LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie des IMDEA Networks Institute zeigt, dass Chatbots wie ChatGPT, Gemini und weitere Anbieter Nutzerdaten an Drittanbieter weiterreichen. Besonders heikel ist, dass bei einzelnen Services Permalinks zu Konversationen mit externen Trackern teilbar sind. Zusätzlich melden einige Anbieter automatisch erzeugte Chat-Zusammenfassungen an Werbepartner. Selbst ein Ablehnen optionaler Cookies oder der Inkognito-Modus soll laut Studie kaum wirksam gegen das Tracking helfen.

Im Zeitalter der KI-gestützten Assistenten rückt eine unbequeme Frage in den Vordergrund: Was passiert mit dem, was Nutzer in einen Chat schreiben, nachdem die Antwort generiert wurde? Eine vorläufige Studie des IMDEA Networks Institute kommt zu dem Schluss, dass alle neun untersuchten Chatbot-Anbieter Nutzerdaten an Dritte weitergeben. In der Untersuchung tauchen unter anderem ChatGPT, Claude, Gemini, Grok, DeepSeek, Perplexity, Le Chat, Meta AI und Microsoft Copilot auf. Laut den Forschern reicht das Empfängerspektrum von Werbetrackern bis zu externen Dienstleistern, die teils sogar auf ganze Chatverläufe zugreifen können.
Technisch setzt der Befund genau dort an, wo KI-Dienste im Browser typischerweise ohnehin eingebettet sind: beim Laden von Webinhalten und bei der Auslieferung von JavaScript-basierten Komponenten. Besonders kritisch wird es, wenn beim Browser-Zugriff sogenannte Permalinks zu Konversationen mit Datentrackern geteilt werden. Fünf der neun untersuchten Anbieter nutzen nach Studienangaben dabei Verknüpfungen, die ohne besondere Zugangsbeschränkungen erreichbar sind. Dadurch könnten Dritte theoretisch vollständige Unterhaltungen einsehen. Die Forscher stützen diese Aussage unter anderem mit sogenannten Canary-URLs, digitalen Fallen, die bei Zugriff Alarm auslösen.
Ein konkretes Beispiel aus der Studie liefert Grok: Dabei sollen die Canary-URLs laut den Angaben mehrfach auch nachgelagert noch ausgelöst haben. Das deutet in der Lesart der Wissenschaftler auf wiederholte externe Zugriffe hin, nicht nur auf einmalige Tests. Daneben beschreibt die Studie einen zweiten Datenpfad: Drei der neun Anbieter sollen automatisch generierte Chat-Zusammenfassungen an Werbepartner weiterleiten. Gerade diese Zusammenfassungen können Informationen enthalten, die über reine Nutzeranfrage hinausgehen – etwa Gesundheits- oder Gehaltsfragen. Als Empfänger werden dabei unter anderem Meta, TikTok und Google genannt.
Die Studie macht den Mechanismus außerdem an einer breiteren Tracker-Landschaft fest. Auch die Ablehnung optionaler Cookies soll demnach kaum Abhilfe schaffen: In der untersuchten Konfiguration bleiben laut den Autoren 80,8 Prozent der Drittanbieter-Tracker aktiv. Ebenso wenig ergebe sich ein deutlicher Unterschied zwischen kostenlosen und Premium-Konten. Insgesamt identifizieren die Forschenden 44 Tracking- und Werbe-Drittanbieter, darunter mehrere, die in anderen Kontexten ohnehin für Messung, Attribution und Analyse bekannt sind. In der Liste tauchen unter anderem Google-Dienste, Sentry, Meta, Datadog und Intercom auf; zusätzlich werden TikTok, Apple und X als beteiligt genannt.
Um diese Weiterleitungen nachzuweisen, greifen die Autoren auf ein Konzept aus der Cybersicherheit zurück. Der Begriff Canary-URL leitet sich ab von Canary Tokens, also in Dateien oder URLs eingebetteten digitalen Fallen, die beim Zugriff Daten wie IP-Adresse und Zugriffszeitpunkt an Verteidiger übermitteln. In früheren Einsatzszenarien werden solche Tokens genutzt, um unerwünschten Zugriff früh zu erkennen. Der Ursprung des Namens wird in der Studie ebenfalls erklärt: Kanarienvögel zeigten in Bergwerken giftige Gase an, bevor die Situation für Menschen gefährlich wurde. Übertragen auf den Webkontext dient die gleiche Idee dazu, unbemerkte Weiterleitungswege transparent zu machen.
Für Unternehmen ist die Auswirkung zweigeteilt: Erstens verschiebt sich die Risikoanalyse von der reinen Modellqualität hin zur gesamten Datenverarbeitungskette im Frontend. Wenn KI-Chat-Dienste Tracking-Infrastrukturen aus dem Werbe- und Analyseumfeld integrieren, können sensible Nutzerinformationen in neue Pfade geraten – auch dann, wenn der Nutzer keine explizite Freigabe erteilt hat. Zweitens betrifft das die praktische Auswahl und Steuerung von KI-Tools im Betrieb: IT- und Datenschutzverantwortliche müssen nicht nur auf Trainings- oder Speicherpolitik schauen, sondern auch darauf, welche externen Drittanbieter im Browser-Zugriff eingebunden sind, wie Permalink-Freigaben umgesetzt werden und ob Funktionen wie Zusammenfassungen zusätzliche Datenabflüsse erzeugen. Gerade in Unternehmensumgebungen, in denen Chats potenziell personenbezogene oder vertrauliche Inhalte enthalten, wird eine saubere KI-Governance damit unmittelbar relevant.
Die Studie liefert damit keine reine Schlagzeile, sondern ein messbares Argument für strengere technische Kontrollen. Gleichzeitig zeigt der Befund, wie schwer es ist, mit Standard-User-Optionen wie Cookie-Ablehnung oder Inkognito-Modus automatisch Privatsphäre zu erzwingen, wenn Tracking über andere Mechanismen weiterläuft. Für die nächste Phase bedeutet das: Unternehmen sollten KI-Tools möglichst transparent testen, etwa über kontrollierte Browser-Sessions, gezielte Beobachtung von Netzwerkrequests und klare Regeln, welche Kategorien von Prompts intern überhaupt erlaubt sind. So wird aus der Einordnung „KI ist neu“ ein belastbarer Sicherheits- und Datenansatz, der mit der tatsächlichen Implementierung der Dienste Schritt hält.
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