LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-Startup treibt die Idee voran, Adobe-Software in Open-Source-Form nachzubauen. Der Entwickler setzt dabei auf KI-gestützte Reverse-Engineering-„Clean-Room“-Methoden und startet mit einer Suite aus sieben Apps. Vorgesehen sind unter anderem Werkzeuge für Bild- und Videobearbeitung, Layout sowie PDF-Funktionen. Gleichzeitig macht er eine sehr ambitionierte Roadmap zur Annäherung an Funktionsgleichheit, während rechtliche Risiken wegen „Trade Dress“ im Raum stehen.

„Software is over“: Startup baut KI-gestützte Open-Source-Klone von Adobe
„Software is over“: Startup baut KI-gestützte Open-Source-Klone von Adobe (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Slogan klingt nach Kapitulation gegenüber dem klassischen Software-Ökosystem: „Software is over“. Dahinter steht aber weniger Provokation als ein konkreter Engineering-Ansatz. Das Startup Artcraft, das zuvor als „controllable AI for artists“ auf eine präzise Nachbearbeitung von KI-erzeugten Bildern und Videos gesetzt hatte, bringt nun eine neu ausgerichtete Open-Source-Suite an den Start. Nach eigenen Angaben umfasst das Projekt sieben Anwendungen, die sich explizit an der Bedienlogik und Werkzeuglandschaft von Adobe-Programmen orientieren – von Bildbearbeitung und Vektor-Design über Schnitt und Farblook bis hin zu Layout und Acrobat-ähnlichen Funktionen.

Technisch beruht der Weg dorthin laut Entwickler auf „AI-powered reverse engineering“, also einem Verfahren, bei dem die gewünschte Funktionalität nachgebaut wird, ohne den Code des Zielprodukts 1:1 zu übernehmen. Besonders betont wird dabei die „Clean-Room“-Perspektive: Der Entwickler erklärt, er habe das Zielbild nicht einfach kopiert, sondern in einen Rust-basierten Implementierungsprozess überführt. Zusätzlich gibt es WebAssembly-Versionen, damit Teile der Funktionalität auch im Browser nutzbar sein sollen. Für Unternehmen und Entwickler ist das relevant, weil damit nicht nur eine Desktop-App imitiert wird, sondern perspektivisch auch eine plattformübergreifende Ausführung möglich wird – ein häufiges Hindernis bei „Ersatz“-Projekten, die sonst bei unterschiedlichen Laufzeitumgebungen scheitern.

Als zentrale KI-Komponente nennt der Entwickler Claude Opus 5.5, das für die Erstellung der Ersatzimplementierungen herangezogen wurde. Die neue App-Suite bietet dabei nicht nur Schnittstellen zu Drittmodellen, sondern enthält auch eine Anknüpfung an das vorbestehende Artcraft-Portfolio: Tokenbasierter Zugriff soll die Finanzierung leisten, während ein visuelles KI-Modell und eine passende IDE als Bildgenerierungs-Option innerhalb der Apps integriert sein sollen. Genau hier zeigt sich eine typische Musterentscheidung in der KI-Tooling-Welt: Man versucht, Open-Source-Clients zu bauen und dennoch die Kosten der modellnahen Komponenten über eine klar definierte Monetarisierung abzufedern. Der Entwickler stellt außerdem klar, dass die Arbeit nicht als Nebenprojekt mit kleinem Wartungspersonal gedacht sei, sondern als Teamvorhaben, das langfristig an Popularität und Stabilität wachsen soll.

In der Produktkommunikation setzt Artcraft gleichzeitig auf Tempo und auf Messlatten, die es schwer machen, das Ganze nur als „Spielerei“ abzutun. In einem Reddit-Post formulierte der Entwickler das Ziel, innerhalb eines Monats auf 100% Feature-Parität zu kommen, und revidierte das später auf „99% parity“, die in Monaten statt Jahren erreichbar sein soll. Kritiker auf Plattformen wie Hacker News weisen dabei auf den aktuellen Reifegrad hin: Eine „super early alpha“ bedeutet in der Praxis fast immer, dass Funktionen zwar sichtbar sind, aber noch nicht zuverlässig über alle Workflows hinweg laufen. Trotzdem ist die Richtung bemerkenswert, weil sich Reverse-Engineering-Projekte üblicherweise entweder auf minimale Funktionssets beschränken oder lange für kompatible UX und robuste Dateiformate benötigen.

Die Diskussion bekommt jedoch eine zweite Ebene, die über die reine Implementierung hinausgeht: rechtliche Risiken. Der Entwickler verweist auf die grundsätzliche rechtliche Zulässigkeit von Reverse Engineering; zugleich könnte Artcraft aber Probleme bekommen, wenn der „trade dress“ zu nah an der vertrauten Aufmachung und Bedienoberfläche von Adobe-Produkten bleibt. Der Begriff meint im Kern die Gesamterscheinung, die Nutzer mit einem Hersteller verbinden – also nicht nur einzelne Features, sondern auch Anordnung, visuelle Sprache und Interaktionsmuster. Genau diese Punkte sind für die angestrebte „Look, feel, and functionality“-Nähe zentral. Für Projektverantwortliche ist das eine praktische Lektion: Technische Äquivalenz ist das eine, marken- und designnahe Ähnlichkeit das andere; beides zusammen erhöht den Prüfungsaufwand, selbst wenn die Implementierung sauber genug ist.

Marktseitig passt das Vorhaben in eine breitere Entwicklung, in der KI-Assistenz zunehmend nicht nur bei der Erstellung von Inhalten, sondern auch bei der Beschleunigung von Software-Engineering eingesetzt wird. Der Schritt von KI-gestützter Programmierung hin zu KI-gestütztem Nachbau und generativem Clean-Room-Syntheseprozess ist dabei der eigentliche Trendtreiber: Er verschiebt den Aufwand von „Monatelange Detail-Reverse-Engineering-Arbeit“ zu „schnellere Prototypen mit iterativer Verifikation durch Community-Reports“. Für Unternehmen, die heute Alternativen prüfen, ist das spannend, weil ein Open-Source-Client theoretisch leichter in eigene Workflows integrierbar ist – etwa über eigene Pipelines, Dateikonvertierungen und CI-gestützte Qualitätssicherung. Gleichzeitig sollten Entscheider realistisch bleiben: In einer frühen Alpha ist die Kompatibilität mit komplexen Projekten, Plugins oder anspruchsvollen Formaten meist der Engpass, nicht die Bedienoberfläche allein.

Für die nächste Phase dürfte es daher weniger darum gehen, ob Artcraft „Adobe ersetzen“ will, sondern ob das Team den Sprung von sichtbarer Funktionsähnlichkeit zu belastbarer Alltagstauglichkeit schafft. Wenn die Roadmap tatsächlich in Monaten messbar wird, wäre das ein Signal an den Entwickler-Ökosystem, dass die Hürde für Tooling-Nachbauten sinkt – zumindest für solche Komponenten, die sich klar testen lassen. Ob sich daraus eine nachhaltige Konkurrenz zu etablierten Suites entwickelt, hängt aber nicht nur von Feature-Listen ab, sondern ebenso von Dateikompatibilität, Performance und der Fähigkeit, UI- und UX-Details ohne rechtliche Reibung zu abstrahieren. „Clean-room“ und „Open Source“ sind dabei nicht automatisch ein Schutzschild; sie sind vor allem Arbeitsmethoden, die in der Praxis beweisen müssen, dass die Ähnlichkeit auf Funktionsebene endet und nicht in ein zu dichtes visuelles Abbild kippt.


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