BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Unionsfraktionsvize Sepp Müller fordert, deutsche Kohlekraftwerke wieder stärker dauerhaft einzusetzen. Als Hauptgrund nennt er die hohen Gaspreise und die Unsicherheit, ob Wind- und Solarstrom in „Dunkelflauten“ zuverlässig genug einspringen. Er argumentiert außerdem mit dem Ziel, teures Gas zu sparen und Speicher für den Winter besser zu füllen. Laut seinem Vorschlag sollen Kohlekraftwerke zunächst bis zur Verfügbarkeit ausreichend steuerbarer Gaskapazitäten laufen.

Unionsfraktionsvize Sepp Müller stellt in der aktuellen Debatte um Energiekosten einen klaren Vorschlag in den Mittelpunkt: Kohlekraftwerke sollen nicht nur dann hochfahren, wenn die Stromlage besonders angespannt ist, sondern wieder regelmäßig laufen. Hintergrund ist der von ihm adressierte Kostendruck durch hohe Gaspreise. Seine Begründung zielt dabei weniger auf den Ausbau einer neuen Erzeugungsstruktur als auf die kurzfristige Fahrplan-Logik der bestehenden Kraftwerkslandschaft: Die Kohleblöcke, so Müllers Argument, würden derzeit im Wesentlichen als „Backup“ genutzt, obwohl sie technisch in der Lage wären, als planbarer Beitrag kontinuierlicher zur Versorgung beizusteuern.
Der Kern der Aussage liegt auf dem Zusammenhang zwischen Einspeiseprofilen und Abrufbarkeit. Wenn Wind und Sonne in längeren Phasen deutlich schwächer produzieren, entsteht in Stromnetzen und in den Handelsmärkten ein zusätzlicher Druck, weil die alternative Stromerzeugung dann schnell verfügbar sein muss. Müller beschreibt das als Situation, in der Kohlekraftwerke „nur einspringen“, und überträgt daraus die Forderung, diese Fähigkeit nicht nur für den äußersten Notfall vorzuhalten. Dadurch soll weniger Gas im relevanten Zeitraum benötigt werden; gleichzeitig will er damit Zeit gewinnen, um die Versorgungslage stabil zu halten und den Aufwand für das Auffüllen von Speichern für den Winter zu unterstützen.
Sein politisches Referenzsystem ist dabei der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, den er wörtlich als Maßstab heranzieht. Darin heißt es demnach, dass sich der Zeitplan für das Abschalten von Kohlekraftwerken oder ihre Einordnung in die Reserve daran orientieren müsse, wie schnell tatsächlich steuerbare Gaskraftwerke zugebaut werden. Diese Passage ist aus energiepolitischer Sicht eine typische Brücke zwischen Klimazielen und Versorgungssicherheit: Sie setzt einen funktionalen Tausch-Mechanismus voraus, bei dem der Rückzug aus einer Erzeugungsart nur dann beschleunigt werden soll, wenn eine vergleichbare Steuerbarkeit durch eine andere Technologie real verfügbar wird.
Technisch knüpft Müller daran eine konkrete Erwartung über den Zeithorizont. Er geht davon aus, dass Kohlekraftwerke als Übergangslösung bis zur Errichtung von Gaskraftwerken mit vergleichbarer Kapazität weiterlaufen sollten; als Zeitpunkt nennt er voraussichtlich 2030 oder 2031. Entscheidend ist dabei nicht nur die Frage „wie viele“ Anlagen entstehen, sondern auch die Praxis der Bereitstellung: steuerbare Kraftwerke müssen für den Abruf in den entscheidenden Stunden und Tagen tatsächlich verfügbar sein. Gerade in Volatilitätsphasen ist das Zusammenspiel aus Erzeugung, Netzrestriktionen und Marktmechanismen die eigentliche Engstelle, weshalb Müllers Forderung als Eingriff in die Einsatzplanung zu verstehen ist.
Gegen die Kritik, Kohle sei klimaschädlich, führt Müller den Emissionshandel als Argumentationslinie an. Sein Hinweis dreht die Debatte teilweise weg von der Technologieentscheidung hin zur Kostensignalisierung durch CO₂-Preise: Wenn Emissionen im ETS bepreist werden, könnten die Mehrkosten einzelner Kraftwerksfahrweisen in die wirtschaftliche Abwägung einfließen. Das ist allerdings auch eine reale betriebliche Frage, denn Emissionshandel wirkt nicht „automatisch“ wie eine Schwarz-Weiß-Regel. Er beeinflusst zwar die Grenzkosten, aber die Einsatzentscheidung hängt zusätzlich davon ab, wie sich Brennstoffpreise, Strompreise, Verfügbarkeiten und erwartete Nachfragesituationen über den Einsatzzeitraum bewegen.
Parallel verweist Müller auf die operative Dimension der Umsetzung. Er kündigt an, das Thema in der SPD anzusprechen, während er sich zugleich im Austausch mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) befindet. Das zeigt, dass es ihm nicht nur um eine politische Positionierung geht, sondern um die Abstimmung innerhalb der Koalition, etwa welche Kraftwerke konkret betroffen wären und wie der Übergang bis zum Zubau steuerbarer Gaskapazität ausgestaltet werden könnte. Der Vorschlag zielt damit auf einen kurzfristigen Effekt bei den Strompreisen ab, gekoppelt an die Erwartung, Gas einzusparen und die Speicherstrategie zu stützen.
Für die Industrie und für Betreiber ist ein solcher Ansatz vor allem deshalb relevant, weil er die Schnittstelle zwischen Versorgungssicherheit und Marktdynamik neu kalibrieren kann: Wenn Kohleblöcke früher und häufiger als Reservebestand dauerhaft eingesetzt werden, verschiebt sich die Brennstoffnachfrage, und damit ändern sich nicht nur die Strompreise, sondern auch der Risiko- und Planungsrahmen für Speicher, Beschaffung und die Netzinfrastruktur. Gleichzeitig bleibt die politische Kerngröße offen, wie schnell und in welcher Qualität der Zubau steuerbarer Gaskraftwerke tatsächlich erfolgt und ob die reservierte Kapazität in der Übergangsphase den Bedarf auch in den seltenen, aber systemkritischen Wetterlagen deckt. Genau dort entscheidet sich, ob der Übergang als Stabilisierung wirkt oder lediglich eine weitere Phase der Abhängigkeit von kurzfristig verfügbaren Preissignalen verlängert.
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