KINGSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) hat ihre Jahrestagung in Jamaika beendet, ohne sich auf einen internationalen Regulierungsrahmen für den Tiefseebergbau zu einigen. 172 Mitgliedstaaten verhandelten bei der fünftägigen Vollversammlung über Regeln für mögliche Abbauaktivitäten am Meeresgrund. Umweltorganisationen drängen auf ein Moratorium, da die Risiken für die bislang wenig untersuchten Ökosysteme nicht ausreichend geklärt seien. Als einzig wesentliche Entscheidung erhielten Tiefseebergbauunternehmen vorläufigen Beobachterstatus.

In Kingston ist die erhoffte Einigung über ein verbindliches Regelwerk für den Tiefseebergbau zunächst ausgeblieben. Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) konnte auf ihrer Jahrestagung in Jamaika keine gemeinsame Linie für einen internationalen Regulierungsrahmen beschließen, obwohl 172 Mitgliedstaaten bei der fünftägigen Vollversammlung intensiv über die Voraussetzungen für den möglichen Rohstoffabbau am Meeresgrund verhandelt hatten. Für die nächste Phase bedeutet das vor allem eines: Der kommerzielle Tiefseebergbau bleibt organisatorisch in Bewegung, juristisch und technisch aber weiterhin in einer Grauzone, in der Akteure ihre Positionen gegeneinander ausspielen.
Technisch geht es beim Tiefseebergbau vor allem um Manganknollen, die über Millionen Jahre entstehen und im Meeresboden Rohstoffe wie Mangan, Kobalt, Kupfer und Nickel anreichern. Diese Stoffe werden häufig in Zukunftsszenarien mitgedacht, etwa wenn Unternehmen und Zulieferer Batterien für Elektroautos herstellen wollen. Gleichzeitig zeigt der Forschungsstand bislang deutliche Lücken: Studien warnen vor großen Risiken für Ökosysteme, die bislang vergleichsweise wenig erforscht sind und deren ökologische Stabilität, Regenerationsfähigkeit und Stoffkreisläufe in der Tiefsee nicht einfach „hochgerechnet“ werden können. Genau an dieser Stelle setzt der politische Konflikt an, weil ein Abbau ohne belastbare Umweltfolgenabschätzung nur schwer als verantwortbar gilt.
Während die Staaten die Regeln nicht finalisieren konnten, fiel in Kingston immerhin eine Entscheidung, die in der Praxis spürbar ist: Tiefseebergbauunternehmen erhielten vorläufigen Beobachterstatus. WWF bedauerte, dass neben dem Haushalt nur diese eine wesentliche Weichenstellung getroffen wurde. In der Kritik wurde explizit auf laufende Untersuchungen gegen Kontraktoren und auf die wachsende Unterstützung für ein Moratorium verwiesen. „Angesichts laufender Untersuchungen gegen Kontraktoren und der wachsenden Unterstützung für ein Moratorium ist das ein falsches Signal zur falschen Zeit“, sagte Martin Webeler, Experte für Tiefseebergbau beim WWF Deutschland. Der WWF kritisierte außerdem, dass eine seit langem überfällige Überprüfung der ISA erneut verschoben wurde; dabei soll untersucht werden, ob die Behörde ihren Auftrag wirksam und zum Nutzen der gesamten Menschheit erfüllt.
Auch Greenpeace stellte das Ergebnis der Tagung in den Kontext eines Grundsatzstreits um das „Mining-Setup“ außerhalb der ISA-Strukturen. Die Organisation sieht insbesondere den Versuch eines Nicht-Mitgliedstaates wie der USA, Bergbauunternehmen den Abbau von Rohstoffen am Meeresgrund einseitig zu ermöglichen. „Die ISA muss nun geschlossen gegen Länder und Unternehmen vorgehen, die im Alleingang Tiefseebergbau betreiben wollen“, forderte Daniela von Schaper, Meeresexpertin von Greenpeace Deutschland. Damit rückt ein zweiter Flaschenhals in den Fokus: Nicht nur die technischen und ökologischen Fragen, auch die Frage nach Zuständigkeiten und Durchsetzung entscheidet, ob aus Verhandlungen am Ende tatsächlich Schutzmechanismen entstehen oder ob Teilakteure mit unterschiedlichen Rechtszugängen Fakten schaffen.
Mehrere Staaten und Umweltorganisationen fordern daher ein Moratorium statt eines sogenannten „Mining-Codes“, den die ISA zur kommerziellen Regulierung hätte ausarbeiten können. In der politischen Logik der Befürworter soll der Abbau solange verhindert werden, bis die Folgen für die Meeresumwelt wissenschaftlich geklärt sind. Der WWF nannte als Beispiele für entsprechende Positionen Mauritius, Mosambik und Kongo; zusammen vertreten diese Sicht inzwischen mehr als 45 Staaten. Für Unternehmen ist das ein hartes Signal, weil es die Planungsannahmen betrifft: Ohne klarem Regelwerk und mit steigender Wahrscheinlichkeit einer zeitlichen Verzögerung sinkt die Bereitschaft, risikoreiche Investitionspfade schnell zu monetarisieren. Für Regierungen und internationale Organisationen wiederum erhöht sich der Druck, nicht nur formale Zuständigkeiten zu klären, sondern auch messbare Umweltstandards festzulegen, die den Abbau technisch begrenzen.
Einordnung in den rechtlichen Rahmen macht klar, warum das Thema so zäh ist. Die ISA wurde durch das 1994 in Kraft getretene UN-Seerechtsübereinkommen (UN Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) geschaffen, um den Meeresboden auf Hoher See zu verwalten. UNCLOS stellt das Prinzip des „gemeinsamen Erbes der Menschheit“ in den Mittelpunkt, gerade dort, wo nationale Hoheitsgebiete nicht greifen. Der Konflikt verschiebt sich dadurch schnell von einem rein technischen Projekt hin zu einem Governance-Thema: Welche Schutz- und Kontrollmechanismen gelten, wer prüft die Umweltfolgen, wer trägt die Verantwortung, und wie werden Kontraktoren überwacht? Genau diese Punkte treffen sich derzeit mit strategischen Rohstoffinteressen und dem Zeitdruck, der in der Batteriewertschöpfungskette entsteht.
Die nächste Phase nach Kingston wird deshalb weniger durch einzelne Abstimmungen geprägt sein, sondern durch die Dynamik zwischen Staaten, Kontraktoren und zivilgesellschaftlichem Druck. Das vorläufige „Signal“ des Beobachterstatus kann wie eine Öffnung wirken, während das Moratorium als Gegenposition die Dringlichkeit wissenschaftlicher Klärung betont. Für Entscheider in Unternehmen heißt das: Wer im Umfeld der Tiefseeaktivitäten plant, muss künftig stärker mit regulatorischer Unsicherheit, strengeren Umweltanforderungen und potenziell längeren Prüf- und Überwachungszyklen rechnen. Und wer in die Forschung investiert, sieht eine Chance, die Debatte mit belastbaren Daten zu unterfüttern. Künstliche Intelligenz spielt dabei zwar nicht als alleiniger Hebel die Hauptrolle, kann aber in der Praxis als Werkzeug für Datenanalyse, Monitoring und Risikoabschätzung relevant werden, sobald Messdaten aus der Tiefsee schneller ausgewertet und Muster in Umweltdaten verlässlich erkannt werden sollen.
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