BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue DIW-Studie zeichnet ein klares Bild: In den ersten Jahren nach der Ankunft haben Geflüchtete in Deutschland besonders große Hürden bei Arztbesuchen. Neben langen Wartezeiten erschweren auch finanzielle Belastungen und weite Wege den Zugang zur Versorgung. Hinzu kommt, dass sich viele nicht sicher sind, wo sie im konkreten Fall professionelle Hilfe erhalten. Die Ergebnisse werfen damit auch die Frage auf, wie digitale Termin- und Informationsprozesse im Gesundheitssystem schneller und barriereärmer gestaltet werden können.

Studie zeigt Hürden bei Arztbesuchen für Geflüchtete in Deutschland
Studie zeigt Hürden bei Arztbesuchen für Geflüchtete in Deutschland (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutschland rückt im Gesundheitswesen an einer Stelle besonders stark unter Druck, die lange unterschätzt wurde: dem praktischen Zugang zu medizinischer Hilfe unmittelbar nach der Flucht. Wie Branchenexperten berichten, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass vor allem Geflüchtete in den ersten Jahren nach der Ankunft Hürden beim Zugang zur Versorgung erleben. In der Studie wurden Menschen befragt, die zwischen 2013 und 2022 nach Deutschland eingereist sind, darunter auch große Gruppen aus unterschiedlichen Herkunftsregionen. Der Kern der Problematik ist dabei weniger ein einzelner Engpass als ein Zusammenspiel aus Wartezeiten, Orientierungsschwierigkeiten und organisatorischen Hürden.

Technisch betrachtet ist die Versorgungslücke auch ein Schnittstellenproblem: Wer nicht weiß, welcher Weg zum richtigen Ansprechpartner führt, landet schneller in Prozeduren, die Zeit kosten. Die DIW-Ergebnisse deuten darauf hin, dass rund ein Drittel der Befragten angibt, es sei schwierig oder sehr schwierig herauszufinden, wo man im konkreten Erkrankungsfall professionelle Hilfe erhält. Diese Unsicherheit wirkt wie ein zusätzlicher „Latenzlayer“ zwischen Bedarf und Therapie. Zugleich spielt die Struktur der Versorgung mit hinein: Bei Hausärzten berichten Teilnehmende von einer vergleichsweise besseren Situation, während sich bei Facharztterminen die Wartezeit deutlich verlängert.

Die Warteschleifen sind inzwischen ein zentraler Messpunkt. Laut Studie liegt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin bei Fachärzten bei 42 Tagen, während sie 2019 noch bei 33 Tagen lag. Gerade für Geflüchtete kann das den Unterschied zwischen „früh behandeln“ und „erst später stabilisieren“ ausmachen. Von Geflüchteten aus der Ukraine berichten etwa 40 Prozent von langen Wartezeiten, und bei nicht-ukrainischen Gruppen, die nach 2021 eingereist sind, nennt ein relevanter Anteil Entfernungen als Verzögerungsfaktor. Besonders betroffen sind Menschen in ländlichen Regionen und bei schlechter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, weil Wegzeit und Terminverfügbarkeit sich gegenseitig verstärken.

Auch regulatorisch entsteht ein ungleiches Bild. Für Asylsuchende gilt zunächst das Asylbewerberleistungsgesetz; medizinische Leistungen sind demnach vor allem auf akute Erkrankungen, Schmerzzustände, bestimmte Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschaftsbehandlungen und Impfungen ausgerichtet. Weitere Behandlungen hängen stärker vom Ermessen der behandelnden Ärztinnen und Ärzte sowie der zuständigen Sozialämter ab. Diese Ausgestaltung kann in der Praxis zu einer höheren Komplexität führen, weil Anspruchsgrenzen und Entscheidungswege nicht immer transparent sind. Für Geflüchtete aus der Ukraine gilt derzeit hingegen nicht dieses Gesetz: Sozialleistungen und ein Anspruch auf Versorgung entsprechend dem regulären Status stehen im Vordergrund.

Hier kommt die politische Dynamik als weiterer Kontextfaktor hinzu: Das Kabinett hat zwar beschlossen, dass Geflüchtete aus der Ukraine, die nach dem 1. April 2025 einreisen, künftig wieder geringere Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten sollen. Allerdings ist die Beratung des Vorhabens im Bundestag noch nicht abgeschlossen. In der Summe bedeutet das für die Organisation von Versorgung, dass Planbarkeit leidet: Einrichtungen müssen mit wechselnden Rahmenbedingungen arbeiten, während Patientinnen und Patienten in der Übergangszeit besonders auf verlässliche Informationen angewiesen sind. In einer Branche, die stark auf Compliance und dokumentierte Entscheidungen setzt, wird daraus ein Risikofaktor.

Aus ökonomischer Perspektive bewertet DIW-Autorin Louise Biddle die Unterversorgung als problematisch: Wenn medizinische Hilfe in den ersten Jahren nach der Ankunft verzögert wird, kann sich der Gesundheitszustand verschlechtern und das führt langfristig zu höheren Kosten im System. Diese Argumentation passt zu einem bekannten Muster in der Versorgungsforschung: Frühintervention ist nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern reduziert Folgeaufwände. Damit rückt auch die Frage in den Mittelpunkt, wie digitale Prozesse in Krankenhäusern, Arztpraxen und Terminportalen gestaltet sein müssen, um Barrieren zu senken. Vergleichbare Ansätze werden international diskutiert; in Deutschland etwa kennen viele den Funktionsansatz von Termin- und Patientenplattformen wie Doctolib als Referenz.

Im Markt zeigt sich zudem ein deutliches Spannungsfeld zwischen „Verfügbarkeit“ und „Auffindbarkeit“. Selbst wenn Kapazitäten grundsätzlich vorhanden sind, entscheiden UX, Sprache, Kommunikationskanäle und Integrationsqualität darüber, ob Menschen diese Kapazitäten tatsächlich nutzen können. Digitale Lösungen können Terminbuchungen und Informationswege vereinfachen, doch sie müssen in bestehende Verwaltungs- und Versorgungspfade eingebettet werden, etwa in Dokumentationsprozesse, Überweisungslogiken oder Abrechnungs-Workflows. Genau hier liegt der praktische Unterschied zwischen einer reinen App-Funktion und einer tragfähigen KI-gestützten Prozesskette: Im Fokus stehen nicht nur Antworten, sondern eine zuverlässige Weiterleitung an den richtigen Leistungsträger.

Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, welche Lehren Politik und Gesundheitssystem aus solchen Ergebnissen ziehen. Eine plausible Roadmap zielt auf schnellere Informationskanäle, bessere Terminsteuerung und klarere Übergänge zwischen Leistungsarten. Denkbar ist zum Beispiel, dass regionale Versorgungsportale mehrsprachige, fallbasierte Orientierung bieten und die Terminfindung stärker an die Dringlichkeit koppeln. Aus Enterprise-Sicht würden hierfür standardisierte Datenflüsse und Sicherheitskonzepte benötigt, damit sensible Gesundheitsdaten nur in minimal erforderlichem Umfang verarbeitet werden. Gleichzeitig müssen Datenschutz und Einwilligungsprozesse so umgesetzt werden, dass sie nicht zu weiteren Hürden werden, sondern Vertrauen schaffen.

Schließlich lohnt ein Blick auf die langfristige Wirkung: Wenn Wartezeiten bei Fachärzten hoch bleiben und organisatorische Orientierung weiterhin schwerfällt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Behandlungsbedarfe ungünstig verlagern. Das betrifft nicht nur die individuelle Gesundheit, sondern auch die Auslastung von Notfallstrukturen und Reha-Planungen. Die DIW-Studie liefert damit einen Impuls, der über die akute Situation hinausgeht: Ein Gesundheitssystem, das digitale Wege barriereärmer gestaltet und regulatorische Übergänge technologisch unterstützt, kann die Versorgungsgeschwindigkeit erhöhen. Entscheidend wird sein, wie schnell Pilotansätze in skalierbare Standards überführt werden und wie robust sie auch bei politischen Änderungen funktionieren.


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