JOINT BASE ANDREWS (MARYLAND) / LONDON (IT BOLTWISE) – Gen. Douglas Schiess übernimmt als Chief of Space Operations die Führung der US Space Force. Bei seinem Amtsantritt verknüpft er das Ziel der Abschreckung im Orbit mit dem Risiko, nach einem Angriff zu langsam nachrüsten zu können. Ein aktueller RAND-Bericht kritisiert, dass die Branche allein nicht zuverlässig genug die kritische Infrastruktur für die nationale Sicherheit wieder aufbauen kann. Schiess setzt daher auf klare Politik, mehr Nachwuchsprogramme und gezielte Automatisierung, um die Lücke im Militär- und Industrieworkforce-Plan zu schließen.

Gen. Douglas Schiess ist am 3. September neuer Chief of Space Operations der US Space Force geworden. Der Wechsel folgt auf die Pensionierung von Gen. B. Chance Saltzman, der das über knapp sieben Jahre gewachsene Kommando fast vier Jahre lang leitete. In einer Zeremonie am Joint Base Andrews in Maryland knüpft Schiess seine Prioritäten direkt an das strategische Kernziel der Space Force an: Raumüberlegenheit als Voraussetzung für Wohlstand und nationale Sicherheit. Aus technischer Sicht ist das allerdings nur die eine Seite der Medaille, denn Raumüberlegenheit entscheidet sich im Alltag nicht nur an Sensoren und Trägerraketen, sondern auch an der Frage, wer im Ernstfall Systeme schnell reparieren, ergänzen und ersetzen kann.
Schieß’ zentrale Botschaft an die Organisation lautet, dass Abschreckung funktionieren soll, bevor es zu einem Konflikt kommt. In seinen vorbereiteten Aussagen und späteren Bemerkungen als Top-Officer betont er, dass mögliche Gegner täglich daran arbeiten, US-Raumfähigkeiten zu stören, zu verschlechtern oder zu zerstören. Besonders im Fokus stehen dabei Bedrohungen aus dem Orbit, wobei in den veröffentlichten Texten vor allem China genannt wird; Russland wird dabei im Vergleich als weniger stark gewichtet. Entscheidend ist, wie diese Lageeinschätzung in operative Anforderungen übersetzt: Wenn Angriffe gegen Satelliten, Bodensysteme oder Kommunikations-/Navigationselemente nicht isoliert bleiben, sondern ganze Funktionalitäten treffen, entsteht ein massiver Druck, wieder einsatzfähige Kapazitäten in kurzer Zeit aufzubauen.
Genau an diesem Punkt setzt RAND mit dem Bericht „Breaking Glass, Missing Hands“ an, der last week veröffentlicht wurde. Die Kernaussage: Sollte die Abschreckung scheitern und es käme zu einem Konflikt im Weltraum mit China oder Russland, fehlt den USA kurzfristig eine ausreichend belastbare Workforce, um zerstörte militärische Raum-Infrastruktur schnell zu rekonstruieren. Das ist weniger eine Debatte über die Zahl an Arbeitskräften im Allgemeinen, sondern über die Verfügbarkeit von konkret ausgebildeten Menschen in der Verteidigungs- und Zulieferindustrie – also in Bereichen wie Qualifizierung, Fertigung, Integration, Test und Instandhaltung von sicherheitsrelevanten Raumsegmenten. RAND argumentiert zudem, dass Unternehmen zwar bereits viel selbst leisten können, etwa durch Ausbildungsmodelle und durch Maßnahmen zur Bindung qualifizierter Talente, die eigentliche Richtung aber nur über staatliche Politik verbindlich gesetzt werden kann.
Aus dem Bericht ergeben sich mehrere politisch-praktische Hebel, die Schiess als CSO in den Zusammenhang mit den nationalen Sicherheitsprioritäten stellen kann. RAND fordert erstens eine klare Policy, die die Workforce der Defense-Industrial-Base mit konkreten sicherheitspolitischen Zielbildern verknüpft. Zweitens geht es um den Einstieg: RAND empfiehlt, Praktika und Stipendien auszubauen und Space-Karrieren stärker zu bewerben. Drittens wird die Frage der Nachwuchsplanung über ROTC verknüpft: Absolventen sollen ihren Dienst nicht zwingend sofort „off-site“ abarbeiten müssen, sondern nach dem Abschluss bei genehmigten nationalen Sicherheitsunternehmen arbeiten können, die sich auf Raumfähigkeiten konzentrieren. Viertens rückt auch die technische Entlastung in den Fokus: RAND regt an, Automatisierung gezielt zur Schließung von Workforce-Lücken einzusetzen, während parallel mehr Menschen in qualifizierte Raumjobs hineinbewegt werden sollen.
Technisch betrachtet ist „Automatisierung“ hier kein Schlagwort, sondern betrifft typische Engpassabschnitte entlang der Produktions- und Betriebswertschöpfungskette. In der Praxis können Automatisierungsansätze beispielsweise bei wiederkehrenden Prüf- und Testschritten helfen, bei der Standardisierung von Fertigungs-Workflows oder bei der Unterstützung durch digitale Zwillinge und modellbasierte Validierung. Entscheidend bleibt jedoch, dass solche Automatisierung nur dort nachhaltig skaliert, wo ausreichend Fachwissen vorhanden ist, um Parameter zu setzen, Qualitätskriterien zu definieren und in Ausnahmefällen korrekt zu reagieren. Genau deshalb ist RANDs Schwerpunkt auf „Missing Hands“ so stringent: Selbst die beste Toolchain bringt nichts, wenn das Personal fehlt, das die Systeme in sicherheitskritischen Umgebungen verantwortet.
Der Arbeitskräfteaspekt lässt sich zudem nicht losgelöst vom Markt betrachten. Während Verteidigungsministerien und zivile Raumprogramme in verschiedenen Ländern hohe Budgets in die Sicherung souveräner Sensorik stecken, zeigt sich am Beispiel Pixxel, wie stark sich der Industriesektor durch private und international vernetzte Fertigungs- und Expansionsprogramme bewegt. Pixxel, der hyperspektrale Satellitenbetreiber mit Büros in Indien und den USA, hat laut den vorliegenden Angaben eine Series C über 100 Mio. USD abgeschlossen, um die eigene Satellitenproduktion in den USA auszubauen und künftig größere, leistungsfähigere Satelliten für einen globaler werdenden Kundenkreis zu liefern. Für die Space-Force-Perspektive ist das relevant, weil neue Fertigungskapazitäten nur dann schnell in sicherheitskonforme Lieferketten übersetzt werden können, wenn auch die Engineering- und Produktionsrollen entsprechend verfügbar sind.
Für Unternehmen, die mit der US-Verteidigungsindustrie zusammenarbeiten oder in absehbarer Zeit in deren Wertschöpfungsketten einsteigen wollen, wird die nächste Phase damit weniger von einzelnen Ankündigungen bestimmt, sondern von der Umsetzung der Workforce-Politik. Wenn Schiess als CSO die Prioritäten der Space Force wirklich mit den Empfehlungen von RAND zusammenführt, dürfte der Fokus auf Kooperationsmechanismen zwischen Regierung und Industrie steigen: von genehmigten Einstiegswegen über Qualifizierungsprogramme bis hin zu klaren Rahmenbedingungen, wie Automatisierung in kritischen Prozessen helfen soll, ohne die Qualitäts- und Sicherheitsverantwortung auszulagern. Am Ende geht es um Geschwindigkeit im Krisenfall – nicht nur um Geschwindigkeit beim Starten von Raketen, sondern um Geschwindigkeit bei Aufbau, Integration und Betrieb von Raumfähigkeiten, wenn im Orbit tatsächlich etwas ausfällt.
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