereits sechs- oder achtmal weiterentwickelt worden sein. Praktisch bedeutet das für Industrie-Teams, die KI in Prozesse integrieren wollen, dass sich nicht nur Versionen ändern, sondern oft auch Zielarchitekturen, Trainingsansätze und Messmethoden zur Qualität. Am Ende kann eine Zulassungswelle technisch bereits überholt sein, weil sich die Systeme inhaltlich in eine andere Richtung bewegt haben.
Der Blick auf mögliche Handels- und Wettbewerbsdynamiken ergänzt das regulatorische Thema: Busch positioniert China als „sehr leistungsfähigen Wettbewerber“ und warnt zugleich davor, Zölle pauschal als einfache Antwort auf Wettbewerbsungleichgewichte zu behandeln. Laut seinen Aussagen gibt es zwar Gründe für wenige gezielte Zölle, aber die Entscheidung müsse äußerst vorsichtig getroffen werden, um nicht aus dem Blick zu verlieren, wie stark die technologische Basis vor Ort ist. Die europäischen Handelsprobleme mit China seien nicht ausschließlich auf unfaire Praktiken zurückzuführen, sondern auch auf die Leistungsfähigkeit konkurrierender Teams. Busch betont damit weniger die politische Schablone als die technische Ausgangslage: starke Ingenieure, engagierte Teams und eine schnelle Adaption neuer Technologien inklusive KI.
Auch im Unternehmenskontext greift Busch die konkrete Nachfrage nach KI-Infrastruktur auf. Siemens habe zuletzt von einer hohen Nachfrage im Umfeld von KI-Rechenzentren profitiert, insbesondere in den USA. Für das kommende Jahr erwartet er, dass dieses Momentum anhalten könnte, was die Botschaft unterstützt, dass KI-Budgets aktuell nicht nur in Pilotprojekten stecken bleiben. Technisch ist das relevant, weil Rechenzentrumsbedarf oft mehr ist als nur „zusätzliche Server“: Dazu gehören Strom- und Kühlkapazitäten, Netzwerklatenz, Speichersysteme sowie Betriebs- und Automatisierungsprozesse, die mit dem KI-Workload Schritt halten müssen.
Gleichzeitig versucht Busch, die Debatte um eine mögliche „Blase“ zu entschärfen. Der Manager sagt, was viele Investoren derzeit antreibt, sei im Kern die größte Wette der Geschichte auf Technologie. Seine Gegenposition: Es handele sich nicht um eine Blase, die auf geliehenem Geld basiert, weil ein Großteil der Mittel von Unternehmen komme, die einen erheblichen Cashflow erwirtschaften. Damit adressiert er ein typisches Marktargument, das sich bei Technologiezyklen regelmäßig stellt: Steigen Bewertungen und Kapazitätsausbau nur durch Finanzierungshebel, steigt das Risiko einer abrupten Korrektur. Wenn dagegen operative Mittel als Treiber dienen, verändert sich die Risikokurve in der Wahrnehmung von Vorstand und Kapitalmarkt.
Für die Wirkung von Künstlicher Intelligenz nennt Busch mehrere beobachtbare Effekte: Effizienz und Effektivität sollen steigen, Ressourcen werden geschont, und Innovationen sollen schneller umgesetzt werden. Diese Argumentation passt zu dem, was viele Unternehmen bei Industrial-KI inzwischen in der Praxis sehen: KI-Anwendungen liefern nicht nur bessere Prognosen, sondern sie verändern auch, wie Teams planen, warten, steuern und entscheiden. Gerade in Anlagen- und Prozessumgebungen entscheidet dabei oft das Zusammenspiel aus Modellgüte, Datenqualität und Betriebskontinuität über den Nutzen. In so einem Umfeld wird der Ruf nach schnellerer regulatorischer Klarheit verständlich, weil sich Integrationsprojekte über Monate ziehen und währenddessen technische Iterationen stattfinden.
Mit Blick auf die nächsten Schritte lässt sich aus Buschs Aussagen eine klare Priorität ableiten: Regulatorische Prozesse müssen schneller werden, ohne die Validierung komplett auszublenden. Denn wenn sich KI-Modelle im Produktionskontext so dynamisch entwickeln, dass Zulassungen stets hinterherlaufen, entstehen zusätzliche Kosten für Neuberechnungen, Re-Trainings und Re-Qualifizierungen. Zugleich bleibt der Wettbewerbsdruck mit Blick auf China hoch, weil dort aus seiner Sicht KI schneller in neue Produkte einfließt. Für Siemens und andere Industrieunternehmen heißt das: KI-Investitionen werden weiter relevant bleiben, aber die Fähigkeit, regulatorische Anforderungen mit technischer Entwicklung zu synchronisieren, wird zunehmend zum strategischen Vorteil.
Dass Busch die Investitionslage als nachhaltig einstuft, setzt einen Ton für die nächsten Quartale. Wenn die Nachfrage nach KI-Rechenzentren wie erwartet nicht abreißt, dürfte die Industrie in den Aufbau zusätzlicher Kapazitäten und in Automatisierung rund um KI-Workloads weiter investieren. Entscheidend bleibt dabei jedoch, dass diese Investitionen auch dann planbar bleiben, wenn sich Modelle und Datenanforderungen weiterentwickeln. Genau hier liegt die von Busch formulierte Forderung an die EU: weniger Wartezeit bis zur Zulassung, damit technische Fortschritte nicht durch Zeitverzug entwertet werden.
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