LONDON (IT BOLTWISE) – Die US Air Force will bei künftigen Konflikten nicht nur verbrauchte Bestände ersetzen, sondern einen „Right Mix“ aus Waffen erreichen. Im Fokus stehen kürzere Zyklen für die Fähigkeitenentwicklung und die Fähigkeit, Updates in sehr kurzer Zeit ins Feld zu bringen. Gleichzeitig zeigen Vorstands- und Industrievertreter Engpässe bei ATO-Freigaben, Lieferketten und Tests. Daraus folgt als Priorität: Kapazität aufbauen, bevor ein Konflikt eskalieren kann.

Die Diskussion um knappe und potenziell „depletete“ Bestände trifft bei der US Air Force derzeit auf eine zweite, noch unbequemere Frage: Wie lässt sich ein Waffen- und Fähigkeitsportfolio so zusammensetzen, dass es nicht nur im Einsatzfall verfügbar ist, sondern auch in der Lage, sich während eines Konflikts schnell genug anzupassen? Brig. Gen. Robert Lyons III hebt in seinem Beitrag zum Thema Stockpile-Strategie explizit hervor, dass es nicht ausreicht, lediglich das zurückzuholen, was zuvor verbraucht wurde. Stattdessen müsse der „richtige Mix“ entstehen, der Fähigkeit, Skalierung und Produktionskosten zusammendenkt – und vor allem die Anpassungsfähigkeit an die Geschwindigkeit zukünftiger Auseinandersetzungen.
Was diese Formulierung in der Praxis bedeutet, wird am Vergleich sichtbar, den mehrere Panelteilnehmer und Unternehmensvertreter indirekt anstoßen: Während klassische Beschaffungs- und Integrationszyklen oft Monate oder Jahre benötigen, können sich Anforderungen auf dem Gefechtsfeld in aktuellen Konflikten innerhalb von Stunden oder Minuten ändern. Wenn sich die operative Lage so schnell dreht, verlieren Planungen, die stark auf einmaligen, langfristigen Lieferfenstern beruhen, an Wirksamkeit. Genau deshalb betont die Air Force laut den Ausführungen in der Runde die Balance aus „Capability“, „Capacity“ und den Kosten der jeweiligen Ausbaustufe sowie die Anpassung an Produktionstakt und -maßstab.
Für die technische Seite des Problems bringt Bryon Kroger, Gründer und CEO von Rise8, einen Kernpunkt aus der Softwarewelt in die Verteidigungssprache: In vielen Fällen sei die Software-Entwicklung historisch langsamer als die Hardware-Entwicklung gewesen. Besonders kritisch sei das dort, wo Software wie ein „Refueling“-System wirken müsste, das kontinuierliche Nachschub- und Updatefähigkeit bereitstellt – also nicht erst dann unterstützt, wenn eine größere Plattformumrüstung ansteht, sondern wenn ein Update unmittelbar im Feld gebraucht wird. In seiner Argumentation läuft das auf eine Entkopplung hinaus: Softwarezyklen sollen sich nicht an Hardwarezyklen orientieren, sondern sich an der realen Einsatznachfrage ausrichten, bis hin zu der Idee, Updates potenziell mehrfach am Tag auszuliefern und abrufbar zu machen, sobald eine Änderung erforderlich wird.
Damit diese Entkopplung nicht bei Freigabe- und Prozessschritten hängen bleibt, verlagert die Diskussion den Blick auf Umsetzungshürden in der Genehmigungs- und Beschaffungslogik. Ryan Hartman, CEO von Ondas Sentinel, stellt dafür vor allem die Frage in den Mittelpunkt, wie Bestände sich nicht nur aufbauen, sondern während des Konflikts weiterentwickeln können. Seine Aussage zielt auf ein strukturelles Spannungsfeld: Ein „Inventory am ersten Tag“ ist eine Gleichung, aber die entscheidende Variable ist, ob das System in der Lage ist, mit der Dynamik eines Gegners mitzuhalten. In der Logik der Runde wird zudem klar, dass Erwerbssysteme und Beschaffungswege so ausgelegt sein müssen, dass sie nicht nur Geschwindigkeit in der Beschaffung versprechen, sondern auch die erforderliche Anpassungsfähigkeit abbilden.
Konkrete Engpässe werden anschließend weniger technologisch und mehr prozessual beschrieben. Für Kroger ist ein zentraler Bottleneck kalenderbedingt: Ein großer Teil der Durchlaufzeit werde dafür aufgewendet, auf staatliche Genehmigungen zu warten – also auf die Verfügbarkeit eines autorisierenden Offiziellen. Wenn eine Vorbereitung oder ein Termin zur Autorisierung bereits selbst eine längere Phase von Monaten umfasst und dann bei Tests erneut Nacharbeit nötig wird, entsteht ein Wiederholungseffekt: Man redevelopt und wartet erneut auf den nächsten Slot im Genehmigungsprozess. Daraus resultiert in der Darstellung eine mehrstufige Verzögerungskette, die sich in langen ATO-Zyklen ausdrücken kann. Aus Sicht des Industrievertreters wirkt das weniger wie ein einmaliger Projektplanungsfehler, sondern wie ein systemischer Kalenderstau.
Hartman benennt im Gegenzug für die industrielle Seite gleich mehrfach denselben Engpass inhaltlich, aber mit unterschiedlicher Betonung: Lieferketten, Lieferketten und noch einmal Lieferketten – gefolgt von der Rolle des Testens. Das ist technologisch auch plausibel, denn selbst wenn ein Unternehmen ein Update technisch vorbereitet, entscheiden Vorprodukte, Integrationskapazitäten und Verfügbarkeiten über den realen Zeitplan. Daneben kann Test- und Validierungsarbeit zur zweiten Bremse werden, insbesondere wenn parallele Versionen entstehen oder wenn in kurzen Abständen verifiziert werden muss, dass neue Software- oder Systemvarianten tatsächlich die geforderten Eigenschaften im Einsatzkontext erfüllen. Für Entscheider in Unternehmen bedeutet das: Eine reine Pipeline-Optimierung im Entwicklungsbereich reicht nicht; notwendig ist eine End-to-End-Synchronisation über Beschaffung, Integration, Test und Freigabe.
Interessant ist schließlich, wie die Runde die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Industrie neu rahmt. Die Aussage, ein stärkerer Fokus auf performancebasierte Ergebnisse mache die Verteidigungsindustrie aus einem „Insider-Spiel“ heraus verfügbarer, zielt darauf, dass Verträge stärker über skalierbare, lösungsorientierte Produkte vergeben werden sollen. Diese Verschiebung würde die Incentives verändern: Nicht nur die Erfüllung formaler Anforderungen zählt, sondern die Fähigkeit, sich unter Zeitdruck an neue Missionslagen anzupassen. Für die nächsten Jahre formuliert Hartman das strategische Ziel entsprechend pragmatisch: Entscheidend sei, Kapazität aufzubauen, bevor ein Konflikt beginnt. Genau darin liegt der operative Kern des „Right Mix“: nicht nur die Bestände im Blick haben, sondern Produktions- und Updatefähigkeit so vorhalten, dass sich Fähigkeiten im Verlauf des Einsatzes weiterentwickeln können.
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