LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Beratungsstudie warnt, dass sich grüne Rohstahlproduktion in Mitteleuropa ohne massiven politischen Support nicht wirtschaftlich darstellen lässt. Als Folge nennt sie die Auslagerung der energieintensiven Rohstahlerzeugung, während vor allem die Weiterverarbeitung und das Recycling wettbewerbsfähig bleiben sollen. Gewerkschaftskreise und ein Ökonom sehen darin ein Risiko für die Versorgung und rechnen im Extremfall mit sehr hohen Wertschöpfungsverlusten. Gleichzeitig wird beschrieben, wie Projekte in Regionen wie dem Oman in Direktreduktionsanlagen mit perspektivischem Wasserstoff-Betrieb vorangehen.

Die Debatte um grünen Stahl bekommt mit einer neuen Branchenstudie eine harte wirtschaftliche Kante: Laut PwC lassen sich Primär- und Rohstahlprozesse in Mitteleuropa in den kommenden Jahren nicht zu konkurrenzfähigen Kosten betreiben. Entscheidend sei dabei nicht nur die Wahl des Energieträgers, sondern die Gesamt-Preisstruktur bei Energie und Rohstoffen. Die Studie stellt ausdrücklich klar, dass es sowohl für die Variante mit Wasserstoff als auch für die traditionelle Erzeugung über Kohle-Hochöfen „keine“ wirtschaftliche Primärstahlproduktion in den betrachteten Szenarien gebe. Damit verschiebt sich der Fokus von Technologieversprechen hin zu Standortlogik: Wo Strom und Vorprodukte deutlich günstiger sind, wird der wirtschaftliche Schwerpunkt für die frühe Wertschöpfungsstufe eher dorthin wandern.
Technisch argumentiert die Studie vor allem entlang der Produktionskette. Während die eigentliche Rohstahlerzeugung als energieintensiv beschrieben wird, sieht PwC für „wissensintensive“ Bereiche wie die Weiterverarbeitung und die Stahlgewinnung aus Schrott eine wettbewerbsfähige Zukunft. Das ist mehr als ein Schlagwort, denn Schrottbasierte Routen hängen in der Praxis stark von Logistik, Sammelquoten und EAF-Kapazitäten ab, während die Umstellung auf grüne Primärstahlerzeugung vor allem an Strom-, Wasserstoff- und Systemkosten hängt. Als realistische Alternative für neue Kapazitäten nennt die Studie insbesondere Skandinavien als künftigen Standort für grüne Stahlproduktion. Gleichzeitig empfiehlt sie, die energieintensive Rohstahlproduktion ins Ausland auszulagern, um die Verfügbarkeit von Vormaterial in der Region nicht dem Kostendruck zu überlassen.
Als Kontrastbeispiel führt PwC die Sonderwirtschaftszone Duqm im Oman an: Dort errichtet der indische Stahlkonzern Jindal mehrere moderne Direktreduktionsanlagen mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen pro Jahr. Die Anlagen sollen nach Angaben im Text Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen und zunächst mit omanischem Erdgas laufen. Danach ist ein Umstieg auf Wasserstoff vorgesehen, der ebenfalls kostengünstig im sonnenreichen Südarabien erzeugt werden kann. Genau diese Logik – erst übergasen, dann dekarbonisieren – trifft auf ein Mitteleuropa, das parallel die Transformation seiner Erzeugungsanlagen in Richtung Green Steel plant. PwC beschreibt aber, dass angekündigte europäische Green-Steel-Projekte bereits in großer Zahl verschoben, gestoppt oder beim Umfang reduziert wurden: ArcelorMittal habe Transformationspläne für Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt aufgegeben und zugesagte Fördermittel in Milliardenhöhe nicht genutzt, Thyssenkrupp habe die Ausschreibung für grünen Wasserstoff für eine Direktreduktionsanlage in Duisburg ausgesetzt und befinde sich „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit“.
Gewerkschaftskreise stellen dieser Standortoptimierung eine klare Versorgungsperspektive entgegen. Die IG Metall warnt vor einem Ende der Rohstahlproduktion, weil Stahl als Grundstoffindustrie unverzichtbare Inputs für nachgelagerte Sektoren liefert – genannt werden Bauwirtschaft, Maschinenbau und Automobilindustrie. Der Sprecher der Industriegewerkschaft ordnet das Risiko zudem arbeitsmarktbezogen ein: Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze in Deutschland entfielen laut Darstellung auf stahlintensive Branchen. Damit wird das Argument verschoben: Selbst wenn einzelne Folgestufen technisch und organisatorisch „wissensintensiv“ bleiben können, entscheidet die Rohmaterialbasis darüber, ob Lieferketten stabil und Produktionsstandorte in der Breite erhalten bleiben.
Der Ökonom Patrick Kaczmarczyk ergänzt die Diskussion um ein geopolitisches und preisliches Element. Er hält ein Aus der heimischen Stahlproduktion ebenfalls für gefährlich und verweist darauf, dass viele neue grüne Stahlanlagen in Regionen rund um die Straße von Hormus entstehen. Weil die Route im Kontext des Iran-Konflikts in den vergangenen Monaten stärker beeinträchtigt gewesen sei, seien die Spritpreise deutlich gestiegen. Kaczmarczyk warnt dabei vor der Wahrscheinlichkeit künftiger Stahl-Lieferengpässe, weil die Route durch das Rote Meer durch Huthi-Angriffe ebenfalls störanfällig geworden sei. Diese Argumentation zielt auf eine robuste Industrie: Nicht nur der heutige Preis für Energie und Wasserstoff zählt, sondern auch die Resilienz der Transport- und Lieferketten, die einen Standortwechsel in die Ferne mit einschließt.
Rechnerisch wird das Risiko schließlich noch einmal zugespitzt. Kaczmarczyk berechnet gemeinsam mit Tom Krebs in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung, dass der deutschen Wirtschaft bei einem globalen „Stahlschock“ ohne nennenswerte eigene Produktion ein Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro drohen könnte. Genau hier liegt der Zielkonflikt zwischen PwC und dem gewerkschaftsnahen Ansatz: PwC leitet aus der Kostenlage die Auslagerung ab, während Kaczmarczyk den Aufbau wettbewerbsfähiger grüner Rohstahlproduktion in Mitteleuropa als realistisch beschreibt – allerdings unter Bedingungen staatlicher Unterstützung. Er nennt industriepolitische Stellschrauben mit konkreten Preisansätzen: einen Industriestrompreis von 50 Euro je Megawattstunde, einen Wasserstoffpreis von 120 Euro je Megawattstunde sowie eine Investitionsförderung von 50 Prozent. Damit wird die Diskussion weniger über „ob“ und mehr über „wie“ geführt: Welche Förderlogik, welche Marktmechanismen und welche Zeitlinien nötig sind, damit Umstellung und Investitionen nicht erneut ins Stocken geraten.
Für die weitere Entwicklung bedeutet das: Die Stahlbranche steht ohnehin unter Druck, etwa durch Überkapazitäten und eine schwankende Nachfrage. Laut Darstellung gingen seit dem Jahr 2008 in der europäischen Stahlindustrie rund 100.000 Jobs verloren, weitere Entlassungen gelten als möglich. Neue EU-Schutzzölle sollen die heimische Produktion gegenüber billiger Konkurrenz aus China, Indien und der Türkei schützen. Ob solche Zölle ausreichen, hängt jedoch davon ab, ob der Kostennachteil bei der Primärstahlerzeugung technisch und vor allem energetisch geschlossen wird. Wenn die politischen Rahmenbedingungen die Umstellung in Richtung Wasserstoff nicht beschleunigen, könnte sich der Markt nach den Szenarien der Studie tatsächlich so entwickeln, dass Mitteleuropa in 10 bis 15 Jahren weniger oder keine Rohstahlerzeugung mehr aufrechterhält – und dann müssten Folgestufen mit veränderten Beschaffungskosten und potenziell instabilen Lieferbedingungen wirtschaften.
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