WROCŁAW / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine weltweite Auswertung mit Frauen aus 51 Ländern findet keinen robusten Zusammenhang zwischen dem Wechsel der hormonellen Verhütung und der Intensität von Liebe. Die Forschenden untersuchten u. a. Vertrautheit, Leidenschaft und Bindung über die Triangular Theory of Love. Selbst wenn es in einem Modell einen kleinen Rückgang der Leidenschaft gab, war der Effekt nicht stabil über alle Modelle hinweg. Damit rückt vor allem eine nüchterne Alltagsbotschaft in den Fokus: Für die meisten Frauen dürfte eine Umstellung die bestehende Beziehung kaum spürbar verändern.

Wer hormonelle Verhütung beginnt, pausiert oder umstellt, macht sich häufig auch Gedanken über die Wirkung auf die Beziehung. Genau an dieser Schnittstelle setzt die jetzt in Scientific Reports veröffentlichte Untersuchung an. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass das Ändern der Nutzungsgewohnheiten – also etwa von „angewendet“ zu „nicht angewendet“ oder umgekehrt – im Regelfall keine belastbare Verschiebung der Beziehungsqualität auslöst. Zentral sind dabei nicht nur Gesamturteile zur Zufriedenheit, sondern auch Teilaspekte der Liebe.
Technisch-biologisch wird die Erwartung vieler Menschen oft über die Hormonwirkung erklärt: Hormonelle Kontrazeption unterdrückt nach dem Prinzip der Ovulationshemmung die Freisetzung einer Eizelle und stabilisiert damit den hormonellen Rhythmus. In der Studie wird dieser Mechanismus als Grund dafür angeführt, dass sich der körpereigene Zustand in Richtung eines „nicht-fertilen“ Fensters verschiebt. Typischerweise geht das mit Veränderungen einher, die in der Forschung mit Stimmung, Wohlbefinden und auch mit sexueller Motivation in Verbindung gebracht werden, wobei insbesondere das System um Oxytocin im Raum steht – ein Neurotransmitter, der in der populären Wissenschaft mit Bindung und Vertrauen verknüpft wird.
Für die psychologische Brücke arbeitet die Studie mit zwei Hypothesen, die die Beziehung zwischen Biologie und Partnerpräferenzen bzw. Beziehungszufriedenheit logisch koppeln. Die Ovulatory-Shift-Hypothese beschreibt, dass Partnerpräferenzen je nach Zyklusphase variieren können: In Hochfruchtbarkeitsphasen würden demnach eher maskulinere Merkmale attraktiv wirken, während in nicht-fertilen Phasen stärker fürsorgliche und verlässliche Eigenschaften in den Vordergrund rücken könnten. Die Congruency Hypothesis geht darüber hinaus und sagt, dass Zufriedenheit besonders dann erhalten bleibt, wenn der Kontrazeptionsstatus über Zeit konsistent bleibt. Das bedeutet im Kern: Nicht nur „Nutzen ja/nein“ zählt, sondern ob die hormonelle Situation im Beziehungsverlauf stabil bleibt.
Um die Annahme breit zu prüfen, nutzten die Forschenden semi-repräsentative Stichproben aus 51 Ländern und Regionen. Ausgehend von einer ersten Rekrutierung von 10.482 Teilnehmenden konzentrierte sich die Primäranalyse auf 2.224 Frauen, die zum Zeitpunkt der Erhebung in einer romantischen Beziehung waren und 45 Jahre oder jünger waren. Durchschnittlich waren diese rund 32 Jahre alt, die mittlere Beziehungsdauer lag bei etwa acht Jahren. Wichtig ist die Operationalisierung: Die Befragten wurden gefragt, ob sie die hormonelle Kontrazeption zu Beginn der Beziehung genutzt hatten und ob sie sie zum Erhebungszeitpunkt nutzten; anschließend wurden Gruppen gebildet, ob die Nutzung gleich blieb oder sich über die Zeit änderte.
Die Auswertung teilt damit 1.611 Frauen in die Gruppe ein, die seit dem Kennenlernen „konsistent“ blieb – also entweder durchgängig einnahm oder durchgängig nicht einnahm. Weitere 613 Frauen zeigten ein inkonsistentes Muster, weil sie die Kontrazeption nach dem Kennenlernen starteten oder absetzten. Zur Messung von Liebe nutzte das Team die Triangular Theory of Love: Vertrautheit (emotionale Nähe und gegenseitiges Verstehen), Leidenschaft (physische Anziehung, sexuelles Verlangen, romantische Erregung) und Bindung (bewusste Entscheidung, die Beziehung aktiv aufrechtzuerhalten). In den statistischen Modellen wurden außerdem Variablen wie Alter, Beziehungsdauer und sozioökonomischer Status berücksichtigt.
Das Ergebnis fällt klar aus: Die Analysen lieferten keine robuste Unterstützung für die Congruency Hypothesis. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in Beziehungszufriedenheit, Vertrautheit oder Bindung zwischen Frauen mit wechselnden Nutzungsgewohnheiten und denen mit konstantem Kontrazeptionsstatus. Auch die Frage nach dem aktuellen Nutzungsstatus blieb ohne klaren negativen Effekt: Frauen, die zum Zeitpunkt der Erhebung hormonelle Verhütung verwendeten, berichteten eine ähnliche Intensität von Liebe und Zufriedenheit wie diejenigen, die sie nicht nutzten. In einem Modell fand sich allerdings ein sehr kleiner Rückgang der Leidenschaft um etwa 1,6 %, doch dieser Effekt war nicht über alle Modellvarianten hinweg robust, weshalb die Autorinnen und Autoren ihn selbst als potenziell vorsichtig zu interpretieren markieren.
Die Studie schränkt ihre Aussagekraft gleichzeitig realistisch ein. Das Studiendesign ist querschnittsbasiert und „zwischen Personen“: Es werden unterschiedliche Frauen zu einem Zeitpunkt verglichen. Damit lässt sich nicht sauber entscheiden, ob Änderungen in der Verhütung Ursache für Veränderungen in der Beziehung waren. Zusätzlich bestehen typische Selektionsrisiken: Beispielsweise könnten Frauen mit ohnehin höherer sexueller Aktivität eher zur Verhütung greifen, während Personen mit ungünstigen Nebenwirkungen absetzen könnten und dadurch im „aktuellen Nutzerinnen“-Kollektiv systematisch andere Profile entstehen. Auch die statistische Power spielt eine Rolle, denn falls ein möglicher Effekt extrem klein ist, kann eine Studie ihn trotz großer Stichprobe möglicherweise nicht zuverlässig nachweisen. Die Forschenden weisen außerdem auf mögliche Verzerrungen durch Erinnerung an frühere Kontrazeptionsgewohnheiten hin und plädieren für longitudinale Designs, die denselben Personenkreis über Monate oder Jahre begleiten.
Für die Praxis bedeutet das vor allem eine Entlastung auf Populationsebene, nicht zwangsläufig ein pauschales „für jede Person immer gleich“. Gerade weil in früheren Arbeiten häufig stark westlich geprägte WEIRD-Stichproben dominierten, ist die internationale Breite in dieser Untersuchung ein wichtiger Kontext: Unterschiede in Versorgungszugang, kulturellen Einstellungen und nationalen Regelungen können das Nutzungsverhalten stark prägen, ohne dass die zugrunde liegende biologische Partnerpräferenz zwingend anders wäre. Entscheidend bleibt: In der vorliegenden Datengrundlage findet sich kein belastbarer Hinweis, dass das Umstellen hormoneller Verhütung die Liebe oder Beziehungszufriedenheit im Durchschnitt deutlich kippt – und genau diese nüchterne Evidenz dürfte vielen Entscheidungen im Alltag einen ruhigen Rahmen geben.
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