LONDON (IT BOLTWISE) – Jim Paulsen warnt vor erhöhter Korrekturgefahr beim S&P 500 und verweist auf fünf konkrete Warnsignale. Besonders skeptisch macht ihn die saisonale Schwäche im September, kombiniert mit zu optimistischem Sentiment und ambitionierten Gewinnwachstums-Erwartungen. Auch Bewertungsniveaus nah an Rekorden sowie makroökonomische Bremsfaktoren wie starker US-Dollar und Zinsdruck spielen laut seiner Analyse zusammen. Entscheidend dürfte sein, ob sich die Gewinnrevisionen weiter abkühlen und ob der nächste US-Arbeitsmarktbericht das Bild bestätigt.

Der US-Aktienmarkt steht saisonal oft unter Spannung, doch Jim Paulsen interpretiert die Gemengelage derzeit deutlich konkreter: In einer Kolumne auf Substack („Paulsen ‚Perspectives‘“) stellt er mehrere Faktoren nebeneinander, die seiner Einschätzung nach kurzfristig in eine Korrektur münden können. Während es in den vergangenen Wochen bereits eine kleine Verschnaufpause gab, sieht Paulsen darin eher den Auftakt zu einer Phase, in der Bewertungsniveau, Stimmung und Konjunkturindikatoren nicht mehr sauber zueinanderpassen. Seine Kernbotschaft lautet nicht, dass ein Bärenmarkt „automatisch“ folgt, sondern dass die Risiken gegenüber dem, was der Markt aktuell einpreist, asymmetrisch nach oben zeigen.
Als erstes Argument nennt Paulsen die historische Schwäche im September. Laut Daten von Yardeni Research gilt der September seit 1928 als der schwächste Börsenmonat des Jahres: Der S&P 500 verliert im Schnitt rund 1 Prozent. Für die Aussagekraft ist für ihn aber weniger die durchschnittliche Bewegung entscheidend als die Häufung deutlich stärkerer Rückschläge in diesem Zeitraum. Dazu kommt ein zweiter saisonaler Punkt: Der Oktober verläuft im langjährigen Mittel zwar etwas freundlicher, das Jahrestief wird an den US-Märkten jedoch historisch häufig zwischen dem 10. und 12. Oktober markiert. Genau dieses Muster, kombiniert mit einem „zu glatten“ Marktgefühl, würde in Paulsens Logik eher für vorsichtige Positionierung sprechen.
Eng mit der Saison verknüpft Paulsen seinen zweiten Komplex: die Anlegerstimmung und die Bewertung relativ zu längerfristigen Trendlinien. Der Stimmungsindikator „Investors Intelligence“ – von Paulsen als bevorzugter Maßstab genannt – lag Mitte August bei 3,88 auf einer Skala von etwa 0,5 bis 5. Werte über 4 gelten historisch als Warnsignal für den Aktienmarkt. Dazu passt laut seiner Darstellung, dass sowohl der S&P-500-Kurs als auch der Gewinn je Aktie nahe an Rekordhochs im Verhältnis zu ihren langfristigen Trendlinien notieren. Als Beispiel führt er den Aufschlag zur Tech-Blase an: Nur auf dem Höhepunkt der Technologieblase im März 2000 fiel die Relation höher aus.
Im dritten und vierten Warnsignal verdichtet sich die Idee, dass der Markt nicht nur „warmgelaufen“, sondern auch strukturell zu optimistisch auf Wachstum setzt. So sei die Marktkapitalisierung defensiver Aktien im S&P 500 auf 17 Prozent der gesamten Indexkapitalisierung gefallen und damit nahe einem Rekordtief. Wenn Investoren Defensives zugunsten von Risikoaktiva reduzieren, ist das historisch häufig ein Kontraindikator – Bank-of-America-eigene Auswertungen zum Bull-& -Bear-Indikator werden dabei mit 9,6 von 10 Punkten genannt. Das signalisiere extreme Sorglosigkeit, was Paulsen in sein Gesamtbild einordnet. Gleichzeitig liegt die Konsensschätzung für den Gewinn je Aktie des S&P 500 auf Zwölfmonatssicht fast 90 Prozent über dem Zehnjahresdurchschnitt der tatsächlich ausgewiesenen Gewinne; Paulsen beziffert den Aufschlag seit 1990 im Mittel dagegen nur auf rund 32 Prozent.
Aus dieser Erwartungshaltung leitet Paulsen ein weiteres Risiko ab, das weniger mit „Rezession als Schreckgespenst“ zu tun hat, sondern mit der Mechanik, wie aus Gewinnoptimismus Kurssteigerungen werden. In seiner Argumentation taucht deshalb die Einschätzung von Savita Subramanian auf, Leiterin für US-Aktien und quantitative Strategie bei Bank of America: Langefristig hohe Wachstumserwartungen seien historisch negativ mit künftigen Aktienrenditen korreliert gewesen. Für die kommenden zwölf Monate nennt Bank of America daraus ein Abwärtsrisiko von 7 Prozent für den S&P 500 – und damit eine Größenordnung, die direkt in Paulsens Korridor von 10 bis 20 Prozent hineinpasst. Interessant ist hier die Verzahnung von Bewertung und Erwartung: Wenn die Gewinnentwicklung bereits im Konsens „vorweggenommen“ wird, bleiben Enttäuschungen häufiger nicht bei der Makroebene, sondern schlagen auf die Revisionen der Schätzungen durch.
Makroseitig sieht Paulsen mehrere Bremsen, die in Summe eine Wachstumsdelle mit Zeitverzug erzeugen könnten. Er nennt einen starken US-Dollar, hohe Ölpreise, anhaltende Inflation sowie eine flacher werdende Zinskurve. Zusätzlich spielen steigende Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen eine Rolle. Laut Paulsen wirkt das Wachstum zeitlich versetzt etwa sechs bis zwölf Monate gedämpft. Dazu kommen Indikatoren wie ein sinkendes Verhältnis von Haushaltsdefizit zur Wirtschaftsleistung und ein langsameres Geldmengenwachstum. Als möglichen Frühhinweis interpretiert er außerdem den Arbeitsmarktbericht zu Juli: Dort wurde ein unerwarteter Verlust von 23.000 Arbeitsplätzen gemeldet, obwohl Ökonomen zuvor ein Plus erwartet hatten. Ob das Muster Bestand hat, soll sich für Paulsen entsprechend im nächsten US-Arbeitsmarktbericht Anfang September zeigen.
Im letzten Warnblock richtet Paulsen den Blick auf die Dynamik der Gewinnschätzungen. Für das dritte Quartal 2026 seien die Prognosen für den Gewinn je Aktie nur noch um 0,89 Prozent angehoben worden – nach einem Anstieg von 1,16 Prozent nach den Zahlen zum ersten Quartal. Nick Raich, Analyst bei Earnings Scout, mahnt, dass die positive Dynamik bei den Gewinnschätzungsrevisionen nachgelassen habe. Nach seiner Lesart ist eine „ausgewachsene“ Bullenmarkt-Umkehr erst dann signalisiert, wenn die Verlangsamung über zwei aufeinanderfolgende Quartale anhält und gleichzeitig die Kurse steigen. Paulsens eigener Mittelweg bleibt dabei differenziert: Er erwartet trotz allem keine ausgewachsene Rezession, sieht jedoch ausgeprägte Rezessionsängste, die noch vor Jahresende eine Korrektur des S&P 500 und einen Bärenmarkt im Technologiesektor auslösen könnten. Für Unternehmen und Anleger heißt das: Nicht nur die Richtung ist relevant, sondern vor allem, wie schnell Erwartungen in den Zahlen nachziehen – und wie stark ein mögliches Risiko-Shift dann in der Bewertung sichtbar wird.
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