LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Umfrage zeigt: 42% von Gen Z und Millennials nehmen Telefonanrufe nicht ab, 78% berichten von spürbaren Folgen für Einkommen oder Chancen. Die Studie von RiseGuide ordnet das Verhalten als wachsende „callergy“ ein – und verweist darauf, dass digitale Kommunikationswege zwar Komfort bringen, aber Gesprächskompetenz ausbremsen können. Für Unternehmen entsteht dadurch ein doppeltes Problem: Recruiting und Onboarding werden komplexer, während zugleich die Erwartungen an schnelle, sichere Kommunikation steigen.

Telefonphobie bei Berufseinsteigern: Warum KI-Tools und Messaging den Austausch verändern
Telefonphobie bei Berufseinsteigern: Warum KI-Tools und Messaging den Austausch verändern (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass „kurze Frage, kurzer Anruf“ für viele Berufseinsteiger nicht mehr selbstverständlich ist, wirkt zunächst wie eine private Eigenheit. Doch eine aktuelle Umfrage unter 2.000 Personen aus der Generation Gen Z und dem Millennial-Segment zeichnet ein anderes Bild: 42% geben an, Telefonanrufe nicht zu beantworten. Noch deutlicher wird die Routine rund um die Vorbereitung: 58% schreiben ihre Antworten im Voraus oder üben Gespräche mental, bevor sie überhaupt abheben. Besonders relevant für Arbeitgeber ist die zweite Ebene der Studie: 78% der Befragten, die Sprechsituationen vermeiden, berichten von konkreten Nachteilen bei Verdienst oder Karrieremöglichkeiten.

Der Begriff „callergy“, den RiseGuide für die Abneigung gegen Telefonate und das Ausweichen auf Texte, E-Mails oder Social-Media-Nachrichten nutzt, beschreibt weniger ein rein emotionales Problem als eine Verschiebung der Kommunikationspraxis. Jaimee Campanella, Time-Strategist und Produktivitätsberater bei RiseGuide, argumentiert, dass Technologie heute „unzählige Wege“ bietet, reale Gespräche aufzuschieben, wodurch sich Kommunikationsfähigkeiten weniger durch Übung entwickeln. Textnachrichten und E-Mails erlauben es, Formulierungen zu prüfen und zu überarbeiten; beim Face-to-Face oder Telefonat muss man hingegen „im Moment“ reagieren. Wer schwierige Gespräche hinauszögert, steigert demnach die gefühlte Hürde – und nähert sich einem Kreislauf aus Vermeidung und steigender Anspannung.

Technisch lässt sich diese Entwicklung als Wechsel von asynchroner zu synchroner Informationsverarbeitung interpretieren. In einer idealen Welt werden Aufgaben und Entscheidungen durch Plattformen wie E-Mail, Chat-Tools oder Ticket-Systeme dokumentiert; Telefonanrufe hingegen benötigen sofortige Kontextaufnahme, spontane Rückfragen und eine höhere kognitive Belastbarkeit unter Zeitdruck. Historisch war das Telefon zwar lange „Standard“, aber gerade in der Wissensarbeit hat sich die Interaktion über den letzten Jahrzehnte zunehmend modularisiert: zuerst Fax und E-Mail, dann Instant Messaging und kollaborative Arbeitsräume. Heute ergänzen KI-gestützte Assistenten die Kommunikation zusätzlich, indem sie Entwürfe erzeugen oder Textzusammenfassungen vorschlagen. Der Effekt ist ambivalent: Für viele Rollen sinkt die Hemmschwelle, gleichzeitig kann die Fähigkeit, mündlich zu verhandeln, schwächer trainiert werden.

Am Arbeitsmarkt zeigt sich diese Spannung besonders dort, wo HR und Kandidatenkoordination ohnehin unter Zeitdruck stehen. In dem Artikel wird Adrian Poon als Beispiel genannt: Er versucht, aus befristeten Verträgen in eine dauerhaftere Position zu wechseln, und wählt bewusst den Moment, in dem er Anrufe verarbeitet – wenn er sich „im Bewerbungsmodus“ befindet. Er nimmt laut eigenen Angaben nur ab, wenn der Anrufer ein Freund ist. Zusätzlich beschreibt er die Erfahrung, wenn eine Nummer außerhalb des Kontaktspektrums auftaucht, als „Blind Box“. Auffällig ist: Nicht nur Angst, sondern auch fehlender Rahmen hilft nicht. Ein vorab geplanter Anruf mit klarer Agenda reduziert Ungewissheit, weil Kandidaten ihre Fragen und Antworten strukturieren können, statt spontan zu improvisieren.

Im Vergleich zu klassischen Recruiting-Prozessen setzen viele Unternehmen zunehmend auf planbare Video- oder Chat-Interaktionen, bei denen Erwartungen sichtbar sind. Konkurrenzprodukte aus dem Unternehmensumfeld – etwa Kalender- und Meeting-Funktionen in gängigen Kollaborationsplattformen – verstärken diesen Trend, weil sie Synchronität terminlich „verpacken“. Gleichzeitig wird in der Studie betont, dass das Stressprofil nicht linear mit dem Thema „Telefon“ allein korreliert: In RiseGuides Erhebung gilt für 1 von 10 Befragten der spontane Anruf als die stressigste Kommunikationsform, sogar noch vor Kündigungen, Dating-Trennungen oder Interviews. Das deutet darauf hin, dass der Auslöser eher das fehlende Vorwissen und die plötzliche Kontrollabgabe als nur die Stimme selbst ist.

Für Arbeitgeber entsteht damit eine klare Marktdynamik: In einem angespannten Jobmarkt können Unternehmen Kandidaten schneller über die „richtigen Kanäle“ erreichen müssen, sonst verfehlen sie Timing und Resonanz. Gleichzeitig erwarten junge Mitarbeitende, dass Kommunikation nicht nur schnell, sondern auch kontrollierbar ist: Welche Infos kommen? In welcher Reihenfolge? Gibt es Zeit zum Nachdenken? Marktbeobachter berichten, dass Personaler bereits häufiger auf schriftliche Vorabfragen, strukturierte Interview-Agenden und „Proof of Communication“-Elemente im Bewerbungsprozess setzen. Experten aus der Arbeitspsychologie würden das vermutlich mit dem Zusammenhang von Stress und Unsicherheit erklären: Wenn die kognitive Last beim Abruf steigt, sinkt die Bereitschaft, ungeplante spontane Gesprächsanlässe zu akzeptieren.

Regulatorisch und datenschutztechnisch verschiebt sich parallel auch die Verantwortung. Wenn Kommunikation in Richtung Text und Messenger wandert, rücken Fragen zu Protokollierung, Metadaten und Aufbewahrung in den Vordergrund. Telefonate erzeugen zwar auch Verbindungsdaten, doch digitale Nachrichtenkette und Cloud-Zwischenablage erhöhen häufig die Anzahl der Systeme, die potenziell Zugriff auf personenbezogene Inhalte oder Anruf-/Nachrichtenindikatoren haben. Für Unternehmen heißt das: Datenschutz-Folgenabschätzung, klare Berechtigungsmodelle und transparente Speicherrichtlinien müssen zu Recruiting-Workflows passen. Besonders im Enterprise-Umfeld gilt: Eine „Bequemlichkeitsschicht“ für Kandidaten darf nicht zu intransparenten Datenflüssen führen, etwa wenn KI-Tools beim Formulieren oder Zusammenfassen beteiligt sind.

Mit Blick auf die Zukunft lässt sich daraus eine pragmatische Roadmap ableiten. Unternehmen, die Telefonangst ernst nehmen, können Prozesse so gestalten, dass mündliche Kommunikation wieder als planbarer Kompetenzpfad erlebbar wird: etwa durch vordefinierte Gesprächsleitfäden, kurze Vorab-Infos und abgestufte Übergänge von Chat zu Voice-Calls. Gleichzeitig sollten Trainingsangebote nicht als „Pflichtübung“ verstanden werden, sondern als Assistenz in typischen Situationen wie Erstgesprächen, technischen Rückfragen oder Konfliktkommunikation. KI-gestützte Tools können dabei helfen, indem sie Entwürfe und Fragenstruktur liefern, ohne die reale Gesprächskomponente vollständig zu ersetzen. Wenn diese Balance gelingt, entsteht langfristig ein besseres Matching zwischen Kandidatenstil und Unternehmensanforderungen – und der Vermeidungseffekt kann sich in Entwicklung statt in Nachteil verwandeln.


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