LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung mit 133.733 Männern aus der UK Biobank zeigt: Ungewöhnlich hohe oder niedrige Testosteronwerte erhöhen das Risiko, später eine Depression zu entwickeln. Besonders deutlich ist der Zusammenhang bei niedrigem freiem Testosteron, das in etwa einer Verdopplung des Depressionsrisikos mündet. Über einen durchschnittlichen Zeitraum von knapp 11 Jahren erkrankten 3.701 Männer an Depression und 3.398 an Angststörungen. Die Studienautoren warnen zugleich davor, statistische Abweichungen als Grundlage für eine Testosteron-Ersatztherapie zu missverstehen.

Testosteron-Ungleichgewicht erhöht Risiko für Depression bei Männern
Testosteron-Ungleichgewicht erhöht Risiko für Depression bei Männern (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit zunehmendem Alter verändern sich die hormonellen Systeme des Mannes schrittweise, und genau diese biochemische Realität wird in der neuen Studie als möglicher Frühindikator für psychische Verwundbarkeit diskutiert. Ungewöhnlich hohe oder ungewöhnlich niedrige Testosteronwerte im Vergleich zu Männern der gleichen Altersgruppe gehen demnach mit einem erhöhten Risiko einher, später eine Depression zu entwickeln. Die Ergebnisse erschienen im Journal of Affective Disorders und knüpfen damit an ein Forschungsfeld an, das seit Jahren nach biologischen Verknüpfungen zwischen Androgenen und Stimmung sucht. Besonders interessant ist: Die Untersuchung trennt dabei zwischen Gesamt-Testosteron und freiem Testosteron – also genau der Frage, die in vielen früheren Datensätzen nicht so differenziert betrachtet wurde.

Technisch betrachtet ist die Unterscheidung entscheidend. Gesamt-Testosteron beschreibt das Hormon im Blut insgesamt, während ein großer Anteil an Proteine wie Albumin und das Sexualhormon-bindende Globulin gebunden ist und dadurch überwiegend inaktiv vorliegt. Freies Testosteron dagegen bildet nur einen kleinen Bruchteil – typischerweise etwa 1 bis 3 % des Gesamtwerts – kann aber wegen der fehlenden Bindung leichter in Zellen gelangen und dort an Rezeptoren wirken. Dass die Studie gerade bei frei verfügbarem Testosteron einen besonders starken Zusammenhang findet, passt deshalb mechanistisch zur Annahme, dass nicht nur der Hormonwert an sich, sondern die aktive Verfügbarkeit im Gewebe relevant sein dürfte. Als Rahmen liefert die Arbeit zudem bekannte Dynamiken: Testosteron beginnt bei Männern etwa ab dem 35. Lebensjahr langsam zu sinken, wobei der Rückgang über die Jahre nicht für alle Hormonformen gleich schnell verläuft.

Um den natürlichen Alterseffekt sauberer zu trennen, nutzten die Forschenden eine sehr große Kohorte: Ausgewertet wurden Gesundheitsdaten von 133.733 Männern im Alter von 40 bis 70 Jahren aus der UK Biobank. Der Analyse lagen mehrere methodische Schutzmaßnahmen zugrunde. So schlossen die Autorinnen und Autoren Personen aus, bei denen bereits zu Beginn eine Depression oder Angststörung dokumentiert war. Ebenso wurden Männer herausgenommen, die Medikamente einnahmen, die typischerweise gegen Angst oder Depression gerichtet sind, oder Verordnungen, von denen bekannt ist, dass sie die Testosteronwerte beeinflussen. Auch bei vorbestehenden testikulären Funktionsstörungen endete die Teilnahme, bevor sie in die eigentliche Modellierung floss. Statt einen einzigen Grenzwert für „zu hoch“ oder „zu niedrig“ festzulegen, verglichen die Forschenden jede Person mit anderen Männern innerhalb derselben Fünf-Jahres-Altersgruppe und definierten hormonelle Entgleisungen als Werte deutlich über oder unter dem altersbezogenen Durchschnitt.

Der zeitliche Beobachtungsrahmen betrug im Mittel nahezu 11 Jahre. Innerhalb dieses Zeitraums entwickelten 3.701 Männer eine Depression und 3.398 eine Angststörung, wobei die Analysen statistisch für zahlreiche Einflussfaktoren adjustierten. Dazu zählten unter anderem BMI, sozioökonomischer Status, körperliche Aktivität, Rauchen und Alkoholkonsum. Zusätzlich kontrollierten die Modelle für vorbestehende Erkrankungen wie Herzkrankheiten, Diabetes, chronische Schmerzen sowie Schlafprobleme. Auf dieser Basis zeigte sich: Sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Werte des Gesamt-Testosterons steigerten das Depressionsrisiko gegenüber dem Durchschnitt. Während der hohe Bereich ebenfalls auffällig war, war die Assoziation am unteren Ende des Spektrums noch stärker ausgeprägt. Bei freiem Testosteron wurde der Effekt noch klarer: Männer mit ungewöhnlich niedrigem freiem Testosteron lagen – im Vergleich zur Normalrange – bei etwa doppelter Wahrscheinlichkeit, später an Depression zu erkranken; zugleich war niedriges freies Testosteron mit einem höheren Risiko für das gleichzeitige Auftreten von Angst und Depression verbunden.

Die Studie prüfte außerdem, in welchen Lebensphasen die Risikozunahme besonders ausgeprägt ist. Dafür teilten die Forschenden die Kohorte in Altersgruppen ein und beobachteten, dass der Zusammenhang zwischen hormonellen Abweichungen und psychischen Störungen im mittleren Erwachsenenalter am deutlichsten war. So lag im Bereich der 50- bis 54-Jährigen eine Auffälligkeit des niedrigen freien Testosterons mit einem etwa fünffachen Anstieg des Risikos für Angststörungen einher. In der Gruppe der 55- bis 59-Jährigen war niedriges freies Testosteron mit mehr als dem Dreifachen des Depressionsrisikos verbunden. Zusätzlich modellierten die Autorinnen und Autoren die Zusammenhänge grafisch und fanden für freies Testosteron eine U-förmige Beziehung zu den psychischen Risiken: Wer sich zu weit oberhalb oder unterhalb des altersbereinigten Durchschnitts bewegte, zeigte ein erhöhtes Risiko. Für die späten 60er Jahre berichten die Ergebnisse allerdings, dass der Zusammenhang zwischen hohem freiem Testosteron und dem Depressionsrisiko an Stärke verliert.

Auch jenseits formaler Diagnosen lohnt sich der Blick auf die Symptom-Quantifizierung: In einer ergänzenden Analyse betrachteten die Forschenden Fragebogenwerte, die die Schwere von Angst- und Depressionssymptomen abbilden. Dort zeigte sich konsistent, dass niedriges freies Testosteron mit höheren Scores in beiden Bereichen verknüpft war. Gleichzeitig schränkt die Studie ihre Aussagekraft klar ein. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die Korrelationen sichtbar macht, aber keine kausale Ursache belegt. Außerdem wurden die Hormonwerte nur zu Studienbeginn einmal erhoben; weil Testosteron im Tagesverlauf und über längere Zeiträume schwankt, kann eine einzelne Blutentnahme den langfristigen biologischen Status nur begrenzt abbilden. Hinzu kommt, dass die Depressions- und Angstdiagnosen auf stationären Aufzeichnungen basierten, wodurch mildere Verläufe außerhalb des klinischen Rahmens möglicherweise untererfasst bleiben. Die Autorinnen und Autoren verweisen zudem darauf, dass statistische Abweichungen nicht automatisch eine medizinische Unterversorgung bedeuten und deshalb nicht als Begründung für eine Testosteron-Ersatztherapie dienen sollten.

Für die Praxis ist damit weniger ein unmittelbarer Therapienachweis gewonnen als vielmehr ein Ansatzpunkt für Risikostratifizierung. Wenn sich die Befunde in Studien mit wiederholten Hormonmessungen bestätigen, könnten frei verfügbare Testosteronwerte als biologischer Marker helfen, Männer in einer Phase des reproduktiven Alterns früher auf psychische Belastung hin zu beobachten. Das passt zur Logik des Designs, denn die Risikospitzen lagen gerade im mittleren Alter – also in einer Lebensphase, in der gleichzeitig körperliche Veränderungsprozesse und psychische Anpassungsanforderungen zusammenfallen können. Für Gesundheitssysteme und klinische Workflows wäre das vor allem dann relevant, wenn Screening-Strategien nicht nur auf Symptome reagieren, sondern Risikokonstellationen früh erkennen und damit Nachbeobachtung oder Präventionsangebote gezielter steuern. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Botschaft: Der Wert ist ein Hinweis auf Vulnerabilität, kein Diagnoseersatz und erst recht kein Automatismus für medikamentöse Intervention.


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