NEW YORK CITY / LONDON (IT BOLTWISE) – Die PR-Agentur SolComms hat im August ein befristetes Remote-Experiment gestartet: 53 Mitarbeitende arbeiteten einen ganzen Monat von überall. Das Unternehmen verlangt sonst vier B?rotage pro Woche, ließ den Monatsversuch aber bewusst als „Work from Anywhere“ laufen. CEO Bruno Solari absolvierte den Zeitraum selbst in Spanien und besetzte dabei weiterhin Meetings und Kundenanrufe. Die Ergebnisse fallen laut Mitarbeiterfeedback und Umsatzentwicklung gemischt, aber insgesamt positiv aus.

Dass Remote-Arbeit derzeit in vielen Unternehmen eher zurückgefahren wird als ausgebaut, zeigt auch der Kontrast im Fall von SolComms: Die New Yorker PR-Agentur arbeitet eigentlich mit dem Prinzip „vier B?rotage pro Woche“. Im August ging das Startup dagegen einen ungewöhnlichen Mittelweg und gewährte allen 53 Mitarbeitenden für genau einen Monat „Work from Anywhere“. Statt den Homeoffice-Anteil schrittweise zu erhöhen, wurde ein klar begrenztes Zeitfenster geschaffen, in dem die Organisation ihre Prinzipien zur Erreichbarkeit, zu Meetings und zur Arbeitsdisziplin neu austesten konnte.
Technisch wirkt das auf den ersten Blick wie eine reine HR-/Arbeitszeitentscheidung, in der Praxis hing der Versuch aber stark von operativen Spielregeln ab. SolComms definierte eine feste Kernarbeitszeit von 9 bis 17:30 Uhr EST, hielt in Videomeetings durchgängig die Kameras eingeschaltet und erwartete, dass Mitarbeitende sich so kleiden, als würden sie ins B?ro gehen. Dazu kamen auch „weiche“ Leitplanken: Slack-Statusupdates wurden großzügig genutzt, Pausen (einschließlich Mittagspause) sollten bewusst eingeplant werden, und sensibler Content durfte nicht in öffentlichen Räumen über Bildschirme oder Anrufe nach außen dringen. Für eine Agentur ist das besonders relevant, weil der Kommunikationsrhythmus eng getaktet ist und etwa bei Kundenterminen oder Abstimmungen kurzfristige Rückkopplungen nötig sind.
Der CEO machte den Unterschied zwischen Theorie und gelebter Kultur dabei unmittelbar sichtbar: Bruno Solari blieb im August selbst in Spanien, verbrachte dort eine Woche auf Ibiza, zog danach weiter über Madrid, M?laga, Marbella bis nach Barcelona und kam zwischenzeitlich für eine Junggesellenabschied-Feier nach Ibiza zurück. In dieser Phase arbeitete er weiterhin im üblichen Takt mit Meetings und Kundenanrufen. Genau dieser Punkt war auch der Kern seiner Begründung: Er wollte nicht, dass sich die Mitarbeitenden ein „Ungleichgewicht“ zwischen Führungsvorgabe und gelebter Praxis einreden. Damit setzte das Unternehmen nicht auf das klassische Modell „wir erlauben Homeoffice“, sondern auf die deutlich anspruchsvollere Variante „wir erlauben den kompletten Monatswechsel – aber mit klaren Erwartungswerten“.
Marktseitig passt das Experiment in eine Phase, in der viele Konzerne die Remote-Flexibilität wieder enger definieren. In den gleichen Monaten wurden Pläne bekannt, bei denen Remote-Arbeitsmodelle reduziert und B?roregeln verschärft werden sollen. Gleichzeitig zeigt Forschung zu Büroanforderungen, dass die Nachfrage nach fünf B?rotagen wieder ansteigt: Der Flex Index weist den Anteil von Fortune-500-Unternehmen, die fünf Tage im B?ro verlangen, zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 von 13 Prozent auf 24 Prozent aus. Auch Befragungsdaten eines Anbieters von Videokonferenzsoftware kommen zu einem ähnlichen Bild: In den USA arbeiten demnach 25 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im hybriden Modell, wobei drei B?rotage die häufigste Vorgabe sind, bevor 65 Prozent Vollzeit vor Ort arbeiten und 10 Prozent Vollzeit remote.
Für SolComms fiel die Bilanz nach dem ersten Remote-Monat zunächst eindeutig aus – zumindest in den Bewertungen. 21 Mitarbeitende nahmen laut Umfrage teil; 76 Prozent gaben an, produktiver gewesen zu sein, 90 Prozent wollten ihre Work-Life-Balance beibehalten, und 100 Prozent wollten den „Work from Anywhere August“ im nächsten Jahr wiederholen. Mehrere Rückmeldungen betonten dabei zwei Effekte, die man sonst oft nur getrennt sieht: bessere Selbststeuerung durch die neue Umgebung und eine klarere Kommunikationsdisziplin, weil Statusmeldungen und Erreichbarkeitsfenster sichtbarer werden. Dazu kam für viele die eingesparte Pendelzeit als unmittelbarer, spürbarer Vorteil.
Gleichzeitig blieb das Bild nicht rosig. Mitarbeitende beschrieben auch den Druck, dauerhaft „am Rechner verfügbar“ zu sein, und nannten es anfangs schwer, emotional und organisatorisch abzuschalten. Das spiegelt einen bekannten Remote-Effekt: Wo ein gemeinsamer Arbeitsort als „Grenzmarker“ fehlt, verschwimmt die Trennung zwischen Arbeits- und Privatmodus leichter – selbst wenn die Stunden exakt eingehalten werden. Auch Pausen lassen sich zu Hause zwar planen, aber sie wirken im Alltag oft weniger selbstverständlich als im B?roalltag. Solari ordnete das als Folge mangelnder Transparenz über Flexibilität ein: Entscheidend sei, immer wieder deutlich zu machen, dass gute Ergebnisse nicht daran hängen, wer als Erstes antwortet.
Finanziell versuchte das Startup, die weichen Resultate mit harten Kennzahlen zu unterlegen. Nach Angaben des Unternehmens stieg der Umsatz von Juli auf August moderat um 4 Prozent und dann von August auf September um 12 Prozent. Solari hat außerdem zugesagt, das Programm im August 2027 wieder aufzulegen. Für deutsche Beobachter lässt sich daraus vor allem eine praktische Schlussfolgerung ableiten: Ein befristeter Remote-Zeitraum muss nicht automatisch auf Kosten von Produktivität und Geschäftsergebnis gehen – solange Erwartungen an Kommunikation, Erreichbarkeit und Sicherheitsgrenzen konsequent definiert und im Alltag nachweisbar umgesetzt werden.
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