LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Carbonsate will in Namibia Buschholz luftdicht vergraben und so Kohlenstoff langfristig aus dem Kreislauf ziehen. Gründerin Johanna Bröll beschreibt das Projekt als Versuch, physisch CO₂ zu entfernen, bevor Zertifikate ausgestellt werden. Aus Deutschland reist das Team an, setzt Sensorik zur Abdichtung ein und verkauft die gesicherten Mengen über einen Online-Marktplatz. Kritiker wie Greenpeace zweifeln dennoch, dass freiwilliger Klimaschutz ohne belastbare Qualitätsprüfung dauerhaft Vertrauen schafft.

In der namibischen Savanne erledigt ein Bagger eine Aufgabe, die auf den ersten Blick nach dauerhafter „Endlagerung“ aussieht: Er schüttet Buschholz in eine große Grube und sorgt dafür, dass die Holzstücke anschließend unter einer schwarzen Kunststofffolie versiegelt werden. Johanna Bröll, Mitgründerin des Unternehmens Carbonsate, beschreibt genau diese Luft- und Feuchtigkeitsarmut als entscheidende Bedingung, damit der enthaltene Kohlenstoff nicht wieder verrottet und damit langfristig im Boden bleibt. Technisch betrachtet geht es dabei um eine sehr konkrete Variante des Carbon Removal: Nicht nur eine Idee wird verkauft, sondern ein physischer Zustand im Depot, der mit Sensoren überwacht werden soll.
Damit wird ein Prinzip adressiert, das bereits in der klassischen Landnutzung gut bekannt ist: Pflanzen binden CO₂ aus der Atmosphäre, weil sie während des Wachstums Kohlenstoff in ihre Biomasse einbauen. Stirbt die Pflanze später ab und wird verbrannt oder zersetzt sich das Holz, gelangt dieser Kohlenstoff wieder in den Kohlenstoffkreislauf. Carbonsate versucht, genau diese Rückkopplung zu unterbrechen, indem es Holz gezielt dem biologischen Abbau entzieht und das Depot so kapselt, dass Sauerstoff und Feuchtigkeit nicht nach außen gelangen. Unterstützt wird das durch Überwachung der Depotbedingungen, sodass das Projekt nicht nur auf Annahmen, sondern auf messbaren Randbedingungen beruht.
Der praktische Aufwand ist allerdings sichtbar und lässt sich schwer wegdiskutieren: Bagger und Lkw benötigen Treibstoff, Folien müssen produziert und transportiert werden, und das Team fliegt von Deutschland nach Namibia. Bröll ordnet das Verhältnis zwischen eigener Emission und gesichertem Kohlenstoff ein und nennt als grobe Orientierung, dass die selbst verursachten Emissionen etwa vier Prozent der Menge ausmachen, die eingelagert werden soll. Wirtschaftlich wird das Projekt zusätzlich auf eine klare Erlöslogik gebaut: Für den eingelagerten Kohlenstoff verkauft Carbonsate CO₂-Zertifikate über den Online-Marktplatz „Senken“. Zu den genannten Kunden zählen Unternehmen wie die Deutsche Telekom, Vorwerk oder die Versicherung Hanse Merkur, die Zertifikate erwerben, um eigene CO₂-Emissionen auszugleichen.
Auf der wissenschaftlichen Seite wird das Vorhaben vor allem an einer Frage gemessen: Löst die Methode mehr aus als sie kostet? Axel Don, Vize-Chef des Thünen-Instituts für Agrarklimaschutz, stuft die Holzbiomasse in Namibia als klein ein im Vergleich zum globalen Bedarf, betont aber zugleich die Notwendigkeit, CO₂-Entnahme-Methoden auszuprobieren. Seine Argumentation zielt darauf, dass die Welt Zeit verloren habe und mittelfristig ohne solche Technologien nicht auskommen werde, auch wenn Entnahme im Regelfall aufwändiger ist als das Vermeiden neuer Emissionen. Don macht dabei auch auf eine potenzielle Zielkonfliktlinie aufmerksam: Holz als Rohstoff könnte künftig dringend gebraucht werden, etwa wenn Produkte, die heute aus Erdöl hergestellt werden, stärker pflanzlich basierten Materialien weichen.
Genau an dieser Schnittstelle setzt die Diskussion um Qualität und Vertrauen an. Die EU hat mit dem „Carbon Removal Certification Framework“ Regeln aufgestellt, die den freiwilligen Zertifikatehandel erstmals staatlich regulieren; dabei geht es der Kommission um die Festlegung von Methoden, die CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Laut Quelle werden derzeit vor allem etablierte Herangehensweisen betrachtet, zum Beispiel das gezielte Herausfiltern von CO₂ aus der Luft, während die Biomasselagerung nach Darstellung von Bröll künftig ebenfalls in den Instrumentenkasten aufgenommen werden könnte. Für Unternehmen kann das entscheidend sein, weil die Zertifikatevergabe damit stärker an nachvollziehbaren Qualitätsanforderungen hängt und nicht ausschließlich an individuellen Projektversprechen.
Gleichzeitig bleibt die Skepsis in Teilen der Umweltbewegung deutlich. Karsten Smid von Greenpeace hält die EU-Regulation zwar für notwendig, seine Hoffnung sei aber begrenzt, dass sie gegen Betrügereien hilft, die in den vergangenen Jahren beobachtet worden seien. Er räumt außerdem ein, dass nicht per se jedes Kompensationsprojekt Greenwashing sei, empfiehlt aber Unternehmen, Projekte sehr genau zu prüfen und bevorzugt in lokale Aktivitäten zu investieren. Bröll kontert den Konflikt zwischen „möglichst günstig einlagern“ und „wertvolle Rohstoffe“ mit einem betriebswirtschaftlichen Blick: Wenn man es rein ökonomisch betrachte, müsse man auch schauen, wo sich Kohlenstoff auf der Welt am günstigsten einlagern lasse, und das sei vermutlich nicht in Westeuropa.
Auch die lokale Perspektive spielt im Projekt eine Rolle, selbst wenn das ökonomische Modell erst noch skaliert. Bröll verweist darauf, dass das Konzept zugleich helfen kann, die Verbuschung der Savannen zurückzudrängen, also eine Entwicklung abzubremsen, die dort die Landschaft verändert. In der Quelle heißt es, dass die Ablehnung vor Ort bislang nicht stark ausgeprägt gewesen sei, weil erklärt werde, dass im Buschholz Kohlenstoff steckt. Carbonsate ist zudem erst in der frühen Phase: Das Startup trägt sich nach eigener Einschätzung noch nicht aus Umsätzen, Bröll erwartet aber spätestens in zwei Jahren Profitabilität. Einen konkreten Preisrahmen liefert sie ebenfalls: Eine Tonne CO₂, die nicht freigesetzt wird, soll bei 120 bis 150 Euro liegen.
Damit steht das Projekt an einer Stelle, an der Klimaschutz, Marktmechanik und Regulierung unmittelbar aufeinanderprallen. Wenn Carbonsate tatsächlich CO₂ „physisch“ entfernt und dann erst Zertifikate ausstellt, versucht es, den in der Vergangenheit erkennbaren Vorwurf zu adressieren, dass Geld für nutzlose Projekte ausgegeben wurde und Unternehmen sich damit „grün waschen“ konnten. Der nächste Prüfstein wird weniger die Idee selbst sein als die Übertragbarkeit: Funktioniert die luftdichte Kapselung über Zeiträume, wie stabil bleiben die Depotbedingungen unter realen Feldbedingungen, und wie robust wird die Verifizierung im Zusammenspiel mit den europäischen Zertifizierungsregeln? Für den Markt bedeutet das vor allem eines: Solche Ansätze könnten nur dann breitere Adoption finden, wenn Qualitätssicherung, Sensorik und Nachweisketten Schritt für Schritt so eng werden, dass skeptische Stimmen wie die von Greenpeace nicht dauerhaft Grund zur Sorge haben.
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