LONDON (IT BOLTWISE) – Der Geopolitik-Analyst Peter Zeihan hält SpaceX’ Konzept für Rechenzentren im Erdorbit für physikalisch unplausibel und nennt den Aufbau eines Gigawatt-Systems extrem aufwendig. In seiner Rechnung wären für die Infrastruktur allein rund 500 Starship-Starts nötig, während Abschirmung und Kühlung den Aufwand massiv treiben würden. Auch Modellrechnungen aus der Energieberatung bleiben teuer, und auf einer Handelsplattform werden die Erfolgschancen für einen operativen Start vor 2029 mit 14 % beziffert. Gleichzeitig zeigt der Blick auf SpaceX’ Verträge: Das KI-Geschäft läuft vorerst weiterhin über terrestrische Rechenzentren.

SpaceX positioniert sich seit dem Einstieg in die KI-Wertschöpfung zunehmend als mehr als nur Raketenbetreiber – doch genau dort prallt nun eine besonders harte Skepsis auf, nämlich bei der Idee, KI-Rechenleistung dauerhaft im Erdorbit bereitzustellen. Im Zentrum steht dabei ein Konzept für Rechenzentren „im All“, das Elon Musk Investoren im Zuge des Börsenprozesses als perspektivischen Entwicklungspfad skizziert hatte. Zeihan, bekannt für geopolitische Analysen, stellt nicht primär die Marktnachfrage in Frage, sondern die physikalische Umsetzbarkeit: In einem Video auf seinem YouTube-Kanal bezeichnete er den Plan als „auf so vielen Ebenen de4mlich“. Der Kern seiner Argumentation ist dabei die Kombination aus Strahlungsbelastung, Abschirmungsbedarf und realistischen Kosten für eine Gigawatt-nahe Leistungsklasse.
Technisch beginnt die Debatte bei der Energieableitung und der Frage, wie man Hochleistungschips im Vakuum zuverlässig betreiben soll. Zeihans Rechnung geht von einem Rechenzentrum mit rund 1 Gigawatt Leistung im Orbit aus; allein für den Aufbau einer solchen Infrastruktur kommt er auf etwa 500 Starship-Starts. Entscheidender Punkt: Chips und Rechenkomponenten seien seiner Einschätzung nach im All nicht „ungeschützt“ strahlungsresistent. Deshalb müsse die gesamte Anlage abgeschirmt werden, was in seiner Herleitung zusätzlich rund 20 Millionen Pfund an Masse bedeuten wfcrde. Aus Systemsicht ist das eine doppelte Belastung: mehr Startmasse bedeutet mehr Launch-Kapazität und mehr Material, und beides wirkt sich direkt auf die wirtschaftliche Skalierung aus.
Daneben verschärft sich das Kühlungsthema, weil sich klassische irdische Ansätze im All nur eingeschränkt übertragen lassen. Anders als auf der Erde gebe es im Vakuum weder Luft noch Wasser, die die Abwärme der Grafikprozessoren effizient abtransportieren könnten. Zeihan leitet daraus ab, dass allein Kühlrippen mit einer Fläche von mehreren Zehn Quadratkilometern erforderlich wären – also eher eine großskalige Struktur als ein „kompaktes“ Satelliten-Design. Für diese Konstruktion nennt er eine Größenordnung von rund 250 Milliarden US-Dollar Kosten. Selbst wenn man diese Zahl als Worst-Case interpretiert, ist die Logik plausibel: In verteilten Raumfahrtarchitekturen hängt die Wirtschaftlichkeit stark davon ab, ob man den thermischen Footprint pro zusätzlichem Recheneinheit sinnvoll begrenzen kann.
Wall-Street-Modelle zeichnen im Ton zwar ein weniger dramatisches Bild, aber bleiben ebenfalls deutlich teuer. Laut Berichten über Energie-Modellierungen kommt Wood Mackenzie in einem Szenario auf Gesamtkosten von rund 170 Milliarden US-Dollar für ein orbitales Rechenzentrum mit 1 Gigawatt Leistung – damit immer noch ungefähr das Dreifache einer vergleichbaren Anlage auf der Erde. Noch unmittelbarer wird die Unsicherheit über den Markteintritt in so genannten Wetten bzw. Wahrscheinlichkeiten auf einer Prognoseplattform: Dort wird die Chance, dass ein orbitales Rechenzentrum mit 1 Megawatt Leistung noch vor Januar 2029 den Betrieb aufnimmt, mit 14 % bewertet, obwohl SpaceX als Zieljahr 2028 nennt. Bis 2035 steigt die Wahrscheinlichkeit laut dieser Logik auf 39 % – das signalisiert zwar nicht zwingend Scheitern, aber eine deutliche Verzögerungs- und Unsicherheitsprämie.
Während diese Punkte die Machbarkeit und das Timing adressieren, verschiebt sich die strategische Frage für Unternehmen schnell auf die Frage, wann der Nutzen im Betrieb überhaupt entsteht. Laut Börsenunterlagen positioniert SpaceX das Unternehmen in Richtung eines vertikal integrierten KI-Anbieters und nennt den Start erster orbitaler KI-Rechensatelliten frühestens für 2028. Technisch knüpft der Plan dabei an sehr konkrete Zielgrößen: mehr als 100 Kilowatt pro Tonne als Leistungskennzahl und ein langfristiges Ziel von 100 Gigawatt pro Jahr an gestarteter Kapazität. Doch das „eigentliche“ Geschäft läuft in der Zwischenzeit offenbar terrestrisch. Nach der Übernahme von xAI im Februar 2026 steht SpaceX bei seinen Investoren nicht als reiner Start-up-Raketenspekulationsfall da, sondern als Anbieter von Rechenkapazitäten über etablierte Rechenzentren.
Genau hier wird sichtbar, wie eng Technik und Finanzlogik gekoppelt sind: Anthropic zahlt SpaceX seit Mai 2026 monatlich 1,25 Milliarden US-Dollar bis Mai 2029 für Kapazitäten in den terrestrischen „Colossus“-Rechenzentren; beide Seiten können den Vertrag mit einer Frist von 90 Tagen kündigen. Für die Bewertung der Orbital-Idee heißt das: Selbst wenn das All-Projekt scheitern oder sich stark verzögern sollte, gibt es in der Übergangsphase zahlungswirksame Einnahmen. Umgekehrt bleibt aber im Prospekt-Rahmen ausdrücklich, dass die orbitalen Rechenleistungskerne auf Technologien basieren, deren Wirtschaftlichkeit noch nicht bewiesen ist. Bis zum nächsten belastbaren Anhaltspunkt – SpaceX’ eigener Zieltermin 2028 für die ersten orbitalen Testsatelliten – bleibt daher offen, ob Zeihans physikalische Einwände oder die vorsichtiger optimistischen Modellannahmen der Marktseiten die Realität besser treffen.
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