WALES / LONDON (IT BOLTWISE) – Die UEFA treibt rechtliche Schritte gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino voran und fordert eine Sicherung von Dokumenten und elektronisch gespeicherten Informationen. In dem Schreiben geht es nach Angaben aus der Sportverbandswelt um den FFE-Plan sowie um ein zuvor zurückgezogenes Investorenvorhaben. Parallel zieht Wales als erster europäischer Verband seine Unterstützung für eine erneute FIFA-Kandidatur für 2027 zurück. Damit verschiebt sich der politische Rückenwind für die FIFA-Führung spürbar, gerade wenn der Weltverband seine nächste Wahlphase vorbereitet.

Der Druck auf FIFA-Präsident Gianni Infantino verlagert sich gerade von der öffentlichen Kritik in Richtung Beweissicherung und formale Verfahren. Laut übereinstimmenden Berichten aus dem Umfeld der europäischen Verbandsarbeit hat die UEFA den Weltverbandsboss aufgefordert, sämtliches Material im Zusammenhang mit dem zurückgezogenen Investorenvorhaben nicht zu vernichten. Gleichzeitig soll der Zugriff auf Dokumente und elektronische Informationen gesichert werden, die in den Verantwortungsbereich der FIFA fallen. Für die FIFA ist das vor allem deshalb sensibel, weil es weniger um eine einzelne inhaltliche Meinungsverschiedenheit geht, sondern um die Frage, ob Unterlagen für ein mögliches Verfahren in verwertbarer Form erhalten bleiben.
Im Kern bezieht sich die Auseinandersetzung auf den von der FIFA vorgeschlagenen FFE-Plan (FIFA Forward Enterprise) und die Idee, Anteile an Premium-Produktrechten über private Geldgeber zu strukturieren. Der Deal, der nach den vorliegenden Angaben milliardenschwer geplant war, wurde letztlich abgeblasen: Rund 20 Prozent der Anteile sollten Investoren an einem neu zu gründenden Tochterunternehmen erwerben, dessen Wert zunächst mit 20 Milliarden Dollar beziffert war. Die FFE wiederum sollte kommerzielle Rechte an großen Wettbewerben bündeln, darunter die Männer- und Frauen-WM sowie die Club-WM. Diese Architektur wäre für die FIFA strategisch gewesen, weil sie zentrale Vermögenswerte in einer klar abgegrenzten Einheit bündelt und damit Vertrags- und Finanzierungslogik vereinheitlicht.
Welche Rolle dabei der Technologieinvestor Joshua Kushner gespielt haben soll, wird in den Berichten mit der Investmentfirma Thrive verknüpft. In diesem Kontext wird auch die politische Brisanz sichtbar: Kushners Familienumfeld wird im Zusammenhang mit Ivanka Trump erwähnt, was die Wahrnehmung des Projekts zusätzlich auflädt. Die eigentliche juristische Schärfe liegt aber in der von der UEFA geäußerten Sorge, es könne zu Handlungen kommen, die eine spätere Aufklärung erschweren. Die UEFA erhebt in einem Schreiben schwerwiegenden Verdacht, es könnten Beweise vernichtet werden; das geht aus der Darstellung als konkrete Aufforderung zur Sicherung von Dokumenten hervor. Damit ist deutlich, dass es nicht nur um das „Was“ des Investorenvorhabens geht, sondern auch um das „Wie“ bei der Aufbewahrung und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungsgrundlagen.
Auch auf der Ebene der Verbände setzt sich die Absetzbewegung fort. Wales, als walisischer Fußballverband (FAW), entzieht nach den vorliegenden Angaben öffentlich seine Unterstützung für eine erneute FIFA-Kandidatur Infantino für 2027. Wichtig ist dabei die Signalwirkung: Wales präsentiert sich als erster europäischer Verband, der diesen Schritt vollzieht, während andere Nationen zuvor noch schriftlich ihre Unterstützung zugesagt hatten. In der Begründung wird auf Defizite in mehreren Bereichen verwiesen, darunter verantwortungsvolle Verbandsführung, Entscheidungsprozesse und Stakeholder-Management sowie Kommunikation und Urteilsvermögen. Gerade solche Formulierungen sind für eine Organisation, die sich gern als Institution mit klaren Governance-Standards versteht, ein unmittelbarer Legitimationsverlust.
Der politische Druck bleibt dabei nicht auf eine einzige Landesgrenze beschränkt. Laut Darstellung aus dem Umfeld des europäischen Fußballs habe der Co-Gastgeber der EM 2028 im Vereinigten Königreich und in Irland der FIFA ebenfalls schriftlich mitgeteilt, dass das Vertrauen schwindet. Kurz darauf soll auch aus England an einem weiteren Brief an die FIFA-Spitze gearbeitet worden sein. Dass sich zugleich mehr als 200 Verbände zuvor in einer anderen Phase zusammenfanden, um Infantino rund um die Weltmeisterschaftsaison für die Kandidatur zu stützen, zeigt den schnellen Wandel: Von einer breiten, ausdrücklich zugesicherten Unterstützung hin zu einer fragmentierteren Allianz in Europa. Für die FIFA-Führung ist das weniger ein Reputationsproblem als ein Risiko für die Wahlarithmetik, weil die Stimmenverteilung am 77. FIFA-Kongress am 18. März 2027 in Rabat (Marokko) über den Ausgang entscheidet.
Technisch betrachtet ist die Beweissicherung zugleich eine digitale und prozessuale Herausforderung. Wenn eine Organisation nach Aufforderung „Dokumente und elektronisch gespeicherte Informationen“ identifizieren, auffinden und sichern soll, geht es praktisch um mehr als nur um Ordner auf einem Dateiserver: Dazu zählen E-Mail-Archive, Zugriffs- und Berechtigungsprotokolle, Daten aus Kollaborations-Tools sowie Versionierungen von Dokumenten, die in unterschiedlichen Teams entstanden sein können. Genau hier entscheidet sich, ob spätere Verfahren auf belastbaren Informationen aufbauen können oder ob Lücken entstehen, weil Informationen nicht formal genug gelagert wurden. In der Unternehmenspraxis wird solche Sicherung häufig über standardisierte Legal-Discovery-Prozesse (auch wenn der konkrete Rahmen hier sportrechtlich ist) umgesetzt: Es braucht definierte Holds, eine Nachverfolgung, welche Systeme betroffen sind, und eine nachvollziehbare Kette, wie die gesicherten Daten in den weiteren Prüfungsprozess überführt werden.
Für die Branche außerhalb der FIFA ist die Episode ein Lehrstück, wie eng Governance-Fragen mit Geschäftsmodellen verwoben sind. Der zurückgezogene Investorendeal zeigt, dass selbst groß dimensionierte Strukturen wie das geplante Bündeln von Wettkampfrechten in einer Einheit (FFE) an Grenzen stoßen können, sobald die Legitimität der Entscheidungspfade angezweifelt wird. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, welche Form die „Verfahren“ tatsächlich annehmen: Die UEFA kündigt an, dass sie die Einleitung rechtlicher Schritte, eines Schiedsverfahrens und/oder Beschwerden bei zuständigen Aufsichtsbehörden prüft. Bis zu einer Entscheidung steht damit vor allem fest, dass Europa die FIFA-Führung unter Handlungsdruck setzt und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass auch andere Stakeholder ihre Haltung überdenken. Für Verbände, Sponsoren und Technologiepartner ist das ein Signal, genauer auf Vertragsunterlagen, Kommunikationswege und Datenverfügbarkeit zu achten – denn in solchen Konflikten wird nicht nur das Geschäftsmodell bewertet, sondern auch die Fähigkeit, Nachweise zeitnah und konsistent vorzulegen.
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