HEFEI / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fordert die deutsche Wirtschaft in China auf, die eigenen Stärken stärker sichtbar zu machen. Er verbindet das Selbstbewusstsein mit dem Hinweis auf die anhaltende Bedeutung technologischer Kooperationen, etwa in der Wissenschaft. Gleichzeitig mahnt er das wachsende Handelsungleichgewicht an und will die wirtschaftlichen Instrumente in Europa neu ausrichten. Beim Besuch des VW-Entwicklungszentrums in Hefei zeigt sich, wie eng Industrieentscheidungen dort mit dem Wettbewerb in China verknüpft sind.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei seinem Staatsbesuch in China vor allem eines adressiert: die außenwirtschaftliche Positionierung deutscher Unternehmen. In Hefei sagte er, man staune in China „vielleicht“, wie stark Deutschland und deutsche Technologie nach wie vor wertgeschätzt würden. Aus dieser Beobachtung leitete er eine klare Handlungsrichtung ab: Die deutsche Wirtschaft solle mit Selbstbewusstsein auftreten und dürfe das eigene Leistungsniveau nicht unterschätzen. Der politische Appell ist dabei mehr als Rhetorik, denn er trifft auf einen Markt, in dem deutsche Technik häufig schon heute in konkreten Wertschöpfungsketten steckt – und in dem die nächste Wettbewerbsstufe über Tempo, Automatisierung und Softwarefähigkeit entschieden wird.
Technisch betrachtet wird in derartigen Industriegesprächen oft an derselben Stellschraube gedreht: an der Geschwindigkeit von Entwicklung und an der Fähigkeit, Produkte nicht nur mechanisch, sondern als softwaregetriebene Systeme zu denken. Genau auf dieses Muster zielt der Besuch im VW-Entwicklungszentrum in Hefei. Laut den Angaben vor Ort arbeitet der Standort mit mehr als 3.000 Fahrzeug- und Software-Ingenieuren und ist damit die größte Entwicklungsbasis des Konzerns außerhalb Deutschlands. Dass Steinmeier dort auf die „In China fü r China“-Strategie eingeht, ist auch eine technische Aussage: Für den chinesischen Markt werden Fahrzeuge und Software so ausgelegt, dass sie Anforderungen schneller aufnehmen, die sich über Plattformen, Assistenzsysteme und digitale Services fortlaufend ändern.
Der Kontext der Rede wird besonders deutlich, wenn Steinmeier die Sorgen um das Handelsungleichgewicht benennt. Er verweist auf das jährlich wachsende Handelsdefizit zwischen China und Europa und ordnet das Problem nicht als Einzelfall, sondern als Ungleichgewicht ein: Ein Handelsüberschuss, den China anhäuft, bringt das bisher erfolgreiche Modell wirtschaftlicher Zusammenarbeit „in eine Inbalance“. Konkrete Zahlen unterstreichen die Dimension: Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China betrug im vergangenen Jahr knapp 90 Milliarden Euro. China exportierte im Wert von 170,6 Milliarden Euro nach Deutschland, deutsche Exporte nach China lagen bei 81,3 Milliarden Euro. EU-weit betrug das Defizit laut EU-Handelskommissar Maros Sefcovic im ersten Halbjahr 2026 fast 197 Milliarden Euro. Damit wird klar, dass der politische Wunsch nach Fortsetzung der Zusammenarbeit parallel eine nüchterne Überprüfung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verlangt.
Für Unternehmen stellt sich daraus die Frage, wie „Fortsetzung zum beiderseitigen Nutzen“ praktisch aussieht. Steinmeier betont, die wirtschaftliche Zusammenarbeit solle nicht aufhören, aber anders ausbalanciert werden. Genau hier wird die Rolle europäischer Wirtschaftsinstrumente relevant, die er ausdrücklich neu sortieren möchte. Auf der operativen Ebene heißt das: Handels- und Investitionsentscheidungen werden stärker darauf geprüft, ob Wertschöpfung in beide Richtungen fließt – etwa durch gemeinsame Entwicklung, qualifizierte lokale Produktion oder durch Partnerschaften in Bereichen wie Anwendungssoftware, Automobildaten und industrielle Prozesssteuerung. Gerade in wettbewerbsintensiven Branchen ist diese Perspektive entscheidend, weil Kostenvorteile allein selten reichen, wenn Lieferketten, Innovationszyklen und Regulatorik gleichzeitig unter Druck stehen.
Der VW-Besuch in Hefei zeigt zudem, wie die Industrie auf den Wettbewerbsdruck reagiert. Ralf Brandstätter, der Geschäftsführer der Volkswagen Gruppe China, ordnete die Strategie als Antwort auf einen immer intensiver werdenden Wettbewerb in China ein. Laut seinen Angaben fokussiert sich das Entwicklungsteam dort auf smarte Elektrofahrzeuge und entwickelt keine Verbrenner mehr. Der Standort soll neue Autos 30 Prozent schneller und bis zu 40 Prozent günstiger realisieren als zuvor. Auch ohne ins Detail zu gehen, lässt sich daraus eine typische Logik ableiten: Wer in kurzer Zeit Seriennähe und Software-Iteration zusammenbringt, reduziert die „Time-to-Market“-Lücke. Das kann wiederum die Chancen verbessern, nicht nur bestehende Produkte zu exportieren, sondern Entwicklungsoptionen im Zielmarkt schneller zu erweitern.
Damit verknüpft sich auch die strategische Dimension von Kooperationen: Steinmeier sagt, die ersten Gespräche der Wissenschaftsvertreter hätten gezeigt, wie wichtig Kooperationen im technologischen Bereich weiterhin seien. Wissenschaftliche Zusammenarbeit ist in diesem Umfeld mehr als akademischer Austausch, weil sie häufig in messbare Entwicklungsbausteine übersetzt wird, etwa in Materialien, Fertigungsprozesse oder datengetriebene Diagnose- und Optimierungsverfahren. Für deutsche Akteure heißt das: Selbstbewusstsein im Marktauftritt muss sich in belastbaren Engineering-Partnerschaften spiegeln, die sowohl technische Exzellenz liefern als auch wirtschaftlich verwertbar sind. Gleichzeitig bleibt die politische Leitplanke erhalten, dass Handelsungleichgewichte adressiert werden müssen, ohne den Grundgedanken einer Zusammenarbeit aufzugeben.
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